QUERELE

Mit Querele bezeichnet man heute Gezänk, Streit, Hader, Krawall.
Das lateinische Verbum queror bedeutet klagen, jammern, sich beschweren.
Querela war die lateinische Bezeichnung für den griechischen Gott.

Momos

Momos wird von Hesiod* in seiner Theogonie kurz als Sohn der Nyx, der Göttin der Nacht, erwähnt: Nyx gebar ... – keiner hatte den Schoß der nächtigen Herrin befruchtet – Momos, den Tadler ... * Bei Hesiod ist Momos noch einer der dunklen Nachkommen der Nyx, welcher in einem Zug mit Thanatos, dem Tod, Moros, dem Verhängnis, und Hypnos dem Schlaf, genannt wird. Allmählich aber wurde aus dem Gott des Tadels die Personifikation der Nörgelei, was in folgender Geschichte deutlich wird:

Zeus schuf einen Stier, Prometheus einen Menschen und Athene ein Haus. Sie wählten Momos als Schiedsrichter. Dieser beneidete die Götter wegen ihrer Werke und sagte, Zeus habe einen Fehler gemacht, weil er dem Stier die Augen nicht über die Hörner gesetzt habe, damit er genau sehen könne, wohin er stoße. Auch Prometheus habe etwas falsch gemacht, weil er das Herz des Menschen nicht außen an den Körper gehängt habe, damit die Übeltäter nicht verborgen blieben, sondern alles, was jeder einzelne im Sinn habe, sichtbar sei. Schließlich hielt er der Athene vor, dass sie Töpferscheiben unter dem Haus hätte anbringen sollen, damit man, wenn man einen bösen Nachbarn habe, sich leicht in eine andere Richtung drehen könne. Da wurde Zeus wegen dieser maßlosen und doch kleinlichen Nörgelei zornig und warf ihn aus dem Olymp.



Maarten van Heemskerck, 1498 – 1574: Momos kritisiert die Geschöpfe der Götter

Ein anderes Bild zeichnete Lukian* in seiner Götterversammlung, Deorum Concilium, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Götter zu Unrecht, weil ohne Würde, an der Göttertafel saßen. Lukian lässt Momos das Wort führen. Der Gott des Tadels beklagt, dass ein lärmender Pöbel aus verschiedenen Völkern sich die Götterwürde angemaßt habe, Gestalten mit Tierköpfen und solche, die nicht einmal Griechisch verstehen.

So wird Momos in dieser Götterversammlung zu einer zentralen Figur, welche sich weder von Furcht noch von Scham einschüchtern lässt. Er schmäht direkt und offen, was er für verlogen und boshaft hält. Momos ist bei Lukian kein nörgelnder Querulant, sondern er beansprucht für sich in jeder Situation Meinungs- und Ausdrucksfreiheit. Seine Reden sind keine wilden und unüberlegten Ausbrüche des Welthasses, sondern er weiß immer Argumente für seinen ausgesprochenen Tadel anzuführen.

Der Hass der Empörten ...

Wenn ein kluger Mensch einen Tadel ausspricht, wird ihm selten widersprochen, wohl aber wird hinter vorgehaltener Hand die Nase gerümpft. Es werden die gängigen Sentenzen* über die Klugheit gerne wiederholt, doch der Kluge selbst wird als anmaßend und hochmütig empfunden.

Vertrauen und Misstrauen sind Bestandteile des Werdens einer Person. Gewinnt jedoch das Misstrauen die Oberhand, entsteht im Menschen aus der Erfahrung der Ohnmacht, aber auch aus innerer Haltlosigkeit, aufgrund von Erlebnissen von Unrecht und Gewalt und der Fragwürdigkeit von Überzeugungen ein Nährboden, welcher Tadel, Besserwisserei und Rechthaberei begünstigt. Im schlimmsten Fall erwächst aus einer von Emotionen geleiteten Empörung ungehemmter Hass.

Der Tadel selbst ist oft eine von Entrüstung begleitete Reaktion auf eine unmoralische Handlung und orientiert sich in den allermeisten Fällen an moralischen Kategorien. Jemanden zu tadeln heißt meist, jemanden im moralischen Sinn zu tadeln.

Eine kritische Öffentlichkeit, durchaus auch von Misstrauen und Argwohn getragen, wacht darüber, dass Arroganz und Gier, die immer virulenten Hauptmächte der Gemeinheit, in der Res Publica nicht die Oberhand gewinnen. Wenn die allermeisten Medien eines Landes Arroganz und Gier nur auf einer Seite des politischen Spektrums anprangern, sei es aufgrund von Abhängigkeiten oder aus ideologischer Engstirnigkeit, verliert der Tadel seine moralischen Grundlagen.

Klugheit hat nur dann eine Chance, wenn es ihr gelingt, sich in zwei Richtungen abzugrenzen. Im Gegensatz zum auf das Allgemeine bezogenen Wissen muss sie sich auf den einzelnen konkreten Fall mit der Absicht beziehen, das Gute, Zuträgliche und Angemessene zu erreichen. Gleichzeitig aber muss sie sich vor Schlauheit, Gerissenheit, Tücke und Verschlagenheit in Acht nehmen. Diese haben nie das Gute zum Ziel, sondern bloß einen persönlichen Vorteil.

Dass die Menschheit etwas Neues hervorbringen wird, das weder Staat noch Markt ist, sondern von einem Vertrauen in das Gemüt und Gefühl der Menschheit (So Stéphane Hessel in seinem in Millionenauflagen erschienen Buch Empört euch!) getragen ist, ist eine gefährliche Illusion. Die Geschichte optimistisch als eine Abfolge von Fortschritten zum Besseren hin aufzufassen, ist ebenso abwegig wie die pessimistische Gegensicht.

Cicero sagt in seiner Verteidigungsrede für Gnaeus Plancius, nam meo iudicio pietas fundamentum est omnium virtutum* Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das vermeintlich sicherste Wissen von den niederen Dingen. Aus leidvoller Erfahrung weiß der Mensch, dass die Struktur des Denkens auf dem logischen Fortschreiten von der Prämisse zur Schlussfolgerung beruht, doch ist es gegen Leidenschaften und Schwächen, von denen Rechthaberei und Besserwisserei besonders unerträglich sind, nicht gefeit.

Als die Trojaner eines Morgens sahen, dass das Heer der Griechen verschwunden war und vor den Stadtmauern eine ungeheuerliche und seltsame Darstellung eines Pferdes stand, hörten sie nicht auf die Einwände des Kapys, des Laokoon oder der Kassandra, sondern folgten dem besserwisserischen Drängen jener, welche die riesige Holzskulptur in die Stadt bringen wollten. Die von den wenigen warnenden Stimmen formulierte Alternative wäre vorhanden gewesen, doch verwarfen sie



... verhindert nicht einen Schimmer am Horizont

Vernunft bedeutet das richtige Auffassen, das Aufnehmen, auch das Vernehmen. Mit Vernunft bezeichnet man das Vermögen, die aufgenommnen Gegenstände und Argumente zu verarbeiten und darüber Überlegungen anzustellen. Verbunden damit ist die Fähigkeit zum Verständnis, zur Einsicht oder zu einer tieferen Auffassung ohne egoistische Absichten.

Das Vertrauen in die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft ist ein Fundament kritischer Aufgeklärtheit. Doch steht dieses Vertrauen immer einem Zweifel gegenüber. Zur Zeit der Entstehung der Philosophie findet sich ein bemerkenswertes Zeugnis, das eine Antwort auf die Thematik Wahrheit und Skepsis zu geben versucht. Platons Dialog Phaidon berichtet von den Gesprächen, welche Sokrates mit seinen Schülern führt, bevor er den Giftbecher trinkt und damit das Todesurteil, das die Athener über ihn verhängt haben, vollstreckt. Sokrates beschäftigt sich in dieser Situation mit den Voraussetzungen der Wahrheitssuche. Deren größte Gefährdung sieht er in der Skepsis gegenüber der Kraft und Wahrheitsfähigkeit des Gesprächs. Sein Vertrauen in den Dialog, das Sich-mit-anderen-Unterreden, ist der Motor des Strebens nach Wahrheit. So lange das Gespräch nicht abreißt, ist der Mensch unterwegs zur Wahrheit. Jedes Gespräch ist ein Wagnis, das sich auf einen offenen Prozess einlässt, dessen Verlauf keiner in der Hand hat. Das Gespräch, das die Menschen miteinander führen, um die Welt zu beschreiben, stiftet Sinn, wenn es sich in der Gemeinsamkeit der Rede entfalten kann.
Das Schlimmste wäre es, aus Enttäuschung über die Ohnmacht unserer Weltbeschreibung das Vertrauen in das Gespräch zu verlieren wie einige Menschen durch die Desillusionierung ihres Umgangs mit anderen zu Misanthropen werden.

Aller Anfang ist schwer – und angefangen wird unablässig, denn die moderne Gesellschaft setzt auf stetiges Wachstum. Aufhören dagegen gilt fast immer als Scheitern. Es fehlt an der Kunst, etwas zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Zumeist wird man von außen dazu gebracht. Das kann ärgerlich sein, kann kränken und verbittern. Das selbstbestimmte Aufhören jedoch entbehrt selten einer gewissen Würde. Voraussetzung ist ein Gespür für die angemessene Dauer einer Sache und die Entschlossenheit, im richtigen Moment selbst einen Schlusspunkt zu setzen. Verzichten können ist eine der großartigsten Fähigkeiten des Menschen. Aufhören kann nicht nur Verlust, sondern auch Befreiung bedeuten. Dies gilt auch für Kritik und Tadel.
Denn jedem Ende wohnt ein Zauber inne.

Nicht der Glaube an die Götter oder die Ordnung des Universums, sondern der Wille zum Gespräch, dem ein Grundvertrauen an die Menschen zugrunde liegt, trägt die Suche nach der Wahrheit.* Es ist ein ungesicherter Weg ins Offene. Nicht eine abschließende Beschreibung zu geben, die von den Verfechtern von Ideologien – die zu sein sie empört zurückweisen – lautstark verkündet werden, sondern das aufrichtige Gespräch weiterzuführen, wäre das Ende aller Querelen.



Eduard Angeli, geb. 1942 in Wien: Die Drohung

   
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