Realität als Interpretation des Mythos



Große Krisen sind immer durch den Staat mitverursacht. Durch Inkompetenz, Torheit und mangelnde Weitsicht der handelnden Personen nehmen sie ihren Lauf.
Kennzeichnend für das Personal in Politik und Wirtschaft ist heute seine Bildungsferne. Sie begünstigt den Autonomieverlust politischen Handelns und lässt die Ökonomisierung des Geistes zu, welche sowohl am Verfall der meisten Bildungseinrichtungen zu staats- und wirtschaftskonformen Ausbildungsstätten als auch am Jahrmarktgeschrei des Kulturbetriebs abzulesen ist.

Noch dazu wird die gegenwärtige Krise durch folgende Illusionen üppig genährt:

° Die Illusion von der Gleichheit

Der Glaube, dass alle Menschen gleich sind, ist der Vorbote des Totalitarismus. Gleichheit gibt es nur um den Preis der Unfreiheit, Freiheit nur um den Preis der Ungleichheit. Die Schwächen des Menschen institutionell überwinden zu wollen, ist ein Symptom infantiler Allmachtphantasien.

° Die Illusion von den Gesetzen

Die Illusion, durch immer mehr und detailliertere Reglementierung die Gesellschaft und auch den Staat zu verbessern, führt zum Verschwinden jenes Verständnisses von Gerechtigkeit, welches die moralische Selbstverantwortung als höchstes Gut betrachtet.

° Die Illusion vom aufgeklärten Bürger

Sie verbirgt die immer stärker um sich greifende Bevormundung des Einzelnen durch den sich um alles sorgenden Staat.
Es galt als selbstverständlich, dass jeder Verantwortung für sich selbst, die Gesellschaft und damit für den Staat wahrnahm. Wer unschuldig in Not geriet, dem sollte geholfen werden, nicht durch Almosen, sondern durch jenes soziale Netz, das wieder eine eigenständige und selbstverantwortete Lebensführung ermöglicht. Doch die große Masse begnügt sich inzwischen mit dem Erreichen materiellen Wohlstands und entbehrt dadurch der Reife, Verantwortung zu übernehmen. Aus dieser immer mangelhafteren Selbstverantwortung erwuchs die für viele wohlige Auffassung, sich der allumfassenden Fürsorge des Staates überlassen zu können.
Es ist aber nicht nur dieses Versagen des Volkes, sondern ebenso das Versagen der Eliten, von denen sich große Teile davon entfernen, verantwortungsvoll und nicht aus bloßem Eigennutz zu handeln, welche die Krise der Gegenwart kennzeichnen.

° Die Illusion von der Freiheit

Sie verdrängte die soziale Marktwirtschaft, welche nach dem Ende des zweiten Weltkrieges den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands und Österreichs maßgeblich prägte.
Zwar ist ein Grundprinzip der sozialen Marktwirtschaft das Mehren des eigenen Wohlstands und nicht eine Ethik des Teilens, doch sorgte sie für viele Brote, statt wenige Brote in gerechten Scheiben zu verteilen. Die Entscheidungsträger in den staatlichen Institutionen erwiesen sich allmählich angesichts der Illusion von der Freiheit als völlig paralysiert. Heute scheint die Idee von der Unzuständigkeit des Staates für das Funktionieren der Grundlagen des Zusammenlebens im Vordergrund zu stehen. Doch ein Wahnsystem, das sich rational gebärdet, mit Mathematik arbeitet, von bildungsfernen, düsteren Statisten in uniformer Kleidung in den Händlerräumen und Bürofluchten der Großbanken betrieben wird, marginalisierte die Grundidee der sozialen Marktwirtschaft.
So gehört es zu den wichtigen wirtschaftspolitischen Aufgaben eines Staates, die Banken zu beaufsichtigen. Die Notenbanken haben als oberste Pflicht, die Währung stabil zu halten. Banken hingegen sollen die Volkswirtschaft mit Geld versorgen. Doch sie suchten in den letzten Jahren vermehrt außerhalb der Realwirtschaft zusätzliche Betätigungsfelder. Nicht weil die soziale Marktwirtschaft die Maskierung eines brutalen Kapitalismus ist, wie linke Ideologen nicht müde werden zu behaupten, sondern wegen der Vernachlässigung seiner Verantwortung setzte der Staat selbst die entscheidenden Voraussetzungen für die Marginalisierung der Regeln der sozialen Marktwirtschaft.



Die Ursachen der jetzigen Krise der westlichen Welt liegen in den siebziger Jahren, als man versuchte, den echten, weil erwirtschafteten Wohlstand mit Defiziten zu beschleunigen und zu erhöhen. Diese synthetische Erzeugung von Wohlstand konnte nicht von Dauer sein.



Thomas Schütte, geboren 1954 in Oldenburg: United Enemies, 1993


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1) Der US-amerikanische Hedgefondsmanager John Paulson war unter anderem an einem Finanzkonstrukt des Bankers Fabrice Tourre von Goldmann Sachs beteiligt, zu dem auch Hypothekenanleihen gehörten, auf deren Preisverfall er aber gleichzeitig Wetten abschloss. Als der Häusermarkt in den USA zusammenbrach, wurden diese Papiere wertlos. Investoren verloren etwa eine Milliarde Dollar. Paulson machte 2007 riesige Gewinne.
Doch Fabrice Tourre wurde zu einer Symbolfigur für die Überheblichkeit an der Wall Street. In einer E-Mail an seine Freundin scherzte er, dass er Schrottpapiere auch an „Witwen und Waisen“ verkauft habe. Im Verfahren bedauerte er zwar diese Aussage, doch es gab zu viele Argumente, die gegen ihn sprachen. 2007 hatte er jene berühmt gewordene E-Mail geschrieben, welche ihm den Spitznamen fabelhafter Fab einbrachte: „Das ganze Gebäude steht vor dem Kollaps. Einzig möglicher Überlebender, der fabelhafte Fab...“