Rinascita



Pienza

Das Zeitwort renasci bedeutete im klassischen Latein das Wiederwachsen und das Wiederausschlagen gekappter Bäume. In christlicher Zeit bezeichnete man damit die sakramentale Wiedergeburt in der Taufe.

Ein neuer Zugang zur Welt

Die Renaissance ist wohl die einzige historische Epoche, welche sich von ihren Anfängen an eine Selbstbezeichnung gegeben hat. Bereits die italienischen Humanisten des 15. Jahrhunderts sprachen von Rinascità und meinten damit die Wiederbesinnung auf die römische Antike.

Die Renaissance umfasst die Zeit zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert:
Frührenaissance (1400 bis 1500),
Hochrenaissance (1500 bis 1530) und
Spätrenaissance (1530 bis 1600), welche auch Manierismus genannt wird.

Die Beschäftigung mit der Antike – in der Philosophie war dies eine lange Tradition – trat mit Beginn des 14. Jahrhunderts immer mehr in den Mittelpunkt. Dadurch ergab sich eine Sichtweise, welche ein Ideal entwickelte, das nicht theologisch durchdrungen war. Vor allem Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio begannen die im Mittelalter fast verschollene klassische Literatur zu sammeln und zu erschließen. Nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 flüchteten viele griechische Gelehrte nach Italien, wo sie die antike Tradition zusätzlich belebten. Der byzantinische Philosoph Georgios Gemistos Plethon gewann Cosimo de Medici für den Plan, in Florenz eine Akademie zu gründen. Diesem Beispiel folgten Gründungen in Rom, Neapel, Venedig.

In der Antike meinte man ein Menschenbild zu finden, an dem sich die Gegenwart aufrichten könne. Francesco Petrarca hielt Zwiesprache mit den großen Dichtern, Philosophen, Staatsmännern und Feldherren insbesondere der römischen Antike, um sie in das eigene Leben aufzunehmen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Allerdings war für Petrarca die Beschäftigung mit den Alten auch eine Flucht aus seiner Gegenwart. Immer mehr erstarkte die Zuversicht, dass die Beschäftigung mit der Antike eine sittliche Haltung bewirken würde, welche zu mehr Weisheit führen und die Menschen bessern würde.

In Italien war man von den Resten der antiken Architektur umgeben, welche nun eine zusätzliche Anregung bot. Erinnern bedeutet auch immer neu finden. Das Bewusstsein einer Erneuerung der literarischen Kultur und der bildenden Kunst begann sich in Italien, besonders in Florenz, auszuprägen. Durch das als vorbildlich geltende Altertum, das man in einem Gegensatz zur Gegenwart empfand, erblickten Gelehrte, Philosophen, Wissenschafter und Künstler den Anfang einer neuen Zeit, der sie selbst sich bereits zugehörig verstanden, auch wenn man in der allgemeinen Geschichte das 15. Jahrhundert noch dem Mittelalter zurechnet. Mit dem Begriff Renaissance beschrieb man die Erneuerung der klassischen Latinität, der Literatur, der Kunst, ja überhaupt eine umfassende kulturelle Bewegung.

Der Schleier aus Glauben, Befangenheit und Wahn wird gelüftet

Jacob Burckhardt kennzeichnete die Renaissance durch die Entdeckung der Welt und des Menschen als modernes Individuum mit seiner Bildung und seiner Stellung zu Staat und Religion und ordnet sie zeitlich und räumlich an den Beginn des 14. Jahrhunderts in Italien ein. Die italienische Kultur der Renaissance entstand in modernen, nicht in großen Staaten und nicht während der höchsten wirtschaftlichen Blüte. Die in diesen Staaten, Florenz, Neapel, Rom, Venedig sich ausprägende Bildung wurde die des Europäers. Nicht das Altertum an sich, sondern das freie Umgehen mit einzelnen Motiven, Formen und Gedanken in der Gegenwart verliehen der Lebensatmosphäre einer nicht mehr ausschließlich kirchlich geprägten Kultur ein neues Gesicht.

Jacob Burckhardt sah den Menschen im Mittelalter unter einem „Schleier ... aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn“ sich selbst nur in korporativen, geschlossenen Ordnungen erkennend. „In Italien zuerst verweht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der sämtlichen Dinge der Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Subjektive, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ Der Gegensatz ist nicht mehr der von Tod und Leben, Irrtum und Wahrheit, falschem und richtigem Stil, sondern der von Dämmern und Bewusstsein, Kindheit und Reife und – in veränderter Bedeutung – der von Barbarei und Kultur. Burckhardt hatte durchaus Sinn für die Kultur des Mittelalters, aber er beschwor die der Renaissance, weil er die damals neu erstandene Kultur des modernen Europäers durch die Barbarei grenzenlosen Erwerbsstrebens und militärischer Staaten gefährdet sah. Er beschrieb weniger das Vergangene als das unvergangen Bleibende.

Die Idee des humanistischen Gymnasiums, wie sie am Anfang des 19. Jahrhunderts entstand und fast zweihundert Jahre wesentlicher Bestandteil der europäischen Zivilisation war, verfolgte die Absicht, die geistige Natur der Jugendlichen auszubilden, ihr Gemüt zu veredeln und ihre sittlichen, geistigen und ästhetischen Kräfte zu stärken. Humanistische Bildung war ein Selbstzweck, der auf eine höhere Lebensform des Einzelnen angelegt war. Man meinte, dass eine solche Formung nicht nur dem einzelnen Jugendlichen zugute komme, sondern die gesamte Gesellschaft bereichern würde, in der er als Erwachsener leben würde.

1.Francesco Petrarca

2.Giorgio Vasari



Rosso Fiorentino, 1495 – 1540: Die Vertreibung der Unwissenheit
gehört zu den Fresken, welche Rosso Fiorentino im Auftrag des französischen Königs François I. in Fontainebleau schuf.
Die Unwissenheit und die durch sie verursachten Laster irren mit verbundenen Augen umher. Zugleich betritt der König
den Tempel Jupiters. Das Schwert in seiner Rechten und ein unter den linken Arm geklemmtes Buch weisen ihn als
Kriegs- und Geisteshelden aus. Der Lorbeer auf dem Haupt weist auf seinen Anspruch auf die Kaiserwürde
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hin.
   


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