Du suchst mit solchem Fleisz das ewige Bewegen
und ich die ewge Ruh: Woran ist mehr gelegen? *

Während des größten Teiles der wachen Tagesstunden schweift der Geist umher und unser bewusstes Denken nimmt einen eher kleinen Raum ein. Konzentriert man sich nicht, produziert das Gehirn einen automatisch ablaufenden gewissermaßen inneren Monolog, welcher aus einem Strom aus Erinnerungen, Bewertungen und kleinen Geschichten besteht. Viele Male am Tag verliert sich der Mensch darin und findet oft nur mit Mühe wieder heraus. Dieses innere Palaver kann man mit der Verarbeitung von Erfahrungen, aber auch mit Kreativität oder der Zukunftsplanung in Verbindung bringen, wenn man den Menschen über die Zeit hinweg als ein kontinuierliches Selbst interpretiert. Es kommt noch hinzu, dass diese interne Plappermaschine Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit empfindlich stört, etwa die Leseleistung beeinträchtigt und die Gedächtniskapazität verringert.

Wer seinen äußeren Redefluss nicht bremsen kann, dem wird bald keiner mehr zuhören, wer seinen inneren Redefluss nicht im Griff hat, kann bald nicht mehr klar denken. Er verliert den Kontakt zu sich selbst. Die innere Autonomie des Menschen steht und fällt mit der Fähigkeit, äußeres und inneres Geplapper im Zaum zu halten. Es lässt sich nicht vermeiden, dass das Denken immer wieder die Grenze zwischen bewusster und unbewusster Ebene überquert. Doch je mehr es dem Menschen gelingt, sich dieser unterschiedlichen komplexen Vorgänge bewusst zu werden, umso weniger Chancen eröffnen sich der schier unendlichen Kapazität innerer Unaufmerksamkeiten.

Nicht nur in Fußballstadien und auf Demonstrationszügen ist zu beobachten, dass viele Menschen durch ihre bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse mehrere Stufen auf der Leiter ihrer Zivilisiertheit herabsteigen. Mag der Mensch als Einzelner auch ein erträgliches Individuum sein, in der Masse kann er zum unberechenbaren Triebwesen werden. Oft verliert er in der Masse seine Urteilskraft und wird von unkontrollierbaren Emotionen getrieben. Der Einzelne, der sich so als Teil eines Ganzen angesprochen empfindet, verliert seine Selbstbeherrschung, seine Besonnenheit in schwierigen Situationen und verfällt einem Rausch leidenschaftlicher Ausbrüche und Übereilungen.

Stil zu haben, bedeutet eine umfassende Art, das Dasein zu gestalten, und zwar nicht bloß im Bereich sichtbarer Äußerlichkeiten. Wesentlich ist der Wunsch nach Distinktion* .
Stil hat insofern mit Distinguiertheit zu tun, als man sich mit dem Gegebenen nicht abzufinden bereit ist, die bedrückend eintönigen Ebenen der Massengesellschaft hinter sich zu lassen wünscht, ja der Banalität überhaupt den Rücken kehren will. Stil zu haben, ist ein hoher zivilisatorischer Akt. Wie sähe die abendländische Kultur wohl aus, wenn die Menschen sich immer nur mit dem Notwendigen, dem Praktischen und dem Bequemen zufrieden gegeben hätten? Stil zu haben, ist nicht selten eine Art von Stolz, die sich unerschrocken und unbeeinflusst von den Meinungen, Moden und Wankelmütigkeiten der Masse weiß und über die Phrasen des Zeitgeists hinwegschreitet.

Gedanke und Form sind nicht zu trennen. Jedes Jahrhundert hat seine Lieblingsphrasen. Das achtzehnte Jahrhundert erging sich in der Sensibilität und erfand in diesem Sinne die Guillotine. Das neunzehnte hatte es mit der Zivilisation zu tun und war ungefähr so zivilisiert wie das achtzehnte Jahrhundert sensibel war. Das zwanzigste Jahrhundert, zumindest seine zweite Hälfte, gilt als das der Menschenrechte.

Stil steht gegen die Beschränktheit jener, die immer gleich die ganze Welt retten wollen und in Wahrheit nicht einmal sich selbst helfen können. Meist sind diejenigen, die es immer besonders gut meinen, selten die Ehrlichsten. In der von moralisierenden Grundtönen geprägten Gegenwart erscheint der stilvolle Mensch egozentrisch, überheblich und an anderen uninteressiert. Dabei ist sein Verbesserungspotenzial bloß auf sich selbst bezogen und er verschont die Welt mit Veränderungsphantasien.*

In den Prachtstraßen der Metropolen sieht man mit den Einkaufstaschen der großen Luxusmarken behängte Touristinnen von einer Nobelboutique zur nächsten ziehen. Mit Markenprodukten glauben sie etwas kaufen zu können, das es aber für Geld nicht gibt: Stil. Stil ist die Form, die der Mensch seinem Leben geben kann, welche seine Individualität so entfaltet, wie sie nicht anders ausgedrückt werden kann.

Stil ist Präzision, Klarheit, Genügsamkeit und innere Größe. Stil zu haben, ist eine Sache, der Stillosigkeiten gibt es jedoch viele. Stil ist das eine, distanzlose vermeintliche Authentizität und Luxus sind etwas anderes.

In einem nicht nur für ihre Gruppe typischen Bekenntnis formulierte eine junge deutsche „Piratin“ mit bemerkenswerter Klarheit, dass sie sich als eine Idealistin betrachtet und sich eine diskriminierungsfreie Welt wünscht, in der es nicht notwendig ist, sich ins Privatleben zurückzuziehen. In einer solchen Welt würde sich das Privatleben in jene Sphäre verlagern, die einst öffentliches Leben genannt wurde. Die Peinlichkeiten nähmen zu, aber die Bereitschaft, mehr oder weniger höflich über sie hinwegzusehen, wüchse ebenfalls. Allmählich würden sie wahrscheinlich gar nicht mehr als Peinlichkeiten wahrgenommen.

Luxus ist Üppigkeit, Verschwendung und Materialismus. Er benötigt eine Bühne, um sich darzustellen, und eine Menschenmasse, die ihn neidisch bewundert. Leute, die im Kleinen nichts leisten, bilden sich gerne ein, sie seien für etwas Größeres geboren. Wer sich zu groß fühlt, um kleine Aufgaben zu erledigen, ist zu klein für große Aufgaben.

Diese Photographie zeigt einen Ausschnitt aus der nicht mehr existierenden Kunstsammlung in der Rue Bonaparte in Paris, welche Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in einer Jahrzehnte dauernden Leidenschaft zusammengetragen hatten. Diese Kunstsammlung war von den Wohnungen und Häusern, in denen sie sich befand, nicht zu trennen und niemals für die Öffentlichkeit zugänglich, weil die beiden bis zum Tod Yves Saint Laurents am 1. Juni 2008 darin lebten.

Man sieht über dem Gemälde Le désespoir de Pierrot von James Ensor aus dem Jahre 1892 Henri Toulouse-Lautrecs Stillleben La Tauromachie aus dem Jahre 1894. Das Sofa ist venezianisch und stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Im Mittelpunkt des Ensor-Bildes steht ein weiß gekleideter, hoffnungslos wirkender Pierrot, der von Schreckensfiguren jeder Art umgeben ist. Auf Ensors Gemälde retten keine Heroen die Welt, sondern es dominieren Masken jedweder Art, welche brutal und bösartig erscheinen, gleichzeitig aber alles ins Verborgene und Rätselhafte zerren. Der weiß gekleidete Pierrot steckt zwar in einem Narrenrock, sein Antlitz ist aber weder entstellt, noch geschminkt oder maskiert. Ob es einen Zusammenhang der Feinheit des Geistes mit der Niedertracht gibt, ist schwer zu beurteilen, dass jedoch eine größere Durchlässigkeit besteht als beim extrovertierten und genusssüchtigen Menschen legt dieses Bild nahe.
Das darüber befindliche Gemälde von Henri Toulouse-Lautrec zeigt Tote, den Kopf eines toten Stiers und den eines toten Toreros. Alles tot, die durch das Tier repräsentierte Natur und der sich vermeintlich über sie erhebende Mensch. Ein Stillleben par excellence.
Der Stoff des venezianischen Sofas zeigt paradiesisch anmutende Szenen, auf denen die Natur mit den Menschen in einer friedlichen Idylle vereint erscheint.

Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Sitzmöbel und die beiden Bilder des späten 19. Jahrhunderts fanden im 20. Jahrhundert ihren Platz in dieser monumentalen Sammlung von siebenhundert Objekten, welche im 21. Jahrhundert versteigert wurde. Die Versteigerung wurde von Christie’s und Pierre Bergé & Associés im Grand Palais, dem riesigen Jugendstil-Glaspavillon in Paris, organisiert und fand vom 23. bis zum 25. Februar 2009 statt.

Stil hat eine unabdingbare Voraussetzung, die als Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit beschrieben werden kann. Fehlt sie, versinkt alles in Luxus, Protzerei und Hochmut oder in Banalität, dumpfem Dahinvegetieren und biederem Konsumdenken.
Pierre Bergé sagte nach der Versteigerung, deren Erlös er in eine Stiftung einbrachte, in einem Interview: „Was soll’s, wenn ich jetzt nur mit leeren Wänden, meinen Vanitas-Bildern und der Memento-Mori-Sammlung lebe? Ich hinterlasse eine Spur im Sand und dann kommt ein Wind und verweht sie. Alles ist Vanitas.“


   
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