Ludovico Manin

Venedig ist heute das Resultat einer Subtraktion des Größeren vom Geringeren:
der Schönheit vom Menschen.


Der Palazzo Dolfin Manin, in dem sich heute eine Bank befindet, hat die Adresse San Marco 4799

Der 24. Oktober 1801 war ein milder Herbsttag. Der Fürst hatte seit Wochen den Palast nicht mehr verlassen. Er blickte vom Piano nobile auf das Treiben am Canale Grande und es überkam ihn eine große Sehnsucht, jetzt am späten Nachmittag, bevor die Sonne verschwand, mit der Gondel nach Canareggio überzusetzen, dort durch die ruhigen Gassen vielleicht bis zur Kirche der Jesuiten zu gehen, um zu beten. Der schöne Herbsttag verdrängte alle Bedenken, die in ihm aufstiegen.
Vor einem Monat war er von alten Weibern erkannt worden, die ihn beschimpft und verhöhnt hatten. Als die ihn begleitenden Diener dem würdelosen Spektakel ein Ende bereiten wollten, verbot er ihnen einzuschreiten und gab Befehl, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit die sie begleitende Gondel zu besteigen, um in den sicheren Palast zurückzukehren.
Nun läutete der Fürst nach seinem Kammerdiener, der seit vielen Jahren unerschütterlich treu in seinen Diensten stand, und äußerte seinen Wunsch, alles für einen Spaziergang vorzubereiten. Die Bedenken des Dieners gegen diesen Plan verwarf er. Ludovico Manin wählte eine unauffällige Kleidung, bedeckte mit einem Schal den unteren Teil seines Gesichts und zog einen breitkrempigen Hut tief über seine Stirn. So verließ der Fürst, welcher der letzte Doge von Venedig gewesen war, mit seinem Kammerdiener, einem weiteren Diener und seinem Gondoliere den Palast am Canale Grande. Er wusste, die unglücklichen Erinnerungen, welche in ihm aufstiegen, waren Fiktionen, die nur unzureichend auf Fakten und maßgeblich auf Assoziationen beruhten.

Seine 1651 nach Zahlung einer beträchtlichen Geldsumme in den Adel aufgenommene Familie hatte seit dem frühen 18. Jahrhundert einen Teil des Palastes gemietet. Dieser war 1538 nach Entwürfen des Bildhauers und Architekten Jacopo Sansovino errichtet worden. Dem Bau war eine längere Auseinandersetzung mit dem Rat der Republik vorangegangen. Der Bauherr Giovanni Dolfin plante ein Gebäude, das bis ans Wasser reichen sollte. Dies hätte jedoch eine ärgerliche Unterbrechung für die Fußgänger bedeutet. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Der Rat erteilte die Auflage, dafür zu sorgen, dass der Palazzo nach Art alter byzantinischer Paläste im Erdgeschoß eine große Bogenhalle erhielt, die den Blick auf den Canale Grande freigab und für das Volk keine Beeinträchtigung seiner Fußwege bedeutete. Ludovico und sein Bruder Pietro erwarben 1787 den gesamten Palast, der sich in einem prekärem Zustand befand. Ab 1793 wurde das Innere für Ludovico Manin umgebaut. Der Palast enthielt nun auch eine der bedeutendsten Privatbibliotheken der Stadt.

Ludovico Manin blieb zunächst auf der Gondel stehen und blickte auf die Säulen seines Palastes. Sansovino hatte an der Fassade die antike Säulenordnung zitiert. An den drei Geschoßen waren in aufsteigender Reihe dorische, ionische und korinthische Pilaster zu sehen. Er begab sich schnell ins Innere der Gondel und zog die schwarzen Vorhänge vor, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen, und ließ sich in den mit Pölstern ausgelegten Sitz fallen. Das Innere der Gondel war in Schwarz und Gold gehalten.
Er erinnerte sich an den Tod seines Vorgängers Paolo Renier, der am 13. Februar 1789 gestorben war. Sein Tod war zunächst verheimlicht worden. Der große Karneval, der aus ganz Europa reichlich Geld in die Republik fließen ließ, sollte nicht gestört werden. Erst am 2. März, nachdem bereits Gerüchte im Umlauf waren, wurde der Tod des Dogen bekannt gegeben. Die Tribünen und Buden, welche während des Karnevals am Markusplatz standen, wurden abgebaut und die Vorbereitungen für das feierliche Begräbnis begannen.
Die Fahrt in den nordwestlichen Stadtteil verlief ruhig und unauffällig. Der Gondoliere legte das Boot des Fürsten so an, dass er schnell mit den beiden Dienern aussteigen konnte. Die Richtung des Spaziergangs war abgesprochen, sodass ihnen die fürstliche Gondel folgen konnte. Alle drei gingen nun schnellen, aber gesetzten Schrittes dahin, um nicht aufzufallen.

Der alte Doge hatte sich nie den Pflichten seiner Stadt gegenüber entzogen. Auch nicht an jenem düsteren 9. März des Jahres 1789, als er im ersten Wahlgang zum Nachfolger Paolo Reniers gewählt worden war. Er hatte sich vergeblich gegen die Übernahme dieses Amtes gewehrt, aber dann mit gebeugtem Haupt, mit Tränen in den Augen und mit versagender Stimme die Wahl angenommen. Er war sich klar darüber, dass er diesem Amt nicht gewachsen war, aber er ahnte auch, dass es niemanden mehr gab, der das Schicksal der Republik aufhalten könnte.
Die Feste anlässlich der Amtseinführung des neuen Dogen begannen. Gottesdienste, Umzüge und üppige Festessen fanden nach den alten Traditionen statt. Er wurde auf einer mobilen, hölzernen, prunkvoll gestalteten, kanzelartigen Einrichtung in seinem scharlachroten Krönungsornat über den Markusplatz getragen, schwankend über einer vieltausendköpfigen Menge, welche ihm zujubelte.
Jahre waren vergangen und die Ereignisse in Europa überschlugen sich. Der Fürst wahrte zwar die strikte Neutralität Venedigs, doch änderte dies nichts daran, dass die ermattete alte Adelsrepublik von keiner Macht Europas mehr ernst genommen wurde. Sie gehörte zur Verfügungsmasse, an der sich Frankreich und das Habsburgerreich schadlos hielten. Am 9. Mai 1797 bat Ludovico Manin angesichts der offenkundigen Ohnmacht seiner Funktion, ihn aus dem Dogenamt zu entlassen. Vergeblich. Doch schon drei Tage später, am 12. Mai – dieser Tag hatte sich in sein Gedächtnis eingemeißelt – , trat im prunkvollen Saal des Dogenpalastes die Große Ratsversammlung ein letztes Mal zusammen und beschloss trotz der geringen Anzahl der anwesenden Mitglieder, die jahrhundertealte Staatsordnung preiszugeben. Vor dem Palast schrie das versammelte Volk: Viva San Marco! Doch auch dies änderte nichts mehr. Als der Beschluss des Adels bekannt gegeben wurde, breitete sich in der Volksmenge zunächst lähmendes Entsetzen aus. Einige enttäuschte Gruppen zogen zu den Häusern jener Patrizier, die sie für Jakobiner hielten, um ihre Gebäude zu plündern.


Abdankung des letzten Dogen, von einem unbekannten Maler

Der Korse, der zum Schrecken Europas geworden war, hatte sich getäuscht. Die Revolte der Venezianer war nur kurz aufgeflackert. Viel tiefgreifender war die Empörung, weil Napoleon die Republik zerstört hatte. Am 4. Juni kam es zur Inszenierung eines bizarren Spektakels. Am Markusplatz wurde ein Scheiterhaufen errichtet, auf dem der Corno, der goldene Herzogshut des Dogen, und das Goldene Buch, das seit altersher die Namen der ratsberechtigten Patrizier verzeichnete, verbrannt wurden. Gleichzeitig begannen die Truppen Napoleons mit dem Abtransport der beschlagnahmten Kunstwerke nach Paris, darunter Meisterwerke der Bellinis, Tizians und Veroneses. Eine ohnmächtig schweigende Menge verfolgte die Abnahme des Markuslöwen von der großen Säule auf der Piazzetta.

Der Fürst und seine Begleiter sahen nun bereits die Jesuitenkirche, die nach dem Überqueren einer steinernen Brücke über den Rio di Santa Caterina aufgetaucht war. Ludovico Manin fielen die Worte des mutigen Andrea Tron ein: Was bleibt uns jetzt? Eine schwache und unfruchtbare Erinnerung an das Gewesene. Alles ist zerfallen. Alles ist verloren. Wir haben die Maximen und Gesetze vergessen, die unsere Vorfahren groß gemacht haben. Unser Vermögen schmilzt dahin, es dient nur noch dazu, die Teilnahmslosigkeit, die erdrückende Last des Luxus, tolle Vergnügungssucht und verworfene Ausschreitungen zu vermehren. Die Indolenten unter uns werden entweder zu einer Gefahr für den Staat oder sie wandern aus und suchen eine andere Heimat unter einem anderen Himmel, wo sie Fremde bleiben. Des Fürsten Gesicht war wie versteinert. Immer wieder hatte er sich die Frage gestellt, was er hätte besser machen können. Er war zum Sündenbock für das Ende der Republik geworden. Wie hätte er dieser mutlosen Generation von Adeligen einen Kampf gegen Napoleon zumuten können, einen Kampf, dessen Niederlage gewiss war? Als man ihm den formalen Vorsitz der provisorischen demokratischen Stadtverwaltung, die von Napoleon eingesetzt worden war, antrug, hatte er geantwortet: „Die Franzosen verfügen über mein Leben, aber nur Gott ist Herr meines Glaubens und meiner Ehre.“ So ließ man ihn in Ruhe. Er wusste, man würde ihn bald vergessen.
Nun lebte er bereits seit einigen Jahren zurückgezogen in dem von ihm prachtvoll ausgebauten Palast nahe der Rialtobrücke. Er wollte ein Ehrenmann und ein Wohltäter bleiben, obwohl ihn viele für einen ehrlosen Geizhals hielten. Er hatte in seinem Testament verfügt, dass nach seinem Tod hunderttausend Golddukaten für die Betreuung von Geisteskranken und Waisen aus seinem Vermögen gestiftet würden.

Ludovico Manin betrat mit seiner Begleitung die Kirche der Jesuiten. Der Fürst wandte sich sofort dem ersten linken Seitenaltar zu, auf dem sich Tizians Gemälde des Martyriums des heiligen Laurentius befand. Im Halbdunkel der Kirche war das Bild nur für vertraute Venezianer erkennbar. Dem alten Dogen bedeutete es von allen Altarbildern Venedigs am meisten. Der im Zentrum auf einem glühenden Rost gequälte Heilige schien den erbarmungslosen Folterknechten hoffnungslos ausgeliefert zu sein. In der düsteren Nacht seines Sterbens gab es nur einen kleinen silbernen Schimmer am Himmel zu sehen, zu dem Laurentius mit letzter Kraft aufblickte. Der Fürst hatte sich vor dem Bild des Märtyrers hingekniet, ohne ein Gebet sprechen zu können. Seine Begleiter waren weit hinter ihm stehen geblieben, betrachteten aber aufmerksam die wenigen Beter, welche die Kirche betraten oder verließen. Niemand erkannte den alten Fürsten.
Nach einer angemessenen Zeit erhob sich Ludovico Manin vom hölzernen Betstuhl und verließ mit seiner Begleitung die Kirche der Jesuiten. Sie gingen nun entlang des Rio della Misericordia bis zu einer geeigneten Stelle, um wieder mit der Gondel, die ihnen gefolgt war, nach Hause zu gelangen. Der Fürst nahm auf den dunklen Pölstern seines verborgenen Sitzes Platz und zog den Vorhang, da es bereits stark dämmerte, beiseite. Niemand konnte ihn erkennen.

Ein Jahr später starb der letzte Doge von Venedig.
In der zweiten Seitenkapelle des linken Seitenschiffes der Chiesa degli Scalzi befindet sich das Grabmal der Familie Manin. Ein hässlicher Teppich bedeckt den Marmor, in den der Name Manin eingraviert ist.


Tiziano Vecellio, 1490 – 1576: Martyrium des heiligen Laurentius, Jesuitenkirche in Venedig

   
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