Sünde



Er konnte sich nicht erklären, warum Mama so laut schrie. War es wegen der Stachelbeeren, die er verbotenerweise gepflückt und gegessen hatte? Hatte sie ihn von ihrem Zimmer aus beobachtet? Nichts scheute er mehr und nichts fürchtete er so sehr wie ihre Wutanfälle. Dabei waren es nicht diese selbst, die ihn ängstigten, sondern das darauf folgende eiskalte Schweigen, mit dem sie ihn strafte. Seine Bitten, die zaghaft und leise waren, sein Betteln, das voller Tränen war, und seine verzweifelte Ratlosigkeit schienen ihre Kälte noch zu steigern. In dieser Zeit seines rasenden Schmerzes spielte er nicht, alles um ihn war feindlich und leer. Er wollte niemanden sehen und sogar die Leckerbissen, die ihm Elisabeth, das Dienstmädchen, zubereitete, rührte er nicht an. Elisabeth, die ihn bei jeder größeren oder kleineren Verletzung zu trösten vermochte, war da machtlos. Wenn Papa nach Hause kam, tat Mama so, als wäre nichts geschehen, doch am nächsten Tag schien sie ihm die erzwungene Freundlichkeit vor dem Vater durch eine doppelte Grausamkeit zu vergelten, indem sie mit irgendwelchen Leuten endlos telephonierte und dabei lachte und scherzte, als gäbe es ihn und sein Unglück überhaupt nicht.

Während sie schrie, war er wieder in den Garten gelaufen. Er hatte gehofft, sie würde sich beruhigen. Und tatsächlich war es plötzlich völlig still. Die Vögel in den Bäumen begannen wieder mit ihrem sommerlichen Gezwitscher und die Sonne schien ihm freundlich zuzuzwinkern. Er legte sich in die Hängematte, die Papa für ihn vom Pfirsichbaum zum Kirschbaum gespannt hatte. Er betete, dass alles nur ein böser Traum gewesen sein möge.

Da sah er Mama durch die kleine Seitentüre, die vom Haus in den Garten führte, heraustreten. Sie hatte ein kleines Bündel in der Hand und winkte ihn zu sich. Er schöpfte Hoffnung. Sollte er für sie einen Auftrag ausführen? Etwas zu Tante Nora bringen oder zu einer Nachbarin? Er beeilte sich, um sie von seinem guten Willen zu überzeugen. Er lief so schnell, dass er fast gestolpert und hingefallen wäre. Im letzten Augenblick gelang es ihm, das Gleichgewicht zu halten. Papa sagte immer, er sei der schnellste Achtjährige der Stadt.

„Hier habe ich alles zusammengepackt, was du brauchst. Geh’ jetzt! Ich will dich nicht mehr in diesem Hause sehen.“ Sie sprach leise. Jedes Wort traf ihn mit einer nie verspürten Wucht. Mama drehte sich um und verschwand hinter der Tür. Er stand regungslos da. Sie öffnete noch einmal, trat heraus, nahm ihn mit hartem Griff bei der Hand, führte ihn zum großen schmiedeeisernen Gartentor, das zur Straße hin gelegen war, stieß ihn hinaus und machte das Tor langsam und leise zu. Sie versperrte es nicht, denn dies hätte den Worten ihre Unerbittlichkeit genommen. Er blieb stumm. Regungslos sah er ihr nach, wie sie zum Haus zurückging. Sie drehte sich kein einziges Mal um und er war außerstande, irgendetwas zu sagen. Sein Schmerz war unermesslich groß geworden. Er brachte weder ein Wort hervor, noch kamen ihm Tränen. Er blickte auf das Haus, den Garten, die mächtige Mauer, die den großen Garten umgab. Langsam wandte er sich von all dem ab. Mechanisch setzte er seine Schritte und entfernte sich immer mehr von dem, was sein Zuhause gewesen war. Wohin sollte er gehen? Es war der Übergang von der späten Mittagszeit zum Nachmittag. Wie würde Mama sein Verschwinden Papa erklären, der bald von seiner Geschäftsreise zurückkehren würde? Plötzlich merkte er, dass er vor dem Haus Tante Noras stand.

Allmählich ließ ihn sein lähmender Schmerz überlegen, was er nun tun solle. Mama musste ihn hassen. Anders konnte er sich diese Bestrafung nicht erklären. Er hatte nichts Böses getan und er liebte sie über alles in der Welt. Wie sollte es weitergehen? Warum liebte ihn Mama nicht mehr? Hatte ihn Mama überhaupt je geliebt? In seinem Taumel der Angst und des Schmerzes wurde ihm klar, dass alles bisher Erlebte damit nicht vergleichbar war. Was würde geschehen, wenn er zurückliefe und sich ein letztes Mal über ein Gebot hinwegsetzte? Er würde die Bretter, die den alten Brunnen im Garten bedeckten, beiseite schieben und hineinspringen. Dann würde er im fauligen Wasser des alten Brunnens ertrinken. Er hätte von Anfang an jeglicher Zuneigung misstrauen sollen, denn sie ist immer der Anfang einer Todesdrohung.

Langsam hatte er die Hand ausgestreckt, um an Tante Noras Haus zu klingeln. Doch noch bevor er die Klingel betätigen konnte, hörte er jemanden laut seinen Namen rufen. Es war Elisabeth. Sie lief die Häuser entlang und winkte ihm zu. Er ließ das Bündel seiner Mutter liegen und lief ihr entgegen. Als der Abstand zwischen den beiden nur mehr etwa zehn Meter betrug, breitete sie ihre Arme aus. Er flog auf sie zu, sie fing ihn auf und herzte und küsste ihn. Dabei sagte sie immer wieder: „Du dummer Junge!“ Er hielt sie mit seinen kleinen Armen ganz fest und weinte so heftig wie noch nie. Es war ein Weinen ohne Tränen, aber auch ein heftiges Fühlen, das noch kein Wissen war. Nie, niemals mehr, würde er jemanden lieben.

* * *

Die erste und für lange Zeit prägende Erkenntnis meines Lebens war das Gewahrwerden meiner Hässlichkeit. „Ich habe seinen Namen vergessen, aber sein Gesicht würde ich nie vergessen, da es so abstoßend ist“, sagte ein Mädchen zu einem anderen. Ich war Zeuge dieses Gesprächs geworden und merkte schnell, dass ich gemeint war.

Jetzt, da ich ein alter Mann bin, spüre ich, dass sich die Wahrnehmung der Menschen geändert hat. Ich registriere die an mir verweilenden gefälligen Blicke nicht weniger Frauen und die respektvollen Mienen von Männern, die mich wahrscheinlich für einen geistvollen und kultivierten Intellektuellen halten. Ich bin jetzt bald sechzig Jahre alt und Begehren und Anerkennung spielen in meinem Leben keine Rolle mehr. Als junger Mann bereitete es mir große Qualen, die Interesselosigkeit der Frauen an mir zu spüren und ihre Gleichgültigkeit erschien mir unerträglich. Die größten und widerlichsten Langweiler zogen sie mir vor, sodass ich begann, mich der Denunziation alles Sinnlichen zu verschreiben. So wurde unmerklich das, was mir als Ablehnung widerfuhr, zum Ausgangspunkt der Überzeugung, dass Sinnlichkeit und Liebe Zeitvergeudungen sind. Und ich behaupte, dass ich Erfolg damit hatte. Desaster, die viele Männer mit Frauen und Kindern erleben, ruinöse Scheidungen und egoistische halbwüchsige Monster blieben mir erspart. Mein zunächst überhaupt nicht so gewollter Lebensweg war also gar nicht schlecht verlaufen. Ich machte die Erfahrung, dass Entscheidungen, welche nicht mit Begeisterung erfolgen, sondern aus Akzeptanz des unabänderlich Erscheinenden, sich zum Besten entwickeln können.

Ich hatte mich über Annas Idee, mir in Paris einen Besuch abzustatten, nicht gefreut, aber ich wollte ihren Wunsch nicht ablehnen. Welche Gründe hätte ich nennen sollen? Ich hatte keine. Lügen lag mir nicht, dazu bin ich zu stolz. Ich war bereits eine Woche in Paris und war in der großen und luxuriösen Wohnung von Freunden abgestiegen. Die Wohnung, welche sich seit 1815 im Eigentum der Familie meiner Freunde befand, erstreckte sich über die beiden oberen Stockwerke eines Hauses in der Rue Chanoinesse und bot einen spektakulären Blick auf Notre Dame. Ich war allein, meine Freunde verbrachten einige Wochen auf Martinique, und Madame Guérin, die seit Jahren den Haushalt führte, hatte mir wieder ein kleines, wunderbares Abendessen vorbereitet. Ich aß und trank und genoss den herrlichen Blick durchs offene Fenster auf das von der Abendsonne umschmeichelte Paris.

Der heutige Tag war ein besonderer. Ich hatte am späten Vormittag eine Verabredung in der Galerie Klein. Das Treffen mit einer beeindruckend schönen und kompetenten Mitarbeiterin der Galerie hatte sich als für mich überraschend erfolgreich herausgestellt. Ich war in die Privaträume der Galerie zu einem Déjeuner eingeladen worden. Diese Einladung war nicht uneigennützig. Von Freunden hatte Monsieur Klein erfahren, dass ich zehn Bilder zeitgenössischer Kunst zu verkaufen beabsichtige. Die Galerie hatte vor einigen Monaten eine wichtige amerikanische Sammlung in Paris versteigern lassen und so erschien es mir einen Versuch wert, über einen eventuellen Verkauf meiner Bilder zu sprechen. Ich wollte sie loswerden. Durch Zufall hatte ich sie vor zwanzig Jahren erworben, noch bevor der Künstler seinen fulminanten Aufstieg inszeniert hatte. Heute weiß ich, dass diese Bilder nichts mit mir zu tun haben. Ich möchte bloß ein Vielfaches des seinerzeitigen Preises erhalten und gleichzeitig etwas Ungeliebtes loswerden. Als Kunststudent war der Maler Türsteher bei einer New Yorker Galerie gewesen. Er stahl die Kundenliste und schrieb alle Kunden an und lud sie zu einem Kunstevent ein. Sie kamen alle und er wurde über Nacht ein Stern, dessen Licht immer heller erstrahlte. Die Expertin der Galerie, welche mir nun gegenübersaß, war von den Photos meiner Bilder hellwach geworden und die Preise, die sie mir nannte, überstiegen bei weitem meine Vorstellungen. Ich gab mich sehr zurückhaltend und es gelang mir, meinen inneren Jubel für mich zu behalten. Meine Entscheidung für den Verkauf war indessen schnell gefallen.

Die Halbflasche Haut-Brion, die meine Freunde für mich vorbereiten ließen, da sie ahnten, dass das Gespräch mit der Galerie erfolgreich verlaufen würde, hatte ich geleert und ich zog mich mit einem letzten Glas in die Bibliothek zurück. Nach dem Chèvre Picandou genoss ich den letzten Schluck Wein im Wissen, dass dieser 1982er durch Sonne, frische Brisen und ein ideales Maß an Regen zu einem der besten Weine nach 1945 geworden war. Ich bewunderte die leuchtende ziegelrote Farbe und die fast süß zu nennende Fülle seines Buketts. Madame Guérin sagte mir nun voller Stolz, dass meine Freunde für mich eine Überraschung vorgesehen hätten und sie diese, falls ich damit einverstanden wäre, jetzt gerne offerieren würde. Sie freute sich über meine leuchtenden Augen und die Großzügigkeit ihrer Arbeitgeber gleichermaßen. Natürlich stimmte ich zu. Sie erschien mit einer Halbflasche Chateau d’Yquem 1975. Ich wusste, dass dieser zu den herausragenden Weinen des Jahrhunderts zählt, und war in meinem Innersten von diesem Freundschaftsbeweis tief gerührt.

Heute war tatsächlich ein merkwürdiger Tag. Nachdem ich mich in der Galerie verabschiedet hatte, fuhr ich mit dem Taxi zu Annas Hotel, um mich in der Bar, die sich neben der großen Eingangshalle befand, mit ihr zu treffen. Gestern hatte ich sie vom Bahnhof abgeholt. Ich verabscheue Bahnhöfe und die von Paris in einem besonders hohen Ausmaß, da mir hier die hastenden und drängenden Menschen in fast schon peinigend unangenehmer Weise auffielen. Anna fuhr fast immer mit dem Zug, was ich nicht verstand, wie so vieles an ihr. Etwa ihre Sparsamkeit, die ich eigentlich als Genussunfähigkeit betrachtete, die sie aber nicht davon abhielt, übermäßig viel einzukaufen, dem man jedoch sofort seinen geringen Preis ansah. Meine Einladungen in gute Restaurants nahm sie zwar immer an, aber mit einem gewissen Unterton, der keine Freude zeigte und meine immer dämpfte.

Sie liebte mich. Ich langweilte mich mit ihr. Sie spürte meine Distanz und wusste wahrscheinlich auch, dass unsere Vorstellungen vom Leben grundverschieden waren. Sie wollte mich gewinnen. Ich wusste nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. So wussten wir beide, was wir wollten, jeder auf seine Weise. Beide waren wir wie die meisten Menschen mit einer völligen Unsensibilität für die eigenen Defizite ausgestattet. Da gefiel mir die fast schon erhabene Sicht, die ich bei Elsa Morante gelesen hatte, viel besser: Gott, der Schweigsame züchtigt die Liebenden und schließt die Toten in der Erde ein.

Ich betrat das Atrium des Hotels, dessen Höhe die Stimmen der Menschen erträglicher zu machen schien, und nahm den kürzesten Weg zur Bar. Bereits von weitem sah ich Anna in einem Fauteuil einer kleinen Sitzgruppe am Rande des sehr dezent erleuchteten Raumes. Sie wandte mir den Rücken zu und hatte ihren Kopf leicht zur Seite gelegt, wobei sie ihn mit der Hand eines abgewinkelten Unterarms zu stützen schien. Sie wirkte nicht nur elegant, sie war schön. Oft hatte ich darüber nachgedacht, warum ihre Attraktivität so wenig Lebensfreude duldete. Sie war immer eine begehrte Frau gewesen, aber ausgerechnet mir hatte sie sich an den Hals geworfen. Ein Rätsel. Kurz überlegte ich, ob ich sie überraschen und erschrecken sollte, doch ich wollte, wie es meine Art ist, keine Aufmerksamkeit erregen. Anna saß unbeweglich da und hatte, wie ich von der Seite sehen konnte, auf ihrem Schoß eine Zeitung, auf der die andere Hand lag. Ihr sinnlicher Mund stand leicht offen und ihre Augen starrten mich an. Hatte ich mich verspätet?

Ich blickte auf meine Uhr und wollte etwas sagen, dann lief es mir kalt über den Rücken. Ich tat so, als hätte ich mich geirrt, und ging ganz langsam zur Theke der Bar, bestellte ein Glas Champagner, nippte daran und beobachtete unauffällig die bewegungslos dasitzende Dame im Fauteuil. Nichts geschah. Ich bezahlte und fuhr mit dem Taxi in die Wohnung in der Rue Chanoinesse. Es sind inzwischen einige Stunden vergangen. Würde Anna noch leben, hätte sie mich längst angerufen.

So ließ ich mir am Ende dieses merkwürdigen Tages den kostbaren Wein in der Bibliothek servieren. Der Wein war goldfarben, es war ein tiefes, fast bräunliches Gold. Seine unergründliche Herrlichkeit zeigte sich in einem intensiven Bukett von Pfirsich- und Orangenblüten. All dies erschien mir so perfekt, dass ich in immer neue Dimensionen des Genusses vorzudringen meinte. Ich bedankte mich bei Madame Guérin, die sich alsbald freudestrahlend verabschiedete und ankündigte, dass morgen ab acht Uhr das Frühstück mit den Zeitungen bereitstehen würde.


   
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