Luc Tuysmans (*1958)
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Symposion

Das griechische Wort Symposion (συμπόσιον, spätlateinisch: symposium) bedeutet „gemeinsames, geselliges Trinken“. Die Übersetzung als 'Gastmahl' führte dazu, im Symposion fälschlich nur ein ausgelassenes Trink- und Essgelage zu sehen. Für die Griechen der Antike stand aber die gemeinsame, der Gottheit verbundene und daher auch geistig akzentuierte Geselligkeit im Mittelpunkt. Der gleichnamige Dialog Platons bezeichnete daher ein Gelage mit hochgeistigen Gesprächen, welche aber – für den gebildeten Griechen selbstverständlich – das Körperlich-Triebhafte nicht verdrängten.

Der heutige Gebrauch dieses Wortes für gehobene wissenschaftliche Konferenzen, meist verbunden mit einem gewissen elitären Anspruch, hat mit der ursprünglichen Bedeutung fast nichts mehr gemeinsam, sondern bezeichnet den Absturz ins bloß wissenschaftlich Greifbare, mit dem die zunächst brillant erscheinende Abgehobenheit vieler Wissenschafter endet. In den meist öden Fachsprachen mit ihren identitätsstiftenden Anglizismen, welche Worthülsen produzieren, ist nichts mehr von der antiken Sehnsucht nach Erkenntnis des Verborgenen spürbar. Dies ist ein Symptom für die Tatsache, dass die Gelehrtenrepublik zum Wissenschaftsbetrieb verkommen ist.

Ein Kennzeichen des platonischen Dialogs war die Gewissheit, dass die Routine des Alltags durch die Bereitschaft, vermeintliche Normalität in Frage zu stellen, durchbrochen werden muss. Als Voraussetzung dafür betrachtete man die Muße. Die Alltagsgeschäfte waren Sache der Banausen* , zu denen in der einen oder anderen Weise jedoch jeder Mensch gehört.

Wenn die Seele sich über die Forderungen des Leibes und der Gesellschaft erhebt, kann sie sich in die Schau der Dinge – so ist am besten der Begriff Theorie* zu übersetzen – begeben. Selten geht es in diesen unentbehrlichen Mußestunden nur um neue Erkenntnisse, es genügt meist, dem aus der Vergangenheit Überkommenen durch Deutung eine für die Gegenwart bisher verborgene Tiefe abzugewinnen.

Kultur ist heute vielfach zu einem Motor der Banalisierung verkommen. Dies zeigt sich schon im entlarvenden Slogan, Kultur soll für alle da sein. Eine Gesellschaft, welche jeden zum nützlichen Teil eines Ganzen erklärt, will jeden Menschen folglich auch dazu erziehen. Das Vergessen der Erkenntnis, dass sich kein Mensch aussuchen kann, wer er ist, führt nicht zum Staunen über das Individuum, sondern zu seinem Versenken in der gesichtslosen Masse. Die beiden eifrigsten Handlanger dieser Banalisierung des Menschen waren Karl Marx* und Sigmund Freud* .

1. Platons Symposion

Der Dialog Symposion, welcher von Platon um 380 vChr verfasst wurde, bildet den Anfang. In grandiosen Reden, die gerade durch ihre Widersprüche die Teilnehmer fern jeder Rechthaberei zu neuen Gedanken anregen, findet die abendländische Philosophie einen fulminanten Höhepunkt.

2. Das Letzte Abendmahl

Die Geschichte vom Letzten Abendmahl, das etwa um 30 nChr in Jerusalem stattfand, bildet einen eindrucksvollen Kontrast zu Platons Dialog. Auch hier findet ein Mahl statt, doch im engen ritualisierten Rahmen des jüdischen Paschafestes. Es ergeben sich auch keine freien Gespräche zwischen den Anwesenden, weil der Erlöser zwar kurz vom Paradies spricht, doch durch seine weitschweifige Ankündigung des Verrats durch Judas Iskariot bei seinen Jüngern eine große Ratlosigkeit auslöst. Das Rätselraten um den Verräter verhinderte jeden geistigen Höhenflug, eröffnete aber eine fatale Komponente der Geschichte des Christentums.

3. König Artus’ Tafelrunde

Die Tafelrunde des Königs Artus, um 540, verbindet das antike Tugendideal mit der christlichen Auffassung von Sünde und Umkehr. Im Christentum bedeutet Umkehr sowohl die Erkenntnis der eigenen Schuld als auch die Abkehr von der bisherigen Lebensführung, um in Zukunft alles besser zu machen. Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und das Streben nach Vollkommenheit sind die Grundelemente ritterlichen Strebens.

4. Hugo von Hofmannsthals Jedermann in Salzburg

Hugo von Hofmannsthal greift eine alte literarische Tradition auf, setzt aber in seinem Theaterstück Jedermann aus dem Jahre 1911 zwei Schwerpunkte. Einerseits verweist unerbittlich der Tod darauf, dass das Erdendasein endlich ist, andererseits wird auf die erlösende Wirkung der guten Werke verwiesen.
Im Mittelpunkt steht ein groß inszeniertes Festmahl, das für Jedermann und seine Freunde gegeben wird. Allmählich wird Jedermann klar, dass er sterben muss. Er erkennt die Hohlheit seines Lebens. Der Tod, welcher ein immer fragender Begleiter des Lebens ist, erwartet nun Antwort. Alle Freunde haben Jedermann inzwischen verlassen. Er ist der Verzweiflung nahe. Ein Hoffnungsschimmer eröffnet sich durch den Hinweis auf die Verantwortung, welche der Mensch in seinem Leben zu übernehmen hat, wobei Hugo von Hofmannsthal von einem Scheitern nur dann sprechen will, wenn sich der Mensch seinem Egoismus nicht mehr entgegen stellt.

Trotz unvereinbarer Verschiedenheiten gibt es bei diesen vier Gastmählern doch eine fundamentale Gemeinsamkeit: Das menschliche Bemühen, auch in seiner göttlichen Gestalt, scheitert angesichts des Todes. Gleichzeitig zeigt sich im Menschen eine Kraft, welche sich mit dieser Tatsache nicht abfindet und einen Weg sucht, der von Hoffnung erleuchtet wird, zwar meist nur schwach und klein, aber jene entscheidende Dimension eröffnet, welche den Menschen aus einer knebelnden Rationalität befreit.
Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte des Missbrauchs der Freiheit. Den einzigen Ausweg eröffnete bereits Aristoteles durch seinen Hinweis, dass der Mensch ein gemeinschaftliches Wesen ist. Dadurch ist er trotz aller Abwegigkeiten zu Korrekturen und Läuterungen imstande. Dieser Aspekt des Aufeinanderverwiesenseins ist die Basis der hier erwähnten Gastmähler. Die dabei sich ergebenden Gespräche können die Menschen aus ihrer Selbstbezogenheit herausführen. Gewähren die Menschen diese Gespräche einander nicht, wie dies im Letzten Abendmahl angedeutet wird, folgt nur mehr Einsamkeit.


   
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