Pietro Testa, 1611 – 1650: Der betrunkene Alkibiades unterbricht das Symposion

Platons Symposion

Den anderen anders sein zu lassen und gemeinsam Ereignisse und mögliche Entwicklungen betrachten, diese beiden Komponenten konstituieren die besondere Atmosphäre des platonischen Dialogs Symposion. Zentral dabei ist die Bereitschaft, die eigene Einschätzung über den anderen zu revidieren. Das ist der Unterschied zur Projektion, welche das Ergebnis einer egozentrischen Phantasie ist, der wir so oft erliegen.

Kennzeichnend für das platonische Gastmahl ist trotz seiner Akzentuierung durch Speisen und Wein die Wertschätzung des Mythos, welcher hier den Charakter des Großen und Ehrwürdig-Alten hat. Das selbst zum Mythos gewordene Symposion will nicht zum Staunen, sondern zum eigenen Philosophieren anregen.

Alles, was sich dem welthaften Sein, der Leibhaftigkeit und der Öffentlichkeit entzieht, erscheint zunächst als befremdlich. Doch Sokrates vollzieht geradezu eine fast beängstigende Emanzipation des geistigen Ichs von der Natur und der menschlichen Gemeinschaft. Denn er repräsentiert das Innehalten und das Insichgekehrtsein, indem er die leibhafte, äußere Situation aus den Augen verliert, nicht weil er sie fliehen will, sondern als hätte er bei alledem etwas vergessen, etwas, das bei ihm selbst liegt.

In dieser Haltung der Nachdenklichkeit wird Sokrates zum Monument der antiken Philosophie. Doch gleichzeitig scheinen sich im festlichen Gelage alle Ordnungen aufzuheben. Alkibiades*, der mit seinen Begleitern am Ende des Dialogs auftritt, steigert das Trinken ins Übermaß, wodurch die allgemeine berauschte Weltbefangenheit einen übermächtigen Ausdruck findet. Schließlich ist Sokrates der Einzige, welcher noch aufrecht stehen kann, weil er die Stärke hat, der faktischen Macht ironisch zu widerstehen.

Der betrunkene Alkibiades fasst am Schluss des Dialogs seine Beobachtung so zusammen: Jeder unerfahrene und unverständige Mensch spottet über die Reden des Sokrates. Wer aber genau seinen Reden lauscht, wird erkennen, dass sie göttlich sind und die schönsten Götterbilder von Tugend in sich enthalten, und auf all das hinweisen, was dem, der gut und edel werden will, untersuchenswert erscheint.

Sokrates durchschaut die Weltbefangenheit und stellt die Maße der Welt durch die Tugend in Frage. Seine Souveränität gewinnt Sokrates nicht bloß durch die Vernunft, sondern durch seine Ehrfurcht vor jener Macht, welche von der Vernunft nicht mehr erreicht werden kann. Der Mensch kann Herr seiner selbst sein, aber nicht Herr seiner Herrschaft. Der autonome Mensch durchschaut das Elend einer skeptischen Ratlosigkeit, indem er akzeptiert, dass die Selbständigkeit ihren eigenen Sinn nicht erkennen kann.


   
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