Das Letzte Abendmahl


Gustave Doré, 1832 – 1883: Das Letzte Abendmahl

Soweit rekonstruierbar, spricht viel dafür, dass das Letzte Abendmahl am Abend des 5. April des Jahres 30 nChr stattgefunden hat. Im ältesten der vier Evangelien, dem Markusevangelium (14, 17 – 25), wird es so beschrieben:

Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf. Während sie nun bei Tisch waren und aßen, sagte er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern, einer von denen, die zusammen mit mir essen. Da wurden sie traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich? Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir aus derselben Schüssel isst. Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.

Dieses Reich Gottes wird im Neuen Testament auch als himmlisches Gastmahl beschrieben. Doch bei der Lektüre des Textes über dieses irdische Abendmahl in Jerusalem stellt sich ein merkwürdiges Befremden ein. Nicht wegen der Formulierung, welcher sich Jesus bedient, einem kannibalisch anmutenden Bild, auch nicht wegen eines allegorischen Verständnisses des Genusses des geisterfüllten Fleisches und Blutes des himmlischen Menschensohnes, sondern wegen des Selbstverständnisses des Jesus von Nazareth als Opfer für einen schweigenden Gott. Nur deshalb entsteht über diese ungeheuerlichen Aussagen keine Diskussion der Anwesenden, sondern bloß ein Herumrätseln, wer der Verräter sei?

Jesu von Tod und Auferstehung geprägtes Selbstverständnis findet schließlich am Kreuz seinen Höhepunkt durch die düsteren letzten Worte: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesu großen Worten beim Letzten Abendmahl und seinem Mut bei der Verhaftung im Park von Gethsemani folgt am Kreuz die Erkenntnis, dass der Himmel leer ist.

Friedrich Nietzsche nannte in seinem Werk Die Geburt der Tragödie zwei Hauptelemente der griechischen Mysterien: Schweigen und Reinigung. Für die Gnosis*, zumindest in ihrer valentinianischen Prägung, galt Sigé, das Schweigen, als einer der vier Urgründe der Welt, neben Bythos*, Pater* und Aletheia*.

Nicht nur wegen dieser völlig anderen Sichtweise der alten Griechen auf das Mysterium der Welt, in welcher der Mensch leben muss, drängt sich der Eindruck auf, dass das Letzte Abendmahl, das eine der Urszenen des Christentums darstellt, ein fast geschwätzig anmutendes Vorspiel auf die bereits erwähnten letzten Worte Jesu am Kreuz darstellt. Die Hinwendung zur Frage nach dem Verräter verstellt den Blick auf die Gottverlassenheit des Jesus von Nazareth am Kreuz*. Diese Gottverlassenheit wäre das Thema des Christentums gewesen, nicht die von anthropomorphen Vorstellungen getragene Verniedlichung Gottes durch die christlichen Kirchen..


   
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