Hugo von Hofmannsthals JEDERMANN


Nach einem Bild in einer Auslage in Venedig im Jahre 2012

Die folgenden Zeilen aus den Terzinen über Vergänglichkeit Hugo von Hofmannsthals* beschreiben auch den Inhalt seines Mysterienspieles Jedermann* :

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt ...

Mors certa, hora incerta* , scheint die Botschaft dieses berühmten Schauspiels zu sein. Doch der Dichter stellt der Furcht Jedermanns, Mors omnia solvit. Nascentes morimur. Mors ultima linea rerum. Ortus cuncta suos repetunt matremque requirunt et redit ad nihilum quod fuit ante nihil.* jene kleine Hoffnung gegenüber, die am Ende den staunenden Zuschauer an seinem Zweifel zweifeln lässt.

Schon die zeitgenössische Kritik stand ratlos bis ablehnend vor diesem als anachronistisch und obskur empfundenen Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Bereits damals fehlte vielen ein Bezugssystem, das dem Leben Sinn und Orientierung gibt. Das Streben nach materiellem Wohlstand und grenzenloser Freiheit hat bis heute für die allermeisten oberste Priorität. Wofür soll man sonst leben? Es zählt vor allem das Glück im Hier und Jetzt.

Hofmannsthals Mysterienspiel lässt sich mit christlicher Überzeugung auf diese Fragen ein. Die Antwort kulminiert in der Aussage, dass es die Werke des Menschen sind, die am Ende zählen. Gott, Teufel und alle anderen Theaterfiguren dieses Stückes mögen zunächst von vielen Zuschauern als vom Menschen erfundene Illusionen empfunden werden, die sich selbst eine sinnstiftende Geschichte erzählen. Dass jedoch auch der Tod bloß eine Theaterfigur sei, das wird der hartnäckigste Glaubenslose nicht behaupten.

In diesem Schauspiel geht es auch um die große Leere, die nach dem Tod Gottes das Leben der Menschen prägt. Im Laufe des Dramas soll für Jedermann ein Festbankett ausgerichtet werden. Angesichts seines Zusammenbruchs und des offensichtlich bevorstehenden Todes wird er von allen Freunden verlassen. Es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit, eine Antwort angesichts der tiefen Leere, welcher er sich ausgesetzt sieht, zu suchen. Doch wo soll er suchen? Er lebt in einer Welt, in der die Seele Psyche genannt und einem Analytiker überlassen wird.

Die Skepsis gegenüber allen von außen herangetragenen Heilslehren führt zu einem kaum erfüllbaren Anspruch, den richtigen Weg zu finden. Der moderne Mensch sieht sich auf die eigene Person zurückgeworfen und verspürt Unbehagen vor seiner Selbstermächtigung und Misstrauen gegenüber seinen Erkenntnissen und Taten. Was bleibt, ist die Sehnsucht, trotz der Fangarme der Vernunft einen Schimmer der Hoffnung wahrnehmen zu können. In manchen Gestalten dieses Mysterienspieles schimmert etwas auf, wie es zwar naiver nicht erscheinen könnte, aber die Überzeugungskraft, mit der dadurch die Deutungshoheit der Vernunft in Frage gestellt wird, ist grandios.


   
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