Agnostizismus

Nikolaus Werle

αγνοειν – nicht erkennen, nicht wissen

Unter Agnostizismus versteht man die Ansicht, dass es von dem, wie Immanuel Kant es nennt, an sich Seienden, von den Dingen an sich, vom Absoluten kein Wissen gebe und geben könne. Das »Ignorabimus« (lat. "wir wissen es nicht, und wir werden es nicht wissen") aus der berühmten "Ignorabimus-Rede" des Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond (1818-1896) wurde zum geflügelten Wort. Das "Ignorabimus" bezog Du Bois-Reymond ausdrücklich auf das Rätsel der Herkunft von Materie und Bewusstsein. Dennoch hat sich diese Redewendung einer gelehrten Wissenskommunität für den Hinweis auf die prinzipielle Unlösbarkeit der großen Geheimnisse der Welt überhaupt eingebürgert.

Das Wort „Agnostiker“ („Agnoëten“) kommt als Bezeichnung für die „Monophysiten“ (Vertreter der theologischen Lehre, in Christus sei nur eine Natur vorhanden, nicht zwei, nämlich menschliche und göttliche) schon in der Kirchengeschichte vor. Thomas Henry Huxley setzte den Begriff „Agnostiker“ dem Terminus „Gnostiker“ entgegen: „Der Agnostizismus ist in Wirklichkeit kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Methode, deren Kern in der strengen Anwendung eines einzigen Grundsatzes liegt... Positiv lässt sich der Grundsatz so ausdrücken: in Verstandesdingen folge deiner Vernunft, soweit sie dich eben trägt, ohne einer andern Erwägung ein Ohr zu leihen. Und negativ: in Verstandesdingen gib Folgerungen, die weder nachgewiesen noch nachweisbar sind, nicht für sicher aus...“ (Collected Essays XXXV).

Friedrich Nietzsche kritisierte dies als Inkonsequenz des Denkens und als vermeintliche Emanzipation von der Theologie. Die „Agnostiker, die Verehrer des Unbekannten und Geheimnisvollen an sich, woher nehmen sie das Recht, ein Fragezeichen als Gott anzubeten.“

Auch vom Standpunkt des Marxismus wird der Agnostizismus als inkonsequent bezeichnet. So kritisiert Friedrich Engels, dass der Zweifel an der Möglichkeit umfassender Erkenntnis nicht zur Eliminierung der von Hegel bereits theoretisch und von der Wissenschaft praktisch widerlegten Hypothese des Dings an sich führe. Soweit der Agnostiker etwas wisse, sei er Materialist, aber außerhalb seiner Wissenschaft, auf Gebieten, wo er nicht zu Hause ist, übersetzt er seine Unwissenheit ins Griechische und nennt sie Agnostizismus.

Der Agnostizismus ist Ausdruck einer Grundhaltung des Verzichtes auf Erkenntnis des Überweltlichen, wobei die Basis die im höchsten Grade vorhandene Unsicherheit einer rationalen Gotteserkenntnis darstellt.

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