Pontormo: Verkündigung

Fresko
Santa Felicità, Florenz

Mit dieser Darstellung entfernte sich Pontormo sehr weit von der Tradition der Verkündigungsdarstellungen. Die beiden durch ein Fenster getrennten Gestalten erscheinen einem unkundigen Betrachter möglicherweise als nichts miteinander zu tun habend.

Die Verkündigungserzählung im Lukasevangelium wurde von den Malern bei ihren zahlreichen Darstellungen mit verständlichen Gesten versehen, welche auch für einfache, aber kundige Betrachter völlig verständlich waren. Pontormo nahm keine der in der Frührenaissance entwickelten Gesten auf, denn er zeigt eine Frau* , welche eine Treppe hinaufsteigt und von hinten angesprochen wird. Sie wendet sich mit weit geöffneten Augen um. Sie erblickt den Engel,* der mit beiden Händen sein Gewand zusammenrafft in einem weißgrauen Licht. Der Engel ist ohne Lilie und ohne erhobenen Zeigefinger dargestellt. Er hat den Kopf von Maria abgewendet, als zögere er, seine Botschaft auszusprechen. Mit seinen wulstigen Lippen, der kräftigen Nase und der fliehenden Stirn ist sein Gesicht nicht gerade schön. Doch meint man in diesem Antlitz einen Ausdruck von grenzenloser Traurigkeit zu erkennen, als wisse der Engel bereits um die Geschichte des verheißenen Kindes Bescheid. Betrachtet man das Bild näher, irritiert der unausgeführte, wie versehrt wirkende linke Fuß des Engels. Nicht strahlender Übermittler der göttlichen Botschaft scheint dieser Engel zu sein, sondern selbst ein Gezeichneter. Die beiden Gestalten scheinen mit sich allein zu sein. Sie teilen keinen gemeinsamen Raum miteinander. Maria hält sich an einem Stiegengeländer fest, um durch die Worte des Engels nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der Engel hat sich nach der Überbringung seines Auftrags abgewandt, da auch ihm ihr bevorstehender Leidensweg bewusst zu sein scheint.

Heutige Wahrnehmungsweisen beschränken sich meist auf Materielles und Psychologisches, Spirituelles gar auszudrücken ist völlig unüblich geworden.

Es gibt Hinweise dafür, dass Pontormo dem Kreis der Spirituali nahestand. Die Spirituali* verfolgten das Ideal einer geläuterten Kirche, diese sollte weniger machtpolitisch ausgerichtet und wieder spiritueller, gereinigt von den Sünden vergangener Jahrhunderte sein. Nicht die Institution Kirche stand im Mittelpunkt, sondern der Opfertod Christi. Den Marienkult lehnten die Spirituali als Aberglauben ab, vielmehr wurde das menschliche Leiden Marias zum Thema erschütternder Darstellungen. Mit der Kargheit seiner Darstellung der Verkündigung sieht sich Pontormo wahrscheinlich in dieser Tradition. So passt es auch völlig zu dieser Sichtweise, dass im Glasfenster zwischen Maria und dem Engel der tote Sohn Marias zu sehen ist.

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