Joseph Mallord William Turner: Das Sklavenschiff

Öl auf Leinwand, 90,8 x 122,6 cm
Museum of Fine Arts, Boston

Aloft all hands, strike the top-masts and belay;
Yon angry setting sun and fierce-edged clouds
Declare the Typhon's coming.
Before it sweeps your decks, throw overboard
The dead and dying - ne'er heed their chains
Hope, Hope, fallacious Hope!
Where is thy market now?

Diese Zeilen gab William Turner seinem Gemälde, welches er 1840 schuf, bei. Fallacies of Hope – nirgendwo sonst äußerte sich sein Zweifel am Fortschritt so stark wie angesichts des Sklavenhandels.
Dem Gemälde liegt ein Ereignis aus dem Jahre 1781 zugrunde. In diesem Jahr geriet Kapitän Luke Collingwood mit den Versicherern seines Schiffes Zong in Streit, weil diese sich weigerten, für den Verlust der Fracht zu zahlen. Es galt das Prinzip, dass die Versicherung aufzukommen hatte, wenn Frachtgut über Bord geworfen wurde, um den Rest der Ladung und das Schiff selbst zu retten. Im Falle der Zong bestand die ins Meer geworfene Fracht aus 132 Sklaven. Der Kapitän rechtfertigte sich damit, dass das Trinkwasser knapp geworden war. Er habe die Kranken und Schwachen ausgewählt, um wenigstens den Rest lebend über den Ozean zu bringen. Das Gericht entschied zunächst für den Schiffseigner und gegen die Versicherer. Daraufhin legte der unbeteiligte Lord Mansfield Berufung ein. Er verwies darauf, dass es ein höheres Gesetz gebe: das Gesetz der Menschlichkeit. Nach einer neuerlichen Verhandlung wurde der Versicherung recht gegeben.
Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert wurden etwa zehn Millionen Sklaven im transatlantischen Handel verschifft. England hatte sich als Frucht seines Sieges im Spanischen Erbfolgekrieg das Monopol des Sklavenhandels gesichert.

John Ruskin bekam 1843 dieses Gemälde von seinem Vater geschenkt. 1872 entschloss sich Ruskin zum Verkauf, weil ihn die Thematik des Bildes zutiefst beunruhigte. Eine Bostoner Sammlerin erwarb das Bild, da sie es als starkes Mittel zur sozialen Reform betrachtete. Progressive Christen bezeichneten Turners Gemälde als Predigt gegen den Sklavenhandel. Ruskins Worten von 1856 zufolge war es Turners letztes große Bild. Er bezeichnete es als jenes Bild, welches allein schon Turners Nachruhm gewährleisten würde.

Das blutgetränkte Meer und der bedrohliche Himmel vermitteln eine Vorstellung von der Ergriffenheit Turners angesichts der furchtbaren Ereignisse. Maltechnisch unterscheidet sich dieses Bild mit der verhältnismäßig sparsamen Farbigkeit sehr von den frühen dreißiger Jahren. Hier erhält die Farbe auf dem üblichen weißen, nun auf zartrosa und blau getöntem Grund aufgetragen, weitaus reichere Nuancen und eine noch größere Variabilität der Behandlung, was höchst unterschiedliche Wirkungen zur Folge hat.
Turners Stil entfernte sich immer mehr von dem seiner Zeitgenossen, welche nach weicher Vollendung und detailliertem Realismus strebten.

Joseph Mallord William Turner wurde 1775 geboren und starb 1851. Das während seines ganzen Lebens andauernde Bemühen um eine umfassende Bildung begründete die Universalität seines Werkes. Sein beträchtliches Vermögen wendete er testamentarisch der Versorgung von Künstlern zu und die zahlreichen ihm verbliebenen Bilder vermachte er der britischen Nation. Allein dies machte ihn über die Verleumdungen seines Privatlebens erhaben.

Totenmaske von William Turner
National Portrait Gallery, London




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