Der eindimensionale Mensch

von Nikolaus Werle

Versuch einer Beschreibung

Solange wir leben, sollen wir bereit sein zu lernen. Vor allem um nicht in jene Falle zu tappen, welche die größte Gefahr unseres Daseins darstellt: in jene Eindimensionalität zu geraten, die uns zu einem bloß funktionierenden Rädchen in unserem gesellschaftlichen System degradiert.

Dem liegt natürlich ein Urteil zu Grunde, nämlich dieses, dass das menschliche Leben lebenswert ist und noch lebenswerter gemacht werden sollte.

Im alten Griechenland hießen die Stadtstaaten „Polis“. Das waren Städte, die sich selber verwalteten. Davon leitet sich das Wort „Politik“ ab. Politik ist die Kunst, das geordnete Zusammenleben der Bürger so zu regeln, dass die Freiheit des einzelnen nicht darunter leidet.

Die Tatsache, dass die große Mehrheit der Bevölkerung unsere Gesellschaft hinnimmt und vornehmlich durch Medien und Konsum dazu gebracht wird, sie hinzunehmen, sagt überhaupt nichts über deren Sinnhaftigkeit, Wertfülle oder Tauglichkeit für den Menschen.

Kann man unsere heutige Gesellschaft als totalitär bezeichnen? Es gibt viele Indizien, die dies nahe legen. Es ist eine nichtterroristische und ökonomisch-technische Gleichschaltung am Werk, die sich mit einem gewissen Pluralismus von Medien und Meinungen durchaus verträgt. Durch Werbung und Massenmedien wird das Individuum beständig auf raffinierte Weise gedrängt, bestimmte, großteils unnütze Waren zu kaufen und zu konsumieren. Massenproduktion und Massenkonsum gehen dabei einher mit suggerierten Einstellungen und Gewohnheiten, sich im Einklang des allgemeinen Zeitgeists zu entspannen, zu hassen und zu lieben, was andere hassen und lieben.

Durch Manipulation werden in vielen Menschen falsche Bedürfnisse erzeugt, die im Erwerb der angebotenen Waren Befriedigung suchen, und somit letztlich die Funktion haben, die Menschen an die Produzenten und über diese an das Systemganze zu binden.

Die moderne Zivilisation führt schließlich zur Verdinglichung der Individuen. Die Menschen entdecken sich in ihren Waren wieder, sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Computer, ihrem Handy oder ihrer Markenkleidung. Die Bedürfnisse der Menschen werden zu materiellen Bedürfnissen und Wünschen, ihre Befriedigung fördert das Geschäft und das Wohl aller, wie behauptet wird, und das Ganze erscheint als die reine Verkörperung der Vernunft.

Ein ehemals kritischer Begriff wie Freiheit wird von der sog. veröffentlichten Meinung seines historisch-kontroversen Inhalts beraubt und zu einem bloßen Klischee, zu einem den Status quo rechtfertigenden, sich selbst bestätigenden Schlagwort. „Freiheit ist das, was wir haben“ assoziiert der Einzelne beim Auftauchen des Schlagworts, ohne nach dem möglichen Inhalt der Begriffe bzw. ihrer Verwirklichung in der Realität zu fragen. Die in den Medien verbreitete politische Sprache nimmt allgemein „magisch-rituelle“ Formen an, die jeglichen Widerspruch ausschließen. Den „Krieg gegen den Terror“, „humanitäre militärische Intervention“, „mehr Eigenverantwortung“ und viele andere mehr könnte man zu diesen ritualisierten Begriffen zählen, die von vornherein dominant und gegen jede Kritik immun zu sein scheinen.

Die Erkenntnis, dass jede Organisation von Menschen in einer Gesellschaft eine Wahl zwischen geschichtlichen Alternativen einschließt, scheint heute immer mehr zu verschwinden. Die derzeitige westliche Zivilisation stellt aber nicht die einzig mögliche Form von Gesellschaft dar, sie ist lediglich ein Entwurf von Verwirklichung unter anderen - eine Tatsache, die immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint.

Es ist allgemeiner Konsens, den ich jedoch nicht teile, dass unsere Gesellschaft imstande erscheint, die Bedürfnisse der Individuen zu befriedigen. Und eine solche Gesellschaft, so glauben viele, kann mit Recht verlangen, dass ihre Prinzipien und Institutionen akzeptiert werden.

Dabei gäbe es so viele Bereiche, die im Namen der Freiheit verändert werden sollten. Ich möchte nur drei erwähnen:

1. Ökonomische Freiheit
Damit ist Freiheit von der Wirtschaft, von ökonomischen Kräften und Mächten gemeint. Dies bedeutet auch Freiheit vom täglichen Kampf ums Dasein.

2. Politische Freiheit
Sie bedeutet die Freiheit von der Politik, über die wir keine wirksame Kontrolle ausüben können.

3. Denkerische Freiheit
Geistige Freiheit würde individuelles Denken fördern, das jetzt durch Massenkommunikationsmittel vielfach aufgesogen wird. Die Abschaffung der sogenannten öffentlichen Meinung mitsamt der Zähmung ihrer Hersteller erscheint derzeit deshalb so unrealistisch, weil die Gewalt der Kräfte, die dies verhindern, so mächtig ist.

Bedürfnisse

Die Intensität, die Befriedigung und selbst der Charakter menschlicher Bedürfnisse, die über das Biologische hinausgehen, sind stets im Voraus festgelegt gewesen. Ob die Möglichkeit, etwas zu tun oder zu lassen, zu genießen oder zu zerstören, zu besitzen oder zurückzuweisen als ein Bedürfnis erfasst wird oder nicht, hängt davon ab, ob sie für die herrschenden gesamtwirtschaftlichen Institutionen und Interessen als wünschenswert und notwendig angesehen werden. In diesem Sinn sind menschliche Bedürfnisse historische Bedürfnisse. In einem hohen Maß, wie die Mächte in der Gesellschaft, in der wir leben, es erfordern, unterliegen die menschlichen Bedürfnisse der Manipulation.


Robert Zeppel-Sperl, Linolschnitt, 1976

Es ist daher zwischen wahren und falschen Bedürfnissen zu unterscheiden. Falsch sind diejenigen, die dem Individuum auferlegt werden, die harte Arbeit, Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen. Auch die meisten der herrschenden Bedürfnisse, sich im Einklang mit den Medien zu entspannen, zu vergnügen, zu benehmen und zu konsumieren, zu hassen und zu lieben, was andere hassen und lieben, gehören zu diesen falschen Bedürfnissen.

In letzter Instanz muss die Frage, was wahre und falsche Bedürfnisse sind, von jedem selbst beantwortet werden. Solange jedoch die Menschen davon abgehalten werden, autonom zu sein, solange sie geschult und manipuliert werden, kann ihre Antwort auf diese Frage nicht als ihre eigene verstanden werden. Jedoch auch keine Institution kann sich das Recht anmaßen, darüber zu befinden, welche Bedürfnisse entwickelt und befriedigt werden sollen, und welche zu den wahren und falschen im oben genannten Sinn zählen.

Jede Befreiung hängt vom Bewusstsein der Knechtschaft ab. Dieses kann nur durch Bildung, die mit Ausbildung nichts zu tun hat, erreicht werden. Die heute propagierte Form der Schulbildung führt meist nicht zum selbstständigen Denken der Jugend, sondern zu Anpassung und Funktionieren.

Viele Menschen sehen in den Konsumgütern das Optimum ihrer Entfaltung. Persönlichkeit bedeutet oft nicht mehr als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen.

Die geistige und gefühlsmäßige Weigerung mitzumachen erscheint oft als neurotisch. Wenn die Menschen sich in den Dingen, die ihr Leben gestalten, finden, dann geschieht das nicht, indem sie den Dingen das Gesetz geben, sondern weil sie nichts mehr durchschauen wollen, da sie völlig angepasst sind. Die Art, in der ein junges Mädchen eine Verabredung annimmt, der Tonfall am Handy und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch, ja das ganze nach den Begriffen einer vulgarisierten Psychologie aufgeteilte Innenleben bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgreichen Klon zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von den Massenmedien präsentierten Modell entspricht.

Seit der Neutralisierung der Religion sind wir alle frei, zu tanzen und uns zu vergnügen, wie wir wollen.

       (The Killers)

Im freien Fall

Wir befinden uns möglicherweise am Beginn der zweiten Periode der Barbarei. Anpassung, Dumpfheit und Entfremdung sind ihre düsteren Vorboten. Die Gesichter dieser Barbarei werden andere sein als wir erwarten.

Das Denken ist der Motor unserer Bedürfnisse. Nehmen wir das Wagnis denkender Existenz auf uns, ist dies zwar kein Garant für unser Glück, aber wir bleiben zumindest bei uns. In der innersten Zelle des Gedankens gibt es nichts seinesgleichen. Vielmehr sprengt er den Selbstbetrug einer hilflosen und sinnlosen Identität und ermöglicht den Weg zu Gott.

... Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und steht vor dir wie aller Engel größter:
ein fremder, bleicher und noch unerlöster,
und hält dir seine Flügel hin...

Rainer M. Rilke: Das Stundenbuch
Verwendete Literatur:
Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Suhrkamp 1966
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Fischer 2003
Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Luchterhand 1967
Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch, Insel 1972



 Seite 1
  zurück
  Seitenanfang
  Seitenende
Druckversion in PDF