DAS UNSTERBLICHE GERÜCHT

Zur Einleitung

von Nikolaus Werle

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Anhand zweier Bilder seien zwei Konzepte vorgestellt, die man als ethisches und religiöses bezeichnen könnte. Das erstere, antike Konzept zeigt den Menschen als den, der in seinem Leben Entscheidungen treffen muss. Er ist dabei frei. Entscheidet er sich für das Gute, genießt er das Wohlwollen der Götter und die Ehren der Menschen. Das zweite Konzept, das religiöse, beschreibt den Menschen als herausragendes Wesen der Schöpfung, das vom Baum der Erkenntnis gekostet hat, aber dem Tod verfallen ist. Erlösung erlangt der Mensch nur, wenn er nicht den Verlockungen der Genügsamkeit des eigenen Ego erliegt, sondern sich auf die Gnade Gottes einlässt.

Der griechische Mythos von Herakles am Scheideweg zeigt den Menschen als denjenigen, der sich zwischen Tugend und Laster, mühevoller Anstrengung und erschöpfender Lust entscheidet.

Der christliche Mythos sieht den Menschen als denjenigen, der dem Tod verfallen ist und diesem Sein zum Tod ohne göttliche Erlösung nicht entrinnen kann.

Platon sagt, dass derjenige ein sehr kümmerlicher Mensch sein muss, der nicht bereit ist, gründlich über das nachzudenken, was, wenn es wahr ist, das Wichtigste ist. (Phaidon 85) Daraus ergibt sich die Frage, existiert Gott und was bedeutet die jeweilige Antwort für den Menschen, von ganz allein.

In diesem Zusammenhang dürfen wir eine andere wichtige Erkenntnis nicht vergessen: Wir müssen uns nicht einbilden, dass uns die Welt ein lesbares Gesicht zuwendet, welches wir nur zu entziffern haben. Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis. (M. Foucault, Die Ordnung des Diskurses, S. 36) Daher ist jede (vermeintliche) Erkenntnis im Zusammenhang mit Gott mit großer Vorsicht zu behandeln.

Aus den schier unzähligen Antworten, die im Lauf der Geschichte auf die Gottesfrage zu geben versucht wurden, kann in diesem Kurs nur eine kleine Anzahl ausgewählt werden: Echnaton, Moses, Platon, Aristoteles, Cusanus, Blaise Pascal, Jürgen Habermas.

Was Gott für den Menschen bedeutet, ist also Thema dieses Kurses, mit allen sich daraus ergebenden Fragen und lückenhaften bis erbärmlichen Antworten.



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Annibale Carracci, Herakles am Scheideweg, 1595

Der Sophist Prodikos (ca 450 - ca 399) erzählt die Parabel von Herakles am Scheideweg: Der junge Heros, vor die Wahl gestellt, den verlockenden, bequemen Weg der Lust oder den schweren, mühevollen Weg der Tugend zu gehen, wählt die Bahn der Tugend, die ihn schließlich zur Unsterblichkeit führt.

Eines Tages kam Herakles in eine einsame Gegend und überlegte bei sich, welche Lebensbahn er einschlagen sollte. Als er so sinnend da saß, sah er auf einmal zwei Frauen auf sich zukommen. Die eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren Leib schmückte Einfachheit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sittsam, ihre Kleidung züchtig. Die andere zeigte auffallend ihre Reize, das Weiß und Rot ihrer Haut waren durch Schminke hervorgehoben, ihre Kleidung war so gewählt, dass ihre Reize möglichst durchschimmerten. Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann aber auch um sich, ob nicht auch andere sie erblickten.

Als beide näher kamen, ging die erste ruhig ihren Weg, die andere aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jüngling zu und redete ihn an: „Sohn der Alkmene, welchen Weg willst du nehmen? Mach mich zu deiner Freundin: Ich werde dir nämlich den Weg zur Lust zeigen: Der ist ohne Anstrengungen und ohne Kriege.“

Als Herakles diese lockenden Anerbietungen hörte, fragte er verwundert nach ihrem Namen. Diese antwortete: "Man nennt mich die Glückseligkeit, meine Feinde hingegen geben mir den Namen liederliches Laster."

Da sprach die andere junge Frau zu ihm: „Ich komme zu dir, junger Mann, weil ich deine Kraft kenne. Wenn du den Weg zu mir ergreifst, zeige ich dir die schönen und edlen Werke. Ohne Strapazen haben die Menschen nichts von den schönen und edlen Werken. Du aber ehre die Götter und die Götter werden dich als Gast aufnehmen. Mache edle Werke und liebe nicht die schlechten Werke und die Menschen werden dich ehren. Mache die Werke des Krieges, wenn du deinen Freunden helfen und deine Feinde töten willst."

Und die Liederlichkeit sagte: „Merkst du, junger Mann, dass diese Frau dir den mühsamen Weg zur Tugend zeigt? Ich zeige dir den leichten Weg ins Vergnügen.“ Die Tüchtigkeit erwiderte: „Junge Frau, was hast du Edles? Was machst du für ein schönes Werk, wenn du nicht Mühe haben willst? Ich aber bin mit den Göttern und den edlen Menschen zusammen. Die Götter und Menschen ehren mich und ein schönes Werk gelingt nicht ohne mich.“

Und plötzlich waren die beiden Gestalten verschwunden und Herakles wieder allein. Nun war er entschlossen, den Weg der Tugend zu gehen.



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Hans Holbein, Lex et Gratia, ca.1524

Unter dem Lebensbaum, der links dürre und rechts grüne Zweige trägt, sitzt ein nackter Sünder. Der Prophet Jesaja und Johannes der Täufer bemühen sich um ihn. Sie weisen ihn auf die Gnade des Evangeliums hin. Jeder Ausformung des Evangeliums entspricht auf der anderen Bildhälfte eine spiegelbildliche Gestalt des Gesetzes: Maria auf dem Berg Zion und Moses auf dem Sinai, die Kreuzigung Christi und die Erhöhung der ehernen Schlange, die Anbetung des Goldenen Kalbes und die weihnachtliche Erscheinung der Engel vor den Hirten, der Sündenfall Adam und Evas sowie der Gang Christi und seiner Jünger in den Garten Gethsemani, der Todessarkophag und die Auferstehung Christi.

Der Mensch steht nicht wie Herakles am Scheideweg, der sich für den einen oder den anderen Weg entscheiden kann. Er ist auf beide Bereiche der Offenbarung angewiesen: Gesetz und Gnade. Das Gesetz zeigt dem Menschen seine Sünde, die Gnade seine Erlösung. Das Gesetz gibt dem Menschen die Einsicht in die eigene Verlorenheit, in sein Versagen und in das Ende des Todes. Zur Vollendung gelangt der Mensch, wenn er dann die göttliche Erlösung akzeptiert...

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