BEGRIFFSKLÄRUNGEN

Gott - Theologie - Geschichte - Epoche

von Nikolaus Werle

I.

Vorphilosophisch benennt θεος das überwältigende, mächtige, beseligende Gegenüber, dessen Erfahrung uralte Kulturriten vermitteln, später dann überhaupt jede übermächtige Erfahrung.

Die Dichtkunst des alten Griechenlands gestaltete das Bild der Götter rein anthropomorphisch: Die Götter sind menschlich an Gestalt und Persönlichkeit, nur unendlich überlegen durch Macht, Unsterblichkeit und Seligkeit und Jugend. In ihrer Macht steht, zu retten und zu vernichten, Gedanken und Affekte der Menschen zu lenken, unsichtbar zu bleiben oder die Gestalt zu wandeln. Ihr Wissen ist dem Menschen weit voraus, doch nicht ohne Grenzen. Die Götter sind zwar mächtig, doch respektieren sie μοιρα, die einmal gesetzte Verteilung der Welt. Die Moiren sind die griechischen Schicksalsgöttinnen. Nach Hesiod, um 700 vChr, sind sie Töchter des Zeus und der Themis, der Göttin der Ordnung und der Gerechtigkeit. Sie heißen Klotho, die den Lebensfaden spinnt, Lachesis, die ihn zuteilt, und Atropos, die ihn abschneidet. Von den Römern wurden die Moiren den Parzen gleichgestellt.

Besonders zu beachten ist das Nebeneinander der mythenreichen religiösen Vorstellungswelt des Volkes und die bei vielen Philosophen ausgeprägte Einsicht in das eigene Nichtwissen und die Unlösbarkeit der Frage nach dem Göttlichen. So selbstverständlich das Göttliche im Leben wahrgenommen wurde, so sehr gewinnt in der Philosophie, vor allem der neuplatonischen, die Auffassung an Gewicht, das Göttliche sei über der Vernunft, jenseits von Denken und Wollen, zwar Ursprung der Vielfalt der Wirklichkeit und Ziel alles Seienden, aber unerkennbar.

Ganz anders entwickelt sich die Gottesvorstellung der Bibel. Das Gottesverständnis lässt sich zunächst nur von seiner Geschichte, nicht von seinen Begriffen her entfalten. Es wird vor allem durch drei grundverschiedene Überlieferungen aus der nomadischen Vergangenheit geprägt.

Der Gott der Väter ist an kein Heiligtum mit Priestern gebunden, sondern offenbart sich dem Oberhaupt einer wandernden Sippe und verheißt ihm Führung, Schutz, Nachkommenschaft und Landbesitz.

Als Höhepunkt dieser Verheißung wird die Herausführung aus Ägypten verstanden, die ausschließlich als Tat Gottes ohne jede menschliche Mithilfe dargestellt wird.

Die Sinaitheophanie bezeichnet die für die Israeliten grundlegende Offenbarung Gottes. Sie besteht aus drei Elementen:

Das Neue Testament beschreibt Gott nicht mit klar geprägten Begriffen und entzieht sich auch den Versuchen, sich ein Bild von Gott zu machen, indem es der Welt nur ein Bild vor Augen stellt: Den Menschen Jesus Christus. Die Menschen sollen auf Grund konkreter historischer Erfahrung wissen, wie Gott ist und was er an ihnen getan hat.



II.

Der Begriff Theologie stammt aus dem griechischen Denken und wurde nur zögernd, nicht ohne Widerstand, zum Sammelbegriff für das Nachdenken über Gott, wie es die Buchreligionen zu tun pflegen.

Das Wort Theologie begegnet als Begriff erstmals bei Platon. Er versteht darunter das philosophisch-kritisch beurteilte, entmythologisierte Reden von den Göttern. Die Theologie bildet den Weg vom Mythos zum Logos, der sich bei den vorsokratischen Philosophen Heraklit und Anaximander anbahnt und sich bei Platon vollendet. Im platonischen Verständnis besteht die Funktion des Logos darin, die in den Mythen verborgene Wahrheit zu enthüllen.

In diesen theologischen Reflexionen ist bereits das Bemühen erkennbar, in der Auseinandersetzung mit der Religion das Reden vom Göttlichen als philosophische Möglichkeit wahrzunehmen.

Der Begriff wurde, da aus der griechischen Antike stammend, sehr schnell vom Christentum rezipiert und bis heute als Bezeichnung für die wissenschaftliche Erörterung des christlichen Glaubens verwendet. In einer nichteurozentrierten, universalen Sicht kam es zu einer Öffnung und Erweiterung von „Theologie“. Einerseits bezeichnet man jede kritische Reflexion der Gläubigen über (ihre) Religion als Theologie, andrerseits vollzieht sich die Theologie nicht mehr nur in dem seit der griechischen Antike maßgebenden, europäisch geprägten Horizont, sondern wird vielfältiger und universaler.


III.

Jaspers’ Skizze der Menschheitsgeschichte aus dem Jahr 1949 (Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte) befasste sich im Unterschied zur Archäologie nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Zukunft. Für sie sah er die Chance einer Vereinigung der großen Kulturtraditionen, die sich jahrtausendelang in getrennten Bahnen entwickelten. Sein Modell gleicht daher nicht einfach einem mehrarmigen Kerzenständer, sondern einer Art Ofenrohr mit einem gemeinsamen von Prometheus gestifteten Herdfeuer und einem Zusammenschluss der Traditionen in der Zukunft.

Der Blick auf die Menschheitsgeschichte führt uns in das Geheimnis des Menschseins. Dass wir überhaupt Geschichte haben, durch Geschichte sind, was wir sind, dass diese Geschichte nur eine vergleichsweise sehr kurze Zeit bisher gedauert hat, lässt uns fragen: Wieso ist das so? Wohin führt das? Was bedeutet das?

Seit Alters her entwickelt der Mensch seine Vorstellungen dazu, von Theogonien und Kosmogonien bis zum Weltende und zum Weltgericht. Grundsätzlich anders wird das historische Bewusstsein, wenn es sich auf empirische Grundlagen und nur auf diese stützt.

Ursprung und Ziel der Geschichte, so es sie gibt, kennen wir nicht. Fühlbar sind sie nur im Schimmer vieldeutiger Symbole, zwischen denen sich unser Dasein bewegt.

Die Geschichtswissenschaft hält sich an die Fakten und versucht diese zu verstehen. Die Heilsgeschichte der Religionen sieht die Geschichte als Ablauf der Bewährung des Menschen, dessen Ziel es ist, seine Vollendung in Gott zu finden.


IV.

Der Begriff Epoche (εποχη - das Zurückhalten) verdient es, dass man sich mit ihm etwas näher beschäftigt, denn er ist schillernd und tiefgründig.

Die griechischen Skeptiker bezeichneten damit das Unterlassen von Urteilen über alles, wovon man nichts Sicheres wissen kann. Dies führt dazu, dass man alle bisher als gültig angenommenen Meinungen und Theorien über die Welt „einklammert“. Übrig bleiben dadurch die Phänomene, das was sich zeigt. Die Wirklichkeit besteht in nichts anderem als den von uns wahrgenommenen Phänomenen.

εποχη heißt aber auch Haltepunkt oder besonderer Zeitpunkt als Einschnitt in der Geschichte, mit dem eine neue Entwicklung beginnt. Personen oder Ereignisse, die neue Entwicklungen initiieren, gelten als epochemachend oder epochal. Seit etwa 1800 benennt man damit nicht mehr einen Zeitpunkt, sondern einen Zeitabschnitt. Die Einteilung der Geschichte in Epochen ist eine Klassifikation historischer Ereignisse, die bei den Historikern nicht einheitlich ist. Ohne Begründung wird hier das Mittelalter von 476 - 1453 angesetzt.

Die Geschichtsphilosophie, die untersucht, was unter Geschichte eigentlich verstanden werden soll, beschäftigt sich mit den Fragen:
      Ist die Geschichte eschatologisch? Läuft sie auf ein übernatürliches Ende zu, wie es das Christentum glaubt?
      Ist sie vom Weltgeist, wie Hegel meint, getragen?
      Ist sie von ökonomischen Kräften bestimmt, wie Marx annimmt?
     Oder besteht Geschichte aus einer Reihe von Ereignissen, die auf vielerlei Weise und willkürlich geordnet werden können, wie es moderne Empiristen glauben?



(Offb 6,1-8)
Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eine der vier Gestalten sagen wie mit einer Donnerstimme:   Komm!
Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.
Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich die zweite Gestalt sagen:    Komm!
Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, dass sie sich untereinander umbrächten, und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.

Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich die dritte Gestalt sagen:   Komm!
Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand.
Und ich hörte eine Stimme mitten unter den vier Gestalten sagen: Ein Maß Weizen für einen Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen; aber dem Öl und Wein tu keinen Schaden!

Und als es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme der vierten Gestalt sagen:   Komm!
Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten damit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere auf Erden.


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