Paralipomena zu den Anfängen der Monotheismen

von Nikolaus Werle

In Hermann Hesses Gedicht Stufen aus dem Jahre 1941 stehen die berühmten Zeilen:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Dass dies auf die Entstehung der großen monotheistischen Religionen zutrifft, werden wir nur mit einer großen Einschränkung bejahen können. Die Anfänge des Judentums und des Islams sind von Gewalt geprägt. Im Neuen Testament gibt es keine vergleichbaren Texte, aber in ihrer Geschichte haben die Christen bewiesen, dass sie den anderen beiden Weltreligionen diesbezüglich völlig ähnlich sind.


Judentum

Um nur ein Beispiel aus dem Alten Testament zu erwähnen, wird hier aus dem zehnten und elften Kapitel des Buches Josua zitiert, das die Eroberung Palästinas nach dem gelungenen Auszug der Israeliten aus Ägypten zum Inhalt hat.

10,16 Jene fünf Könige aber flohen und versteckten sich in der Höhle zu Makkeda. 10,17 Da wurde dem Josua mitgeteilt: Die fünf Könige sind gefunden worden, versteckt in der Höhle zu Makkeda. 10,18 Und Josua sagte: Wälzt große Steine an den Eingang der Höhle und stellt Männer an ihr auf, um sie zu bewachen! 10,19 Ihr aber steht nicht still, sondern jagt euren Feinden nach und schlagt ihre Nachhut! Lasst sie nicht in ihre Städte kommen! Denn der Herr, euer Gott, hat sie in eure Hand gegeben. ... ... weiter im Text ... ...

Begrüßung Josuas durch seine Kundschafter 3. Jhdt, Josuarolle, Biblioteca Vaticana


Islam

Ähnliches lesen wir im Koran. Als Beispiele seien nur einige Zitate angeführt. Diese werden zwar immer von islamischen Theologen relativiert, aber es gilt das geschriebene Wort.

Sure 2, Vers 191: "Und erschlagt die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Totschlag. ...";
Sure 2, Vers 193: "Und bekämpfet sie, bis die Verführung zum Unglauben aufgehört hat und der Glaube an Allah da ist. ..."
Sure 3, Vers 118 : "Oh ihr, die ihr glaubt, schließet keine Freundschaft außer mit euch. ..."
Sure 4, Vers 89: "Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und dass ihr ihnen gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer."
Sure 5, Vers 52: "Oh Gläubige, nehmt weder Juden noch Christen zu Freunden."
Sure 8, Vers 12: "... Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab."
Sure 8, Vers 39: "Und kämpfet wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt.."
Sure 9, Vers 5: "Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so lasst sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig."
Sure 9, Vers 5: "Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! ..."
Sure 9, Vers 111: "Siehe, Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft. Sie sollen kämpfen in Allahs Weg und töten und getötet werden. ... Freut euch daher des Geschäfts, das ihr abgeschlossen habt; und das ist die große Glückseligkeit."
Sure 9, Vers 52: "Sprich: ';Erwartet ihr Ungläubigen etwa, dass uns nicht eins der beiden schönsten Dinge treffen wird?' Und wir erwarten von euch Ungläubigen, dass euch Allah mit einer Strafe treffen wird, sei es von Ihm oder durch unsere Hand. Und so wartet; siehe wir warten mit euch."
Sure 47, Vers 35: "Werdet daher nicht matt und ladet sie nicht ein zum Frieden, während ihr die Oberhand habt; ..."
Sure 5, Vers 39: "Und der Dieb und die Diebin, schneidet ihnen ihre Hände ab als Lohn für ihre Taten. Dies ist ein Exempel von Allah, und Allah ist mächtig und weise."
(Bild rechts: Mohammed, 1436, Herat, Afghanistan. Das Werk befindet sich in der Sammlung der Bibliothèque Nationale in Paris.)


Christentum

Auch aus dem Neuen Testament sei eine berühmte Stelle angeführt, die mit Gewalt zu tun hat: Mt 10, 34-39

Denkt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ich bin gekommen, den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; die eigenen Angehörigen werden zu Feinden. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein. Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein. Und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein. Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben aber wegen mir verliert, der wird es finden.

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar (Ausschnitt)


Conclusio

Nach diesen Ausführungen ergibt sich eine nahe liegende Schlussfolgerung: Gewalt und Unduldsamkeit scheinen Kennzeichen der drei besprochenen Weltreligionen zu sein. Sie charakterisieren nicht bloß die verfehlte Praxis ihrer Anhänger, sondern mehr (Josua, Mohammed) oder weniger (Jesus) die Aussagen und Handlungen ihrer Gründergestalten.

Doch muss hier noch ein weiterer Aspekt beachtet werden, der heute die Situation der drei Weltreligionen bestimmt.

Eine der grundlegenden Annahmen der Säkularisierung war die Vorstellung, dass sich mit fortschreitender Modernisierung das Religiöse selbst erledigen werde. Die in der Aufklärung wurzelnden Kritiker verstanden religiöse Phänomene primär gesellschaftlich und psychologisch verursacht und gaben sich als skeptische Wissenschaftler damit zufrieden.

Im Anschluss an die Religionskriege in der Frühen Neuzeit wurde der Zerfall der weltlichen Macht der Kirche teils betrauert, teils als Triumph der Rationalität der Wissenschaft und der irdischen Selbstbegründung politischer Herrschaft gefeiert. Man wähnte sich von der Umklammerung des Aberglaubens und der Machtanmaßung des Papsttums befreit.

Immanuel Kant in seiner Schrift Was ist Aufklärung? aus dem Jahr 1784:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“


Ausschnitt aus Camille Flammarion, L' Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), p. 163; Künstler unbekannt

Aber gilt dies alles nicht auch für die Religion selbst? Ist nicht auch das Christentum vom Aberglauben und der Bürde der Herrschaftslegitimation befreit worden? Dient nicht gerade die Trennung von Religion und Staat, von Religion und Wissenschaft der Emanzipation der Religion, die sich, befreit vom Ballast unerfüllbarer Aufgaben, ihrem eigentlichen Gebiet, der Spiritualität, widmen kann? Säkularisierung entmachtet und ermächtigt Religion zugleich. Denn jetzt kann Religion endlich nichts anderes als Religion werden. Die Kirche ist nun nicht mehr für alles zuständig, nur noch für Spiritualität und Religiosität. In die Falle der Allzuständigkeit tappen heute eher der Staat und die Wissenschaften.

Kern der Religiosität in Europa ist die Entkoppelung von institutioneller Religion und subjektivem Glauben, aber auch von Moral, Lebensregeln und Sinngebung. Die prinzipielle Autorität eines lebendigen Glaubens ist das souveräne Selbst, das sich nicht in Anmaßung überschätzt, sondern seine Kontingenz akzeptiert.

Rund um den Erdball nahmen Milliarden Menschen an dem halböffentlichen Sterben von Papst Johannes Paul II. teil. Die Bilder, in denen seine Stimme aus der Zerbrechlichkeit seines Körpers kam und in den Stunden des Todes bekennt: Er, der sterbende Papst, empfinde angesichts der baldigen Begegnung mit Gott Freude - diese Stimme und Bilder schlugen die Menschen weltweit in ihren Bann. Die existentielle Suche aller Menschen nach der Sinnhaftigkeit von Leben und Tod fand eine einfache personale Antwort.

Die vertikale Sicht traditionellen Religionsverständnisses wird zumindest im christlichen Bereich immer deutlicher durch eine Tiefendimension ersetzt, die zwar immer schon vorhanden war, aber sich erst allmählich zu entfalten beginnt.

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