Alles Tod? Alles.

Von Nikolaus Werle


Albrecht Dürer (1471 - 1528): Die apokalyptischen Reiter, Holzschnitt, 1498
(Vergr. Ausschnitt)

Der Grund, warum in diesem Zusammenhang auch über den Tod referiert wird, ist die nachfolgende Stelle aus der

Offenbarung des Johannes, 6. Kapitel: Die vier apokalyptischen Reiter

1 Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm! 2 Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen.

3 Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Lebewesen rufen: Komm! 4 Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.

5 Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage. 6 Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu!

7 Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! 8 Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt Tod; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde.



Venedig, im Juli 2009

Von Orpheus bis Sigmund Freud

Dass die menschliche Existenz mit dem Tod unwiederbringlich zu Ende gehen könne, ist ein kulturgeschichtlich später Gedanke. In den meisten archaischen, europäischen und außereuropäischen Kulturen wird der Tod nicht als Ende der Existenz, sondern als Übergang in eine andere Seinsform verstanden und oft mit der Idee der Reinkarnation in Verbindung gebracht, die man in den Philosophien und Religionen Indiens und der Kosmologie nordamerikanischer Indianerkulturen, der platonischen und neuplatonischen Philosophie, der Orphik und anderen Mysterienreligionen des alten Griechenlands ebenso findet wie im frühen Christentum oder im Hinduismus und Buddhismus. Die gängigsten Begriffe für den Tod sind darum Metaphern des Übergangs, der Wanderung oder der Reise, der Befreiung oder des Abschiednehmens, des Schlafs oder der Krankheit.

Besondere Beachtung verdient die Orphik. Damit bezeichnet man eine Strömung im alten Griechenland, die auf die heiligen Schriften zurückging, welche angeblich von dem legendären Dichter und Musiker Orpheus stammten. In Fragmenten orpheischer Poesie, die auf goldenen Tafeln in den Gräbern von Anhängern des orphischen Kultes aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr. gefunden wurden, fanden sich Hinweise darauf, dass die Mysterien des Kultes auf einer Kosmogonie beruhten, in deren Mittelpunkt der Mythos von dem Gott Dionysos Zagreus stand, dem Sohn des Zeus und der Semele. Von Hera angestiftet, waren die Titanen, die sechs Söhne des Uranos und der Gaia, wütend auf Zeus, der seinen Sohn zum Herrscher des Universums machen wollte. Sie zerstückelten und verschlangen den jungen Gott. Die Weisheitsgöttin Athene konnte sein Herz retten und brachte es dem Zeus. Dieser verschlang es und schuf einen neuen Dionysos, den Dionysos Lyseus. Dann bestrafte Zeus die Titanen, indem er sie mit seinem Blitz erschlug. Aus ihrer Asche ging das Menschengeschlecht hervor. Als Folge besaßen die Menschen eine Doppelnatur. Der irdische Körper war das Erbe der erdgeborenen Titanen, die Seele rührte von der Göttlichkeit des Dionysos her, dessen Überreste sich mit denen der Titanen vermischt hatten.

Den Lehren der Orphik gemäß sollte der Mensch danach streben, die dionysische oder göttliche Natur seines Wesens von dem titanischen oder bösen Element in seiner Natur zu befreien. Die orphischen Mysterien weisen dazu den Weg, der in der Befolgung der orphischen Riten der Reinigung, der Askese und einem tugendhaften Leben besteht. Die Seele durchläuft eine Reihe von Wiedergeburten, deren Zahl und Art von der sittlichen Qualität des vorangegangenen Lebens abhängen. Am Ende jedoch würde die Seele nach dem Tod vollständig von den titanischen Elementen befreit und mit dem Göttlichen vereint sein.

Eine grundsätzlich neue Todesauffassung entsteht durch die biblischen Religionen: Der Tod wird als Folge der Sünde gesehen. Der Mensch hat das göttliche Gebot missachtet, deshalb verfiel er dem Tod. Allerdings gab es im AT immer auch die Lehre vom natürlichen Tod des Menschen, der als ein aus Staub Geschaffener zu Staub werden muss. Das NT bringt hier eine entscheidende Wende: Die Macht des Todes ist gebrochen, Christus hat ihn besiegt. Doch nur die Gläubigen erwachen zum ewigem Leben, den Ungläubigen droht nach dem letzten Gericht ein zweiter Tod, der ihr Dasein nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor Gott auslöscht. Dies ist die ewige Verdammnis.

Sigmund Freud versuchte durch die Konstruktion eines Todestriebs zu erklären, dass gemäß der konservativen Beschaffenheit der Triebe der Mensch zur Wiederherstellung des früheren, des anorganischen Zustandes, dränge und damit das Ziel allen Lebens, den Tod, anstrebt. Diese Todestrieb-Theorie, die Sigmund Freud in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips aus dem Jahre 1920 in sein Lehrgebäude aufnahm und in Das Ich und das Es aus dem Jahre 1923 weiterführte, war mehr ein theoretisches Konzept als eine Theorie. Unter den Eindrücken des ersten Weltkrieges suchte Freud nach einer Erklärung, um Phänomene wie Krieg, Massenmord aber auch Sadismus und Masochismus und Wiederholungszwang erklären zu können.

So schrieb er 1933 in seinem Brief Warum Krieg? an Albert Einstein, dass die Tötung des Feindes eine triebhafte Neigung sei, die den Gegenpol zu jenem Trieb darstelle, der Leben erhalten wolle. Der eine Trieb sei so unerlässlich wie der andere, denn aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der beiden gingen die Erscheinungen des Lebens hervor.

Die Unruhe, die durch Lebensvorgänge ausgelöst werde, führe zum Wunsch, dass diese Unruhe beseitigt werde und wenn man das konsequent zu Ende denke, dann komme man zum Schluss, dass auch die lebenserhaltende Dynamik des Lebens danach strebe, wieder beseitigt zu sein.



Die Herrschaft der Toten

Die Lebenden werden gezwungen, den Interessen der Toten zu dienen. Die Kultur ist eine Verewigung der Macht der Toten, während die Natur von dieser Ressource nur in einem rein organischen Sinn Gebrauch macht. Die Toten üben von ihrer Posthumanität - was und wo immer diese sein mag - auf die Lebenden Wirkungen von Schuld, Furcht und Verantwortung aus. Alles, was wir derzeit besitzen, wie wir leben, worauf wir aufbauen, geht auf die vielen Menschen zurück, die vor uns gelebt haben. So sind wir das Bindeglied zwischen den Toten und den Ungeborenen, die beide in einem physischen Sinn, der für uns erkennbar wäre, nicht sind. Wohin man auch blickt im großen Spektrum der menschlichen Kulturen, stößt man auf die grundlegende Autorität der Vorgänger. Die Tiere gehorchen nur dem Gesetz der Vitalität, die Menschheit aber steht unter der Herrschaft der Toten. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir erfüllen den Willen der Vorfahren: Unsere Gebote kommen zu uns aus ihren Festlegungen, ihre Präzedenzfälle bilden unser Rechtssystem. Oft setzen die Menschen den Kampf für die Ideen ihrer Vorfahren fort, sie werben für ihre Ideologien und nicht selten starben Millionen bei dem Versuch, ihre vermeintlichen Demütigungen zu rächen.

Woher kommt diese Knechtschaft? Die Menschen hungern und gieren nach Legitimität, nach Anerkennungswürdigkeit und Rechtmäßigkeit. Es ist für den Menschen unmöglich, den Spielraum einer Freiheit zu erringen, die nicht ohne Anerkennung traditioneller Ansprüche, die aber immer auf die Autorität der Toten zurückgehen, auskommt. Häuser, Gesetze, Bilder, Wörter, Träume, Rituale, Denkmäler, Bücher, Musik, Kunst in all ihrer Vielfalt haben immer etwas Posthumes an sich.

In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, dass wir uns die Etymologie grundlegender Begriffe vor Augen führen:

humus f = Erde, Ackerboden; humanus m = Mensch, Sterblicher
natura kommt bekanntlich von nasci = geboren werden
cultura von colere = bebauen, schmücken, veredeln, anbeten

Durch das Begraben seiner Zukunft, das den Schluss eines jeden Lebens darstellt, enthält das Humische die unabgeschlossene Geschichte eines jeden Menschen. Begraben bedeutet nicht nur, dass man einen Leichnam in der Erde zur Ruhe bettet, sondern auch, dass man die Vergangenheit speichert und bewahrt. Dies ist ja auch der Sinn der Pyramiden, Grabsteine und Urnen. Und unsere Psyche ist der Friedhof von Eindrücken, Begierden, von Traumata und Sehnsüchten.

Die Menschen begraben ihre Toten nicht, um einen Abschluss herbeizuführen und eine Trennung von ihnen zu bewirken, sondern auch, um den Boden zu humanisieren, auf dem sie ihre Welten bauen und ihre Geschichte weiterführen.



Die Langeweile

Die Langeweile ist die Nichtigkeitserfahrung des menschlichen Daseins, sie ist Tod im Leben, das Nichts im Dasein, sie ist Gefühl für die Nichtigkeit dessen, was ist, und desjenigen, der sie empfindet und fühlt. Die Langeweile ist aber nicht nur eine Tochter der Nichtigkeit, sondern gleichzeitig Mutter des Nichts, denn sie ist nicht nur an sich unfruchtbar, sondern vermag auch alles, dem sie sich vermischt oder nähert, unfruchtbar zu machen.

Charles Baudelaire nennt im Einleitungsgedicht der Fleurs du Mal die Langeweile das böseste aller Laster, das die Erde zertrümmern und gähnend die Welt verschlucken möchte.

An den Leser

Torheit, Sünde, Geiz und Irrtum zehren
An unserm Leib, besetzen unsern Geist;
Und jeder seine lieben Skrupel speist,
Wie Bettelleute Ungeziefer nähren.

Verstockte sind wir, die nur lau bereun,
doch wenn es lohnt, auch manches eingestehn,
Dann munter auf dem Sumpfweg weitergehn
Und glauben, Tränen waschen alles rein.

Satan, der Dreimalgroße, wiegt allzeit
Auf Bösem weich gebettet das Gemüt,
Und das Metall der Willenskraft verglüht
Durch dieses Alchimisten Fertigkeit.

Der Teufel hält die Fäden, die uns leiten!
Wir finden Lust an widerlichen Dingen,
Die täglich uns der Hölle näher bringen,
Furchtlos, durch üblen Dunst und Dunkelheiten.

Lüstlingen gleich, die gierig schmatzend küssen
Von alten Huren die zerquälten Brüste,
Stehlen wir hastig unerlaubte Lüste,
Die wir wie Orangen pressen müssen.

Und wie von Würmern, die sich wimmelnd drängen,
Wird von Dämonen unser Hirn verschlungen,
Mit unserm Atem fließt in unsere Lungen
Der unsichtbare Tod mit Klagesängen.

Wenn die Gewalt, das Gift, der Dolch und Brand
Noch nicht das Jammerleben, das wir führen,
Auf dem Entwurf mit hübschen Mustern zieren,
So, weil die Kühnheit unsrer Seele schwand!

Doch unter Panthern und Schakalen aller Arten,
Den Affen, Geiern, Schlangen, die sich winden,
Den Ungeheuern, die wir heulend finden,
Kreischend und knurrend in des Lasters Garten,

Ist eins vor allem hässlich und gemein!
Zwar schreit es nicht und scheint sich kaum zu regen,
Doch würd’ es gern die Welt in Trümmer legen
Und schlänge gähnend sie in sich hinein;

Die Langeweile ist’s! - Das Auge tränenreich
Raucht sie die Wasserpfeife, träumt vom Blutgericht.
Kennst du das heikle Ungeheuer nicht,
Scheinheiliger Leser - Bruder, du - mir gleich!


Au Lecteur

La sottise, l'erreur, le péché, la lésine,
Occupent nos esprits et travaillent nos corps,
Et nous alimentons nos aimables remords,
Comme les mendiants nourrissent leur vermine.

Nos péchés sont têtus, nos repentirs sont lâches;
Nous nous faisons payer grassement nos aveux,
Et nous rentrons gaiement dans le chemin bourbeux,
Croyant par de vils pleurs laver toutes nos taches.

Sur l'oreiller du mal c'est Satan Trismégiste
Qui berce longuement notre esprit enchanté,
Et le riche métal de notre volonté
Est tout vaporisé par ce savant chimiste.

C'est le Diable qui tient les fils qui nous remuent!
Aux objets répugnants nous trouvons des appas;
Chaque jour vers l'Enfer nous descendons d'un pas,
Sans horreur, à travers des ténèbres qui puent.

Ainsi qu'un débauché pauvre qui baise et mange
Le sein martyrisé d'une antique catin,
Nous volons au passage un plaisir clandestin
Que nous pressons bien fort comme une vieille orange.

Serré, fourmillant, comme un million d'helminthes,
Dans nos cerveaux ribote un peuple de Démons,
Et, quand nous respirons, la Mort dans nos poumons
Descend, fleuve invisible, avec de sourdes plaintes.

Si le viol, le poison, le poignard, l'incendie,
N'ont pas encor brodé de leurs plaisants dessins
Le canevas banal de nos piteux destins,
C'est que notre âme, hélas! n'est pas assez hardie.

Mais parmi les chacals, les panthères, les lices,
Les singes, les scorpions, les vautours, les serpents,
Les monstres glapissants, hurlants, grognants, rampants,
Dans la ménagerie infâme de nos vices,

II en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu'il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,
Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;

C'est l'Ennui! L'oeil chargé d'un pleur involontaire,
II rêve d'échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
— Hypocrite lecteur, — mon semblable, — mon frère!








Die Verdrängung des Todes

Die Verdrängung des Todes, die vermeintlich zugunsten des Lebens geschieht, zieht vielleicht sogar eine tödliche Starre des Lebens nach sich. Die Mentalität Das Leben geht weiter! ist unbefriedigend und die immense Anstrengung, Leben und Tod voneinander zu trennen, erweist sich möglicherweise als fatale Sackgasse.

Denn der Tod ist die äußerste Grenze menschlicher Macht. Im Nahen des Todes ist entscheidend, dass wir wissen, dass wir von einem bestimmten Moment an nicht mehr sind. Wir wissen damit, dass wir die, die uns lieben, angesichts unseres Todes verwundbar und ohnmächtig zurücklassen müssen.



Rainer Maria Rilke: Schluszstück
(Das Buch der Bilder, 1902)

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.



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