Begriffsklärungen und Symbole, Teil II

Von Nikolaus Werle

Bosheit

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer definierte Bosheit so: Im Gegensatz zum Egoismus sucht sie ohne eigenen Vorteil den Schaden und Schmerz anderer. Der Grausamkeit sind die Leiden und Schmerzen anderer Zweck an sich und dessen Erreichen bereitet Genuss. Deshalb ist sie von größerer moralischer Schlechtigkeit. Der Leitsatz des äußersten Egoismus ist nach Schopenhauer: Neminem juva, immo omnes, si conducit, laede.**  Die Maxime der Bosheit aber lautet: Omnes, quantum potes, laede.

Ähnlich wie Schopenhauer betrachtet sie Friedrich Nietzsche, wenn er sagt, dass die Bosheit nicht das Leid des andern an sich zum Ziel hat, sondern den eigenen Genuss, zum Beispiel als Rachegefühl oder als stärkeren Nervenkitzel. Er erblickt darin das „Harmlose“ an der Bosheit.

Üblicherweise tut der Mensch nicht das Böse um des Bösen willen, zuallermeist schwebt ihm ein für ihn selbst vermeintlich wertvoll Erscheinendes vor Augen. Aber es gibt doch manchmal Kräfte im Menschen, die Böses um des Bösen willen tun.



Hölle

Dieses Wort geht auf „hel“ zurück. Hel ist bei den Germanen die Göttin der Toten und eine Tochter von Loki und der Riesin Angurboda. Ins Totenreich der Hel wandern die Seelen derjenigen, die den „Strohtod“, auf dem Strohsack eines natürlichen Todes, gestorben sind. Es gibt aber auch Überlieferungen, wonach alle Toten, auch die größten Helden, ins Reich der Hel eingehen.

Hels Name hängt mit "verhehlen" zusammen, er bezieht sich auf die verborgene Existenz der Toten und hat keinerlei negative Bedeutung im Sinne einer Verdammung. Das Totenreich ist ein Reich der Finsternis und des Schreckens. Doch diese Beschreibungen dienen nicht zur Schürung von Ängsten, sondern stellen einfach die natürlichen Schrecken des Todes dar.

In den Buchreligionen meint man mit Hölle die Endgültigkeit der Gottesferne. Sie wird meist als Jenseitsgrenze des menschlichen Schicksals gedacht und als Sitz der Mächte des Bösen und als Verneinung des Lebens dargestellt. Für die Beschreibung des Ausschlusses vom ewigen Leben und Seelenheil haben die kosmologischen und die eschatologischen Vorstellungen die Bilder hergegeben, sodass sich der Begriff innerhalb der Geistesgeschichte je nach den vorliegenden Voraussetzungen gewandelt hat. Die Vorstellungen von der Hölle - wie auch vom Himmel - sind also immer zeitbedingt.

In den Mythen ist die Hölle zunächst der Ort des Grabes, der Schatten und der Finsternis, eine dunkle Kammer im Inneren der Erde. Auf den Wänden der ägyptischen Königsgräber ist der nächtliche Weg der untergegangenen Sonne durch die zwölf Stundenbereiche der Unterwelt beschrieben. Durch die magische Wirkung des Bildrituals soll der verstorbene König in das Gefolge des wiedererstehenden Sonnengottes eingereiht werden.

Während im Alten Testament das Totenreich als Ort der Gottesferne und Land ohne Heimkehr gilt, ist es im Neuen Testament zeitlich begrenzt bis zum Ende der Geschichte. Die Seelen der Erlösten leben in „Abrahams Schoß“, im „Paradies“, im himmlischen Jerusalem. Erst im Jüngsten Gericht wird die Hölle als endzeitlicher Strafort errichtet, und zwar als Feuerhölle.

In der altbabylonischen Astralmythologie hatte sich die Vorstellung von der Unterwelthälfte des Fixsternhimmels und dem hindurchführenden Seelenweg der Milchstraße entwickelt. In der Weiterbildung entstand der Gedanke eines Feuerstroms, der vom kosmischen Throne Gottes, dem unbewegten Himmelspole, ausgehend, sich in die Tiefe des Universums ergießt und dort die Feuerhölle bildet. Dieses Jenseitsbild herrscht auch in der rabbinischen Kabbala, wo sich im Mittelpunkt der Anziehungskraft des Materiellen der höllische Thron des Dämons Asmodaeus befindet.


Kupferstich von Louis Le Breton, 1818 - 1866,
aus dem Dictionnaire infernal des Collin de Plancy, Paris 1863,

Neben den religiösen Vorstellungen gibt es die Hölle auch als Topos in der Literatur, wo sie vornehmlich als Zustand einer bewussten Quälerei, die dem Menschen durch andere Menschen zugefügt wird. erscheint. So wird ein Mythos zur Metapher. Hatte schon Arthur Schopenhauer die Welt selbst als Hölle bezeichnet und die Menschen einerseits als die gequälten Seelen und andererseits als die Teufel bezeichnet. In seinem gleichnamigen Theaterstück konstatierte der französische Schriftsteller Jean Paul Sartre: „Die Hölle, das sind die andern“



Verdammung, Verwerfung

Verdammnis ist vom lateinischen damnare entlehnt (ahd. seit dem 9. Jh. nachweisbar) und meinte das Verbanntwerden an einen Besserungs- oder Strafort. Verwerfung ist abgeleitet von werfen und bedeutet zunächst ein Zurückweisen oder Verstoßen.

Thomas von Aquin fasste, was die Psychologie der Verdammten anbelangt, die Vorstellungen des Hochmittelalters so zusammen: Sie haben nur noch das intellektuale, nicht mehr das sensitive Erkenntnisvermögen, behalten aber die Erinnerung. Dem Willen nach würden sie, wenn sie könnten, lieber das Nichtsein wählen. Es sei gerecht, dass Gott auf zeitliche Sünden ewige Strafen verhängt, weil gegen ein ewiges Gut gesündigt worden ist. Johannes Duns Scotus widerspricht mit dem Argument, an der gerechten Bestrafung der Schlechten sei die schonende Barmherzigkeit Gottes beteiligt, da ein Gericht vollkommener sei, das Gerechtigkeit und schonende Barmherzigkeit vereine.

Nach dem Endgericht besteht die Qual der Verdammten darin, von aller Gemeinschaft mit Gott abgeschnitten zu sein.

Die christliche Theologie des 20. Jahrhunderts hält sich im Allgemeinen gegenüber Aussagen zurück, nach denen die Welt- und Menschheitsgeschichte auf eine Doppelheit von Annahme und Verwerfung hinausläuft. Stark im Vordergrund steht die Tendenz, dass im Gericht Gottes alle Sünder zu ihrem wahren, geschaffenen Wesen gelangen. Doch wird auch am Erfordernis der Konstatierung eines Ausganges sowohl der Annahme als auch der Verwerfung festgehalten, ohne dem eine lehrhafte Gestaltung geben zu wollen. Verwerfung wird als Ergebnis des Ernstnehmens der menschlichen Entscheidung gesehen, sich im Angesicht Gottes gegen Gott zu wenden.



666

Viele Christen gebrauchten anstelle des Namens des römischen Kaisers Nero Lucius Domitius, der von 54 bis 68 regierte, die Zahl 666. Zählt man nur die Vokale nach ihren Werten im lateinischen Zahlensystem, erhält man dreimal die 6:

N E R O  L V C I V S  D O M I T I V S
N E R O  L 5 C 1 5 S  D O M 1 T 1 5 S

Dies gilt als die wahrscheinlichste Bedeutung dieser ominösen Zahl.

Nero
Münze mit dem Bildnis des Nero Caesar Augustus






The Angel that presided o'er my birth
Said, „Little creature, form'd of Joy and Mirth,
Go love without the help of any Thing on Earth.“
William Blake, Notebook ** 

William Blake: Kain und Abel

William Blake, 1757-1827: The Murder of Abel (Ausschnitt)



Alle Begriffe, die wir bis jetzt besprochen haben, sind Werkzeuge einer Interpretation. Das Leben in seiner Vielschichtigkeit, mit seinen großartigen Wundern und seinen abgründigen Tiefen, ist dem Menschen ein unlösbares Rätsel. Nicht wenige Menschen begnügen sich mit billigen, kleinen Freuden und verschütten ihre Abgründe mit dem Müll des Zeitgeists. Alles ist Interpretation. Wir erkennen die Wirklichkeit nur so, wie wir sie mit unseren Sinnesorganen und unserem Verstand wahrnehmen können. Begnügen wir uns mit oberflächlichen Erklärungen oder bleiben wir ein Leben lang Suchende.

Die bis in unser rational erscheinendes Zeitalter hineinragenden mythischen Vorstellungen von Satan und Hölle seien hiemit so zusammengefasst: Alles Böse, Zerstörerische und Niederträchtige hat seinen Ursprung in Gott. Die Macht des Bösen entsteht aus der Abspaltung von Gott, die ihren Ursprung in der Missachtung der Liebe hat. Wer liebt, kann nicht böse sein. Die Menschen erleben die Welt als gleichgültigen Lebensraum, der seine Wirkungen entfaltet. Es regnet, die Erde kann beben, es gibt den Tod. Es gibt aber auch die Sonne, die Natur, die uns am Leben erhält und die Erkenntnis, dass wenn wir die Welt vernünftig betrachten, sie uns auch vernünftig entgegenblickt. Es hängt immer von uns ab. Ob das Böse in unserem Leben immer mehr Raum gewinnt oder die guten Kräfte, das liegt an uns selbst.





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