Satan in der Literatur

von N.Werle
Every thing possible to be believ’d is an image of truth.
Ein jedes Ding, das geglaubt werden kann, ist ein Abbild der Wahrheit.

William Blake, The Marriage of Heaven and Hell

William Blake (1757 - 1827) vertauschte in seiner philosophischen Dichtung The Marriage of Heaven and Hell (1790-93) die Bedeutung von Himmel und Hölle miteinander, verkehrte die akzeptierte moralische Bedeutung in ihr Gegenteil und entwarf in Umrissen eine auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Weltanschauung. In dieser ist die ewige Hölle zentral. Blakes Satan ist die personifizierte Energie, er ist gut. Sein Engel repräsentiert die konfessionelle Religion, er ist schlecht.

Blakes Originalität blendet nicht, sie kleidet ihre radikal andere Sicht der Dinge in ein unscheinbares Gewand und erklärt sie für selbstverständlich. Der antispirituellen Grundhaltung großer Teile der Aufklärung sagte Blake den Kampf an. Exemplarisch sieht er sie in der Gestalt des alles „berechnenden“ Newton verkörpert. Ein erstaunlicher Farbdruck aus dem Jahre 1795 entwirft ihn als muskelstrotzenden Jüngling, der, zu Boden gebeugt, den starren Blick auf eine geometrische Figur richtet, die sein gespreizter Zirkel auf den Boden zeichnet. Er wird so zum Vertreter einer engen, quantifizierenden, letztlich nihilistischen Perspektive der Welt.

The Voice of the Devil:

All Bibles or sacred codes have been the causes of the following Errors:

  1. That Man has two real existing principles Viz: a Body & a Soul.
  2. That Energy, call'd Evil, is alone from the Body; & that Reason, call'd Good, is alone from the Soul.
  3. That God will torment Man in Eternity for following his Energies.

But the following Contraries to these are True:

  1. Man has no Body distinct from his Soul; for that call'd Body is a portion of Soul discern'd by the five Senses, the chief inlets of Soul in this age.
  2. Energy is the only life, and is from the Body; and Reason is the bound or outward circumference of Energy.
  3. Energy is Eternal Delight.

Those who restrain desire, do so because theirs is weak enough to be restrained; and the restrainer or reason usurps its place & governs the unwilling.

And being restrain'd, it by degrees becomes passive, till it is only the shadow of desire.

→ oben zitierte Textstelle in dt. Übs.

Ohne Gegensätze gibt es kein Fortschreiten, schreibt er an einer anderen Stelle. Anziehung und Abstoßung, Vernunft und Energie, Liebe und Hass sind unentbehrlich für das Dasein des Menschen.

Die vitale Energie des Menschen ist andauernd den Versuchen der Zähmung und Verteufelung durch Staat und Religion ausgesetzt.

Metaphysik und Gesellschaftskritik bedeuten William Blake keine Gegensätze. Sind erst die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, so erweist sich das Endliche als positive oder negative Spiegelung des Unendlichen.

Blakes große Dichtungen sind ein wortgewaltiger Appell an die Zeitgenossen, ihre materiellen und geistgeschmiedeten Ketten abzuschütteln. Dann werde es gelingen, das neue Jerusalem mitten unter den dark satanic mills der industriellen Maschinerie und der in sich kreisenden Mechanik des Vernunftdenkens zu erbauen. Seine Faszination für den heutigen Betrachter besteht darin, dass er von einem Geist geleitet war, der nicht von gängigen Ansichten umnebelt war.


Mehr über Blake: The William Blake Archive


Zu Teil 2: Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal


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Baudelaire