Über die Weisheit der Mythen und die Torheit
der Vernunft

von Nikolaus Werle

 Unbegreiflichkeit

Wir lassen uns immer noch von der Vorstellung leiten, wir als geistbegabte Menschen stünden außerhalb einer rein materiellen Natur, die für uns nur Werkzeug ist. So verkennen wir, dass wir ein „Teil“ eines gemeinsamen, größeren komplexen Systems und in dieses eingebunden sind. Dieses größere komplexe System scheint für uns „unbegreiflich“ zu sein.

Unser Zeitalter leidet an einem seltsamen Zwang. Man sucht die Kräfte, welche die Welt zusammenhalten, und ist gleichzeitig völlig unfähig, Geistiges anders als eine materielle Gegebenheit unserer Welt zu denken. Immanuel Kants Erkenntnis, dass wir die Welt nicht so begreifen, wie sie ist, sondern wie sie uns durch unsere Sinne vermittelt wird, ist noch längst nicht ins allgemeine Bewusstsein der Menschheit gelangt.

 Absurdität

Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beruht auf einem einfachen Befund, nämlich der Erfahrung der Absurdität des menschlichen Daseins, das geprägt ist von der Konfrontation zweier Einsichten. Einerseits verlangt unsere Vernunft nach einer Welt, die sich restlos der Rationalität beugt. Andererseits müssen wir damit leben, dass sich die Welt diesem Verlangen verweigert.

Das Absurde stellt also eine zwiespältige Relation zwischen dem Sinn- und Einheitsverlangen der Vernunft und dem (diese Einheit verwehrenden) Schweigen der Welt dar. Es offenbart sich als Zwiespalt zwischen Vernunft und Wirklichkeit.

 Konstruktionen

Es wird manchmal von Wirklichkeitsverlust als einem Merkmal unserer Zeit gesprochen. Was ist damit gemeint? Hintergrund sind vor allem die sich ausbreitenden Medien sowie die Herausbildung eines eigenständigen Musters der virtuellen Realität. Jenseits der Frage, ob es sich dabei um ein Verschwinden leibhaft erfahrener Wirklichkeit handelt, ermöglicht diese Entwicklung Wirklichkeiten, die eine Vielfalt von geschlossenen Sinnbereichen ermöglichen, denen der Mensch einen Wirklichkeitsakzent verleihen kann. Jemand erfindet sich in einem Chatroom eine imaginäre Identität, und tritt mit anderen Teilnehmern in Kontakt. Mit dem Verlust der einen Wirklichkeit geht eine neue gesellschaftliche Konstruktion einher.

 Vereinfachungsverweigerung

Jemand entzündet ein Holzfeuer. „Warum brennt das Feuer?“ Antwort: „Es brennt, weil sich der im Holz befindliche Kohlenstoff mit Sauerstoff zu Kohlendioxid verbindet.“ Zweite Antwort: „Das Feuer brennt, weil ich es mit dem Streichholz entzündet habe.“ Die dritte: „Weil ich Kartoffeln rösten möchte.“ Welche Antwort ist die richtige? Was für eine Frage!

Es gibt stur von sich und ihrer Meinung überzeugte Menschen, die alle anderen Standpunkte ignorieren. Dazu gehören auch diejenigen, welche die Behauptung aufstellen, dass die naturwissenschaftliche Sicht der Dinge ein Monopol auf die Deutung der Wirklichkeit besitzt.

Ist es vernünftig, Sinnfragen zu stellen? Wenn mittels der Vernunft keine Antwort gegeben werden kann, bedeutet dies nicht, dass die Frage sinnlos ist. Die Frage aller Fragen ist uralt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Der Vorsokratiker Parmenides (etwa 540 - 480) war einer der ersten, der sie so gestellt hat.

 Der Spruch des Anaximander

Anaximander (610-547) stammte aus Milet und ragte durch mathematische, astronomische und geographische Kenntnisse hervor. Er verfertigte aus Erz die erste Weltkarte, entwarf eine Himmelskarte zur Orientierung der Schiffer bei Nacht und soll auch den Gebrauch der Sonnenuhr in Griechenland eingeführt haben. Die Milesier errichteten ihm eine Statue, deren Überreste heute im Berliner Museum für Völkerkunde stehen. Leider sind von seinen schriftlichen Aufzeichnungen nur wenige Zeilen und kein einziger vollständiger Satz auf uns gekommen. Wie bei allen anderen Vorsokratikern sind wir auf die Überlieferung späterer Philosophen, vor allem von Platon und Aristoteles angewiesen. Anaximander beantwortete die Frage nach dem Sinn des Daseins in der Übersetzung Friedrich Nietzsches folgendermaßen: „Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dorthin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit, denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit.“

Nach Anaximander kann der Mensch versuchen, vor diesem Abgrund die Augen zu schließen. Man kann ein Blendwerk hinter dem anderen errichten. Doch der Abgrund weicht nicht. Die Theorien über die Natur, die Lehren über die Geschichte lösen die Wirrnis nicht. Sie verwirren alles in Dunkles, weil sie sich selbst aus dem Wirren nähren. Das Denken beginnt erst dann, wenn wir erfahren haben, dass die seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft die hartnäckigste Widersacherin des Denkens ist. Denn heute wird die Berechenbarkeit des Menschen verherrlicht. Und so wird alles Menschliche auf jenes reduziert, was die Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens garantiert.

Die seit der Aufklärung angestrebte Universalherrschaft der Vernunft ist in Frage zu stellen. Denn damit ist die Ausgesetztheit des Menschen, der von Stimmungen wie Angst oder Todesfurcht bestimmt wird, nicht zu erfassen. Diese grundlegenden Stimmungen reißen den Menschen aus seiner Geworfenheit in den Alltag heraus. Mit Geworfenheit ist hier die Eingebundenheit in Familie, Kultur, Religion und Gesellschaftsform, die mehr oder weniger zufällig ist, gemeint. Angst und Todesbewusstsein bilden exemplarische Weisen, sich aus der Normalität des Alltags zu lösen.

 Die Herrschaft der Vernunft

Seit jeher hat Aufklärung das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen. Leichtgläubigkeit jedoch, Widerwille gegen den Zweifel, Unbesonnenheit im Antworten, Prahlerei mit Bildung, Scheu zu widersprechen, Fahrlässigkeit in der eigener Forschung, Phrasendrescherei, Stehenbleiben bei bloßen Teilerkenntnissen: Dies und noch manches mehr hat die Verbindung des menschlichen Verstandes mit der Natur verhindert, und ihn statt dessen an eitle Begriffe und planlose Experimente verkuppelt.

Der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten. Das Wissen kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegenüber den Herrschenden. Technik ist das Wesen dieses Wissens. Es zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf das Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital. Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Die Entzauberung der Welt ist die Ausrottung der Seele. Xenophanes (570 – 470) verhöhnte die Götter, weil sie den Menschen, ihren Erzeugern, mit allem Zufälligen und Schlechten glichen. Heute ersetzen die Menschen den Begriff durch die Formel, Ursachen ersetzen sie durch Regeln und Wahrscheinlichkeit.

Es gilt auch alles, was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, als verdächtig. Aufklärung ist totalitär. Warum? Die vielen mythischen Gestalten lassen sich der Aufklärung zufolge alle auf den gleichen Nenner bringen, sie reduzieren sich auf das Subjekt des Menschen. Die Antwort des Ödipus auf das Rätsel der Sphinx: „Es ist der Mensch“ wird als immer wiederkehrende Auskunft der Aufklärung unterschiedslos wiederholt, gleichgültig ob dieser ein Stück objektiven Sinnes, die Umrisse einer Ordnung, die Angst vor bösen Mächten oder die Hoffnung auf Erlösung vor Augen steht. Als Sein und Geschehen wird von der Aufklärung vorweg nur anerkannt, was sich erfassen lässt, ihr Ideal ist das System, aus dem alles und jedes folgt.

Am Schluss unserer Überlegungen kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt dieses Kurses zurück, nämlich auf die Geheime Offenbarung des Johannes. In grandiosen Bildern wird hier von der Herrschaft des Tieres gesprochen, die alle kopf- und herzlos akzeptieren, ja sogar inbrünstig auf sich nehmen.

In diesem biblischen Text wird zur Standhaftigkeit aufgerufen, Wachsamkeit gefordert und einige Indizien angegeben, welche die beunruhigenden Zeichen der Zeit deuten sollen. Zu diesen Zeichen gehören die von den meisten Menschen nachgebeteten Phrasen, die als Weisheiten angesehen werden, die von der großen Mehrheit akzeptierten bis angebeteten Prominenten, ja überhaupt jede Form von niederträchtiger Unterhaltung und jene rasende Begeisterung, in die so viele Menschen verfallen, wenn sie die eigene Mittelmäßigkeit bei einem hohen Tier wiedererkennen.

So wird dieser Text der letzten um die erste Jahrhundertwende nach Christus im griechischen Raum entstandenen Apokalypse zu einem verschlüsselten Aufruf, sich weder den vermeintlichen Gesetzen der herrschenden Vernunft zu beugen, noch jenen glatten Emotionen zu trauen, die eine fehlgeleitete Massengesellschaft als einzige Option wahrnimmt.



Tafel 14 aus Albrecht Dürers sechzehn Holzschnitten zur Geheimen Offenbarung



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