Harvey Dent: „Am dunkelsten ist die Nacht
vor der Dämmerung. Ich verspreche Ihnen,
die Dämmerung bricht an.“

THE DARK KNIGHT

Warum gerade dieser Film?

Der Joker, die eigentliche Hauptperson dieses Films, ist mit seinen Worten und Taten ein Verführer zum Bösen, nicht nur weil er offensichtlich wesentlich mehr Spaß an der Sache hat als der immer ernste Batman. Er ist auch unabhängiger und souveräner als Batman, weil er keine Grenzen, keine Regeln, keine Allianzen kennt. Druck von außen bedeutet ihm nichts. Du hast so viel Kraft, lästert er einmal gegenüber Batman, und doch keine Möglichkeit, mich zu irgendetwas zu zwingen. Der Joker aber zwingt: Er stürzt, das ist sein Spiel, alle anderen fortwährend in moralische Dilemmata, aus denen es keinen „richtigen“ Ausweg gibt, immer nur falsche.

Der Film behandelt die alten Fragen nach Gut und Böse und beantwortet sie so: Es gibt keine Unschuld. Wir können nur schuldig werden.

Inhalt

Das Drehbuch kreist um die Frage, wie viel Freiheit beim Kampf gegen das Böse auf der Strecke bleibt. „Du bist kurz davor, die eine Regel zu verletzen“, sagt der Joker einmal zu Batman (Christian Bale), als dieser aus ihm herausprügelt, wo seine frühere Freundin Rachel (Maggie Gyllenhaal übernimmt die Rolle von Katie Holmes) und der ebenfalls entführte Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) versteckt gehalten werden. Eine Grenze, die in Batman Begins noch eingehalten wurde, ist hier überschritten - und wird ganz am Ende in einem etwas melodramatischen Moment erneut gezogen, in dem der Glaube an das Gute im Menschen wieder hergestellt werden soll.

The Dark Knight ist zunächst nicht hoffnungslos. Auch wenn der Joker, dargestellt von Heath Ledger, das gern von Anfang an hätte. Denn sein Streben zielt auf kein eigennütziges Ergebnis (in einer Szene verbrennt er eine absurd riesige Menge Geldscheine, die wie zu einem Scheiterhaufen aufgetürmt ist). Er will auch nicht nur Chaos anrichten. Er will vielmehr beweisen, dass der Mensch schlecht ist. Kern seiner terroristischen Anschläge sind moralische Dilemmata, in die er die Helden bringt.

Im Zentrum steht nämlich die finstere und komplexe Höllenfahrt zu den Fundamenten von Ordnung und Macht, Terror und Chaos und zu den Grenzen der eigenen Moral und Verantwortung. Ein Ausflug, der den Superheldenrahmen zu sprengen droht. Allen voran steht da natürlich der Joker. Das Drehbuch bringt mit dieser Figur nämlich nicht nur Batmans Erzgegner auf die Leinwand, sondern einen der erschreckendsten Schurken der Filmgeschichte. Was auch daran liegt, dass ihm das Comichafte ausgetrieben und er ins Entsetzliche umgedeutet wird. Die Clownsvisage ist geschminkt, die Lippen zerschnitten. Er hat nichts Surreales mehr, sondern ist der schiere, brutale und diesseitige Wahnsinn. Alles Verspielte, Burleske wird bei ihm zur zynischen brutalen Grausamkeit. Ob er einen Bleistift grausig „verschwinden“ lässt oder es Gangstern überlässt, sich gegenseitig mit einem zerbrochenen Billardstock zu massakrieren. Dieser Joker macht mit seinen Späßchen und seiner irren Exaltiertheit Angst. Er ist eine urtümliche Kraft. Wie er zu seinen zerschnittenen Mundwinkeln und entsprechend dem gruseligen, schmatzenden Dauergrinsen gekommen ist, davon liefert er selbst zwei Versionen. Eine Erklärung ist das keine. Wohl aber verweist dies darauf, dass es neben der „äußeren“ Kriminalität, gegen die Batman vorgeht und die er bekämpfen kann, immer auch eine verborgene gibt, die sich direkt zwischen den Menschen, im Herzen der Gesellschaft, abspielt. Hier gibt es Bösartigkeit, Enttäuschungen und Verbrechen, gegen die Batman mit all seiner Kraft und all seiner Technik nicht angehen kann.

Der Joker kommt ins Spiel, als das organisierte Verbrechen von Gotham City kollektiv vom charismatischen Staatsanwalt Harvey Dent vor den Richter gebracht wird. Doch nicht nur die gebeutelte Bevölkerung der Gewaltmetropole setzt große Hoffnungen in den „weißen Ritter“ Dent. Auch Milliardär Bruce Wayne glaubt, nun endlich seine Batmanmaske an den Nagel hängen zu können und mit seiner Angebeteten Rachel glücklich zu werden.

Doch keiner hat mit der Perfidie des Jokers gerechnet. Diese chaotische Naturgewalt verbreitet durch gezielte Anschläge Angst und Schrecken in Gotham City, setzt die öffentliche Ordnung außer Kraft, treibt makabre Moral-Spielchen mit den Menschen. In einer der Schlüsselszenen des Films legt er zwei Fähren lahm und drückt den Passagieren - normalen Bürgern auf dem einen, Häftlingen auf dem anderen Schiff - einen Fernzünder in die Hand. Wer die andere Fähre als Erstes in die Luft jagt, bleibt am Leben. Wer reagiert zuerst? Welches Leben ist mehr wert? Und vor allem: Wie würde man selbst in dieser Situation entscheiden?

Gerade aber an diesem nihilistischen Überkiller, dem personifizierten Chaos, droht Batman zu scheitern. Jeden Tag, wenn der maskierte Verbrecherschreck seine wahre Identität nicht enthüllt, soll ein Mensch getötet werden. Einem Krankenhaus droht die Sprengung, auch hier steht eine Erpressung dahinter. Zwei Fähren voller Menschen und Bomben werden zu „Versuchskaninchen“ in einem sadistischen, sozialen Experiment.

Dass jedoch die Menschen schließlich im Grunde gut sind - und damit der Rettung und des Kampfes wert - und dass sich Batman als Gegenentwurf zum Joker doch nicht auf dessen Niveau herabziehen lässt, das kann der Film nur mehr behaupten. Es zu glauben, fällt schwer.

Ästhetik

Nachdem Regisseur Christopher Nolan mit Batman Begins dem Fledermaus-Superhelden angemessenen Ernst und Tiefe verliehen hat, macht er mit The Dark Knight endgültig Schluss mit dessen farbenfroher Comic-Welt. Die dunkle Metropole des vorherigen Films ist nun eine realistische, helle Großstadt geworden – doch gerade als solche wirkt sie als eine eiskalte Kulisse, in der ein pessimistisches Action-Drama ohne jede Romantik erzeugt wird. The Dark Knight erreicht eine solche Qualität, dass man auf Maskerade und Technik-Firlefanz fast hätte verzichten können.

The Dark Knight gerät tief in die Abgründe der Gewalt und erinnert an unbarmherzigste Gangsterfilme. Da macht es auch nichts, dass der Film kaum etwas zeigt, die Schnitttechnik vermeidet grausame Einzelheiten, die werden der Phantasie des Zuschauers überlassen.

Christopher Nolan hat mit Batman Begins eine Neubestimmung der 1989 von Tim Burton begonnenen Serie eingeleitet, und setzt sie mit The Dark Knight konsequent fort. Gleich zu Beginn fängt die Kamera demonstrativ die Wunden, Schrammen und blauen Flecken ein, die Bruce Wayne sich bei der ersten Prügelei zugezogen hat. Wie schon im Vorgängerfilm sieht Gotham City auch hier aus wie eine ganz normale Großstadt (in diesem Fall Chicago).

Diesem vermeintlichen Realismus entgegengesetzt sind die außergewöhnlich schnell und unübersichtlich choreographierten Action-Sequenzen. In jedem Kampf, in jeder Verfolgungsjagd – und davon gibt es einige – gibt es gekonnt gemachte Filmschnitte. Faustschläge kommen aus dem Dunkeln und enden auch dort, Bewegungen werden zerhackt in kaum zu zählende Einzelteile, gefilmt aus absurd vielen Perspektiven. Dies kann man als eine Verbeugung vor dem ursprünglichen Genre des Comic betrachten. Umso eindeutiger wird hingegen der Diskurs über Terror und die richtigen Mittel zu seiner Abwehr geführt, der mehrfach auf die aktuelle politische Lage verweist.

Ob es um die Frage der Folter, um die Überwachung der Telekommunikation oder um die visuelle Nachahmung schockierender Geiselvideos geht, der Regisseur überzieht seinen Film mit einem Zeichensystem, das es späteren Generationen leicht machen dürfte, The Dark Knight als Spiegelbild unserer Gegenwart zu interpretieren.

Die Figur des Joker überstrahlt den gesamten Film. Sein krankhaftes Schmatzen, das Zucken mit dem Kopf, die gelben Zähne, die hervorschnellende Zunge und das Lecken der Lippen – die gesamte brillante Unruhe, die sein Spiel in den Film bringt, erzeugen eine dominierende Wirkung. Vielleicht ist dadurch der Film in all seiner kalkulierten Verführungskraft selbst eine moralische Falle.

Batman und Bruce Wayne bleiben etwas blass und randständig. Die zweite wahre Hauptfigur des Films ist vielmehr der tragische, strahlende und doch getriebene Staatsanwalt Harvey Dent, der den Film noch weiter in jene freudlose Tiefe stürzt, aus der er nicht mehr herausfindet. Als gute, helle Version Batmans verkörpert Dent die Hoffnung der Stadt. Dazu ist er Konkurrent um Bruce Waynes große Liebe Rachel. Alles geht durch den übermächtigen zerstörerischen Joker zu Bruch. Dent wird zu Two-Face, einem weiteren Regelschurken der Batman-Bildergeschichten, findet aber hier ein bisschen wenig Raum, um sich voll zu entfalten.

Ergebnis

Dem Joker bedeutet Geld nichts. Er fackelt den riesigen Bargeldbestand des organisierten Verbrechens in einer Lagerhalle ab. Dem Polizisten erklärt er, mit seinen Zerstörungsfeldzügen wolle er vor allem demonstrieren, wie lächerlich es sei, Pläne zu machen, und zu hoffen, dass sie aufgehen.

Der Mann mit dem nachlässig geschminkten Clownsgesicht kommt gemessenen Schritts aus dem Gebäude gelaufen, einem Krankenhaus. Er holt eine handtellergroße Fernbedienung aus der Tasche und drückt auf einen Knopf. Es knallt, Rauch kommt aus den Fenstern, aber das kann doch nicht alles gewesen sein? Der Joker bleibt stehen, setzt einen Gesichtsausdruck auf, den man vielleicht als ironisch besorgt bezeichnen könnte, macht sich noch ein wenig an den Knöpfen zu schaffen, schüttelt den Kopf, schmatzt. Als, am Ende dieser Szene, endlich der große Knall kommt, nimmt er ihn schulterzuckend entgegen.

Der Joker ist kein Symbol des Bösen, sondern das Böse selbst, das jede moralische Gewissheit zu zersetzen sucht, das jede Ordnung unterwandert, Loyalitäten zerhackt, Bündnisse zerreißt, das den eigenen Schmerz so wenig scheut wie größtmögliche Verluste, nicht nur auf der Gegenseite. Das nicht unterscheidet zwischen Gegnern und Unbeteiligten, weil es um allumfassende Zerstörung geht. Nicht um irgendeines Gewinnes willen. Ohne ein weitergehendes Motiv, als einfach nur zu zeigen, dass das Chaos stärker ist als jedes Gesetz und natürlich stärker als alle, die es hüten oder in die eigene Hand nehmen. Und dass das Böse dem Guten in jeder Hinsicht überlegen ist, weil das Gute unter seinen Einfluss gerät und seine eigenen Prinzipien nicht wahren kann.

Der Joker versucht auch Batman zu korrumpieren, indem er ihn mit seinen Prinzipien brechen und zu fragwürdigen Methoden beim Kampf gegen das Verbrechen greifen lässt: Folter, Überwachung, Manipulation der Medien. Ein Held, der „aufpassen muss, dass er im Kampf gegen das Monster nicht selbst zum Monster mutiert“, beschreibt Christian Bale die innere Zerrissenheit seiner Figur. Dem Joker gelingt es letztlich, den Staatsanwalt Dent in den Abgrund zu ziehen. Ihm raubt er die Liebe, die Sinne, die Integrität. Der Strahlemann wandelt sich - Comic-Fans wissen das bereits - nach einem traumatischen Ereignis vom Erlöser zum entstellten Kriminellen Two-Face. Es klingt wie eine Prophezeiung, wenn Dent sagt: „Entweder stirbt man als Held oder lebt lange genug, bis man selbst zum Schurken wird."


Am dunkelsten ist die Nacht
vor der Dämmerung.
Das mag sein. Aber sicher ist,
nach jedem Tag kommt wieder die Nacht.

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Trailer