Die Leere der Gegenwart gebiert
die Hoffnungslosigkeit und das Böse

von Nikolaus Werle

„Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.“ So beschreibt Mephisto in Goethes „Faust“ das allmähliche Verschwinden des Teufels aus der Welt nach der Aufklärung. Mit so viel doppelzüngiger Gemeinheit kann nur ein Teufel sprechen. Die Theologie schenkt dem Bösen in letzter Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit, als Mephisto, der satanischen Literaturgestalt, lieb sein kann. Denn in der Welt ist immer noch der Teufel los.

Das mythologische Bild vom koboldhaften Ungeheuer mit schwarzem Pelz und Dreizack in der Hand, das die Menschen des Mittelalters in Schrecken versetzte, wirkt angesichts des Bösen in der Welt heute wie ein harmloses Bildchen, das Kinder vielleicht in der Schule tauschen, oder wie eine Figur aus einem Fantasy-Abenteuer. Denn schon Kinder haben einen Sinn für das Böse in der Welt.

Das Böse steuert Passagierflugzeuge in Hochhaustürme und sperrt kleine Mädchen jahrelang im Keller ein. Es foltert politische Gegner und erschießt kritische Journalisten. Es wächst im Körper eines Familienvaters und verschlingt als Riesenwelle in Minuten hundert Dörfer und deren Bewohner.

Das Böse ist ein kleines, dehnbares Wort, in das alles passen muss, was die Welt grauenvoll und hoffnungslos macht. Dabei kann das Böse durchaus auf die große Gebärde der Grausamkeit verzichten. Denn es ist nicht nur das, was Menschen heimsucht wie eine Katastrophe oder ein Schicksalsschlag. Es sind auch nicht immer die anderen, die für das Übel in der Welt verantwortlich sind. Die Religionen haben immer wieder daran erinnert, dass der Abgrund der Zerstörung auch in uns selbst lauert. Wer hätte nicht schon erschrocken festgestellt, wie schnell Wut oder Enttäuschung in uns Gewalt entfesseln können, wen hätte noch keine Schadenfreude beschlichen, wen noch nicht der heimliche Neid zu üblen Gedanken bewogen. Das ist natürlich harmlos gegenüber dem Bösen, das Terroristen, Kinderschänder und Folterknechte über die Welt bringen.

Das Böse entsteht häufig nicht aus dem Beschluss zur bösen Tat. Meistens entsteht es aus Gleichgültigkeit und aus der Weigerung, sich selbst ein Urteil zu bilden über das, was passiert. Dieses Böse agiert offen und bindet sich sogar an vermeintlich gute Ideen. Diese Bewegung des Bösen könnte man als „Konspiration am helllichten Tag“ bezeichnen. Das Böse kann als der Hinterhalt der Freiheit gesehen werden, der gerade da lauert, wo die Entscheidung gefragt ist. Deshalb kann das Verschwinden des Bösen als personifizierter Gestalt den Blick auf das Böse in seiner unheimlichen Dimension öffnen. Schon die Bibel findet verschiedene Bilder für das, was sich im Bösen ausdrückt. Das Gerücht, die Moderne habe den Teufel aus dem Christentum getrieben, um das Christentum auf diese Weise freundlicher und harmloser zu machen, ist deshalb falsch. Denn schon die biblischen Überlieferungen haben für das Böse nicht nur eine einzige Gestalt.

Viele aufgeklärte Menschen neigen dazu, im Bösen eine Art heimlicher Gegenmacht zur Welt des Guten zu vermuten, für die sie die zerstörerischen Elemente der Welt verantwortlich machen. Popkultur und Hollywoodkino machen den Kampf von Gut und Böse zum Dauerbrenner. Die öffentliche Einbildungskraft scheint über das Mittelalter nicht weit hinausgekommen zu sein. Gestalten in schwarzer Lederkluft verrichten ihr Zerstörungswerk so lange, bis ein unscheinbarer Held Riesenkräfte entfaltet und den Schurken die Stirn bietet. Noch dazu besitzen meist diese Protagonisten des Bösen überirdische Kräfte.

Der manichäische Dualismus (Mani, 216 - 276, war ein persischer Religionsstifter), der die Welt als Kampfplatz versteht, in der das Gute und das Böse verbissen miteinander kämpfen, ohne dass eine Entscheidung in Sicht wäre, ist in unserer Alltagskultur fest verankert. Theologisch ist das Bild vom Boxkampf zwischen Gott und Teufel nicht. Die Theologie gelangt im Nachdenken über das Böse schnell an ihre Grenzen. In der Spätantike stellte Augustinus (Theologe und Philosoph, 354 - 430) die kluge Überlegung an, dass das Böse deshalb so schwer zu fassen sei, weil es gar kein Sein, ja nicht einmal eine fassbare Wirklichkeit habe. Es existiert nicht in dem Sinne, wie wir selbst und die Gegenstände der Welt sind. Erst recht ist es nicht wie Gott als der Inbegriff dessen, was lebt und Leben schafft. Es ist vielmehr das Gegenteil von Sein, die Verneinung, das Lebensfeindliche, das Chaos, das Zerstörerische, das alles, was sein will, permanent infrage stellt.

Deshalb malt Augustinus das Böse auch schwarz an. Schwarz ist die Abwesenheit von Licht. Die Dämmerung, mit der das Schwarz beginnt, bedroht das Leben mit dem Verdacht der Sinnlosigkeit. Hier trifft die Pointe des Augustinus den bösen Zeitgeist der Gegenwart. Nihilismus als Haltung, die Hoffnungslosigkeit zum Prinzip macht, dem man nicht entwischt, entlarvt Augustinus in biblischer Tradition als gemeinste Form des Bösen. „Da ist gar kein Gott“, flüstert die Stimme.

Wir sind uns selbst ausgeliefert und den Mächten der Zerstörung, die wir freigelassen haben wie böse Geister aus der Flasche. Wo das, was vor Augen ist, alles ist, wir uns mit dem zufrieden zu geben haben, was ist, weil wir nichts ändern können, hat das Böse gesiegt.

Aber so paradox es klingen mag, das Böse siegt auch dort, wo die Gegenwart von der Zukunft völlig entwertet wird. Jede Vergangenheit, auch noch die erbärmlichste, war selbst einmal Zukunft. Die Vergangenheit ist voll von nicht eingetretenen Zukünften. Das meiste von dem, was Menschen von der Zukunft erhofft oder befürchtet haben, hat sich nicht erfüllt. Zukunft ist die Vorwegnahme eines Zustandes, in dem wir nicht mehr sein werden.

Galt früher die Sehnsucht der Menschen ihrem Seelenheil, so gilt die Sehnsucht des säkularisierten Menschen heute oft einer Zukunft, die ihn eigentlich nicht mehr berühren wird, da er schon tot sein wird. Entscheidend ist nie, was sich in Zukunft ereignen wird oder was die Zukunft bringen wird, sondern allein, was sich in der Vorstellung der Menschen als Zukunft festgesetzt hat. Augustinus setzt die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft mit den Begriffen Erinnerung, Anschauung, Erwartung gleich. Er fasste die Geschichte als einen Kampf zweier Reiche auf: Weltlichkeit, Macht, Sinnlichkeit, Sexualität gegen Göttlichkeit, Transzendenz, Immaterialismus, Geist, Askese. Damit postulierte er eine Rivalität zweier Prinzipien.

Die Zukunft kommt, ungebremst und ungehindert verändert sich die Welt. Erwartete man in früheren Zeiten noch das apokalyptische Ende der Welt, das Jüngste Gericht und die Wiederkehr des Erlösers, so ist von diesen Visionen nichts mehr geblieben. Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, nur die Endlichkeit unserer Welt ist eine Konstante, an der man sich orientieren kann, und mit der wir gezwungen sind zu leben. Die Apokalypse von heute nennt sich Klimawandel, Globalisierung, Ressourcenknappheit, Überalterung, sinkende Geburtenraten und immer wieder finden sich Propheten, die Lösungen versprechen oder zumindest einen mit dem Höhepunkt der Katastrophe verbundenen Neuanfang erkennen wollen.

Was morgen sein könnte, fasziniert und verängstigt seit jeher die Menschen. Doch dieses „Zukunftsbewusstsein“ zum Inhalt des eigenen Lebens zu erheben, ist eine sehr triste Lebenseinstellung. Das, was noch nicht ist, vielleicht nie sein wird, ist eine schlechte Perspektive. Will man in der Gegenwart nicht leben, flüchtet man sich in die Zukunft, welche als Projektionsfläche für die eigenen Ängste und Sehnsüchte dient. Wo nichts war, soll wieder nichts sein. Dass wir dies wissen, das ist Zukunft. Vorbereitet für die Zukunft ist, wer sich diesem Wissen stellen kann. Denn dieses Wissen erlaubt uns, uns um das einzige angemessen zu kümmern, was uns wirklich zur Verfügung steht, nämlich unser Leben im Hier und Jetzt. Entwerten wir diese Gegenwart, bereiten wir den Boden für jene Kräfte, die durch unsere Hoffnungslosigkeit das Böse in uns entfalten.

Perspektiven der Zukunft, welche aus einer erfüllten Gegenwart entstehen, sind das Um und Auf unseres Lebens. Würden wir keine Pläne für die Zukunft machen, hätte die Gegenwart keinen Sinn. Das Böse beginnt seinen Triumphzug erst dann, wenn wir der Zukunft das Fundament entziehen, indem wir träge unsere Gegenwart vergeuden und dadurch keinen Grundstein für die Zukunft legen.



VOR DER STATUE DES GEFALLENEN ENGELS. Eine Geschichte

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