Affe vor Skelett

Gabriel von Max (1840-1915): Affe vor Skelett

USQUE AD FINEM

von Nikolaus Werle

Die Welt ist auf der Suche nach Erkenntnissen
und manche Menschen irren ihr voraus...

Dieser Kurs verstand sich im großen Gelehrsamkeitsangebot unserer Schule als unbedeutende Apotheke der Trübsal und des Pessimismus. Das griechische Wort αποθηκη bezeichnete zunächst einen Aufbewahrungsort, einen Speicher oder auch Zuflucht.

Was sollte das nun für einen Sinn ergeben und welche Zeitverschwendung wurde da wieder betrieben, wenn solch unnötigen Regungen wie Trübsal und Pessimismus eine Bühne gegeben wird, auf der sie ihre unergiebigen Reize entfalten?

Heute sind Apotheken bekanntlich Geschäfte, in denen man Arzneimittel kaufen kann, um gesund, jung oder betäubt zu werden, weil die menschliche Wirklichkeit voller Schmerzen ist. In dieser Apotheke hier sollten weder Heil- noch Betäubungsmittel angeboten werden, sondern sie versuchte jenen Speicher zu öffnen, der Erkenntnisse aufbewahrt, welche die Menschheit durch die Jahrtausende gemacht hat und die durch den heute herrschenden Zeitgeist an den Rand oder darüber hinaus gedrängt werden.

Erwin Chargaff (1905 - 2002, österreichisch-amerikanischer Biochemiker und Essayist) schrieb in seinem Buch Das Feuer des Heraklit: „Zukunft, wie hast du mich enttäuscht! Einstmals erschienst du mir jung und schön. Jetzt aber, da ich dir näher komme, sehe ich nur ein runzliges, böses Gesicht.“

Es ist so, dass die eine Wirklichkeit von den Jungen und den Alten anders betrachtet und anders beurteilt wird. So gut es ist, dass die meisten jungen Menschen mit Optimismus in dieser Welt ihr Leben einrichten, so nahe liegend ist es, dass viele alte mit Wehmut zurückblicken und den Tod als unenträtselbare allmächtige Zukunft erkennen. Wäre es nur das, könnte man sich mit dieser nüchternen Realitätsdiagnose begnügen. Aber es kommt noch ein wichtiger Umstand hinzu: Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in unserem Leben Schuld auf uns laden, versagen, nicht das tun, was wir hätten tun können, nicht jene Liebe im Übermaß verschenkten, die wir hätten geben können? Die Irritation, die entsteht, weil man versagt hat, und die auf das hinausläuft, was die Menschen als das Böse bezeichnen, lässt sich nicht hinwegargumentieren und durch Faszination angesichts der Fülle des Lebens aufheben. Das Böse ist, so gesehen, ein Wesenszug des Seins, das den Menschen auf den Weg bringt und zu Verirrungen führen muss.

Mit der Anschaulichkeit der Vernunft und der vieldeutigen Allgemeingültigkeit des Mythos sollte in diesem Modul die menschliche Situation in der heutigen Welt dargestellt werden. Hiebei wurde der Mythos nicht achtlos, weil überholt, zur Seite geschoben. Dies ist damit begründet, dass er der inneren Essenz, der Seele des Individuums, am ehesten entspricht.

Von Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951, österreichisch-englischer Philosoph) stammt die Bemerkung, dass unser Sprachgebrauch keine Behauptungen enthalten dürfe, über die sich noch streiten lasse. Der Schlusssatz seines berühmten Tractatus logico-philosophicus aus dem Jahre 1921 lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Aber solch eine Rückkehr in den Stand sprachlicher Unschuld ist ausgeschlossen. Sie würde sich vermutlich am genauesten darin zeigen, dass etwa Metaphern nicht mehr vorkämen - was wir uns kaum vorstellen können.

So ergeben sich aus diesem Kurs folgende Thesen:

  1. Das Böse ist keine Person, es ist ein Mysterium.
  2. Nicht Dämonen oder Teufel sind für das Böse verantwortlich, sondern der Mensch selbst.
  3. Das absolute Böse ist jene Kraft, die ohne erkennbaren Grund vernichtet, zerstört und Verderben bringt.
  4. Das Böse zersetzt jede moralische Gewissheit und unterwandert jede Ordnung.
  5. Böse ist, der den eigenen Schmerz ebenso wenig scheut wie größtmögliche Verluste der Anderen.
  6. Das Böse fasziniert mit der Verheißung, dass es lächerlich ist, Pläne zu machen.
  7. Das Böse entfaltet seine höchste Macht, wenn das Gute seine eigenen Prinzipien nicht mehr wahren kann. Dann ist der Niedergang unausweichlich.
  8. Der Begriff des Bösen entstand aufgrund der Beobachtung, dass Strukturen der Zerstörung die gesamte Wirklichkeit durchziehen und nicht beherrscht oder eliminiert werden können. Dies beobachtet der Mensch von den Katastrophen im Universum bis zur kleinsten Lieblosigkeit, welche die Menschen einander antun.


Was noch zu sagen bleibt, möge der Dichter tun. Im Gedicht Mnemosyne von Friedrich Hölderlin lesen wir:

... Und vieles
Wie auf den Schultern eine
Last von Scheitern ist
Zu behalten. Aber bös sind
Die Pfade. Nämlich unrecht,
Wie Rosse, gehn die gefangenen
Element' und alten
Gesetze der Erd. Und immer
Ins Ungebundne gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See...


(Das griechische Wort Μνημοσυνη bedeutet Erinnerung. Als Tochter des Uranos und der Gaia und Mutter der Musen gehört Mnemosyne zu den ältesten Göttergestalten.)



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