Über den Schmerz der Welt

von Nikolaus Werle

Den größten Schmerz, den es für den Menschen gibt, kann man unter der Trias "Gescheiterte Liebe, Gewalt und Tod" zusammenfassen. Alles andere hat darin seine Ursache. Wir werden uns diesem Thema nicht deduktiv nähern, sondern aufgrund verschiedener Ereignisse, Mythen und theologischer Reflexionen. So soll versucht werden, zum Kern des Schmerzes vorzudringen. Wenn dies gelingt, werden wir vielleicht ein bisschen klüger sein, aber auf alle Fälle etwas trauriger.

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen sind zwei Beispiele aus China. Warum China? Nicht der Mangel solcher Exzesse in den europäischen Zivilisationen ist der Grund. Die kulturelle Distanz soll vielmehr die Objektivierbarkeit erleichtern und den Blick ins Allgemeinmenschliche schärfen.

Gruß ohne Wiederkehr

Der völlig unmoderne Gruß ade, vergleichbar dem französischen adieu, geht auf das lateinische ad deum zurück, das sinngemäß Gott befohlen bedeutet. Dieser Gruß deutet die Möglichkeit der Nicht-Wiederkehr an, einen definitiven Abschied. Man ist im unerfreulichsten Fall also jeder Hoffnung beraubt. Es gibt ein Adieu ohne Wiederkehr, das mit der unerbittlichen Gewissheit verbunden ist, dass der andere niemals wiederkommen wird.

Das daraus sich ergebende Leiden an der Welt führt zum menschlichen Bedürfnis, über das Leid zu reden. Denn dies ist die Bedingung jeder sich bewusst werdenden Wahrheit. Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet, und das der Mensch als sein Subjektivstes erfährt.

Sturz in den Krater

Alle unsere Bemühungen, uns selbst zu begreifen, ein verlässliches Bild unseres menschlichen Seins zu gewinnen, weisen uns an die Sprache. Denn die Sprache ist das eigentümlichste Selbstzeugnis des Menschen. Was liegt da näher, als dem Dichter zuzuhören. Ich habe Friedrich Hölderlin (1770-1843) ausgewählt. Er studierte Theologie in Tübingen, war befreundet mit Hegel, Schelling, Schwab und Uhland. Ab 1805 wird ihm Wahnsinn attestiert. Er lebte nun im umgebauten Stadtturm in Tübingen bei der Familie Zimmer, die sich bis zu seinem Tod um ihn kümmerte. Seine Bedeutung für die deutschsprachige Dichtung sei nur mit einem Wort beschrieben: einzigartig.

Empedokles*

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt
   Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir,
      Und du in schauderndem Verlangen
         Wirfst dich hinab, in des Aetna Flammen.

So schmelzt' im Weine Perlen der Übermut
   Der Königin* ; und mochte sie doch! hättst du
      Nur deinen Reichtum nicht, o Dichter,
         Hin in den gärenden Kelch geopfert!

Doch heilig bist du mir, wie der Erde Macht,
   Die dich hinwegnahm, kühner Getöteter!
      Und folgen möcht ich in die Tiefe,
         Hielte die Liebe mich nicht, dem Helden.





Die Götter

Du stiller Aether* ! immer bewahrst du schön
   Die Seele mir im Schmerz, und es adelt sich
      Zur Tapferkeit vor deinen Strahlen,
         Helios! oft die empörte Brust mir.

Ihr guten Götter! arm ist, wer euch nicht kennt,
   Im rohen Busen ruhet der Zwist ihm nie,
      Und Nacht ist ihm die Welt und keine
         Freude gedeihet und kein Gesang ihm.

Nur ihr, mit eurer ewigen Jugend, nährt
   In Herzen, die euch lieben, den Kindersinn,
      Und laßt in Sorgen und in Irren
         Nimmer den Genius sich vertrauern.

Hölderlin macht in diesen beiden Gedichten zwei wichtige Aussagen über den Schmerz.

Einerseits muss Empedokles das Schaudern seines Verlangens überwinden, um sich in den Ätna zu werfen. Doch der Dichter bekennt bloß seine Bewunderung, denn die Liebe lässt es nicht zu, dem zu folgen, den das göttliche Feuer so unwiderstehlich anzieht. Dabei bleibt offen, ob der Dichter dies bedauert.

Andererseits bewirkt die Ahnung von den Göttern das Herumirren in der Welt, die Nacht bleibt, der Dichter empfindet keine Freude und entbehrt den Gesang, doch nennt er nicht sich selbst, sondern jene arm, welche die Götter nicht kennen.

Der sich seiner Unvollkommenheit bewusst werdende Mensch steht nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Welt fassungslos gegenüber. Nichts hält ihn zusammen, im wahrsten Sinn des Wortes. Und diese unfassbaren Ränder lassen ihn torkeln, in den Ätna, in die Welt. Halt geben ihm nur die Liebe und die Götter.

Sankt Laurentius


Tizian, 1488-1576: Martyrium des heiligen Laurentius, Jesuitenkirche in Venedig
(größer)

Bevor Papst Sixtus II. (257-258) unter dem römischen Kaiser Valerian festgenommen und enthauptet wurde, erteilte er seinem Diakon Laurentius den Auftrag, den Kirchenschatz den Leidenden und Armen auszuteilen. Denn Kaiser Valerian erhob Anspruch auf diese Schätze. Um Laurentius zur Herausgabe zu zwingen, wurde dieser mehrfach gegeißelt, erbat sich jedoch drei Tage Bedenkzeit, verteilte während dieser Frist die Kirchengüter und präsentierte dann die beschenkten Armen dem Kaiser als die wahren Schätze der Kirche.

Der erboste Valerian ließ Laurentius mit Bleiklötzen schlagen, zwischen glühende Platten legen, und befahl schließlich, den Unerschütterlichen auf einem Rost langsam zu Tode zu martern. Selbst in diesen Qualen bewahrte sich Laurentius seinen Humor und neckte den Henker, er solle ihn auf dem Feuer wenden, der Braten sei auf der einen Seite schon gar.

In den Epistolae morales ad Lucilium schreibt Seneca, dass ein Ungeprüfter seelenruhig vor sich hin lebe, ist nicht weiter verwunderlich. Aber erstaunlich ist es, wenn jemand dort sich aufrichtet, wo alle sich niederhalten lassen, dort stehen bleibt, wo alle am Boden liegen: ibi stare ubi omnes iacent. Das einzige Übel, das unter der Folter droht, ist, dass sie das Organ des aufrechten Stands, den Geist, beugen könnte. Der vollkommene Weise aber ist die Unbeugsamkeit in Person: Aufrecht steht er da unter jeder beliebigen Last. Nichts macht ihn kleiner, nichts von dem, was man tragen muss, missfällt ihm... er weiß, dass er lebt, um eine Bürde zu tragen.

Auf dem Bild Tizians fehlt jede Anwesenheit einer himmlischen Macht, die dem grausam Gemarterten Trost und Hoffnung spendet. Aber einen Hinweis auf Hoffnung gibt es doch, denn der dunkle, düstere Himmel ist geöffnet und ein Lichtstrahl ist zu erkennen, der den Gequälten die Hand heben lässt und ihn auch nicht mehr als Todgeweihten erscheinen lässt, sondern als einzigen in der gesamten Szenerie, der von einer anderen Wirklichkeit ergriffen ist.

Tizian hat hier durch die Absenz des Göttlichen auch die alte theologische Erkenntnis angedeutet, dass das wirkliche Sehen Gottes der menschlichen Sehnsucht keine endgültige Sättigung bietet: Das Verlangen nach Gott wird immer größer, weil es nicht gestillt werden kann. Das mache die ewige Seligkeit aus.

Verteidigung des Schmerzes

Der Schmerz als körperliches Symptom weist uns auf eine ernst zu nehmende Ursache hin, z. B. das Zahnweh auf eine Eiterung der Zahnwurzel. Es könnte tödlich sein, diese Schmerzen bloß durch schmerzlindernde Mittel zu bekämpfen.

In unserem Zeitalter der Beliebigkeit, in dem jedes Müssen zu einem Können degeneriert, das von Experten gelehrt wird, wird der Terror der Natur, dem wir Sterbliche unterworfen sind, nicht mehr ernst genommen. Die Umwandlung des Müssens ins Können verbindet sich in den meisten Fällen noch dazu mit Entspiritualisierung. Die Götter Hölderlins spenden keinen Trost mehr, wenn die Seele lediglich eine Verdoppelung des materiell Seienden ist, wenn das Subjekt letztlich nur ein Gewitter aus Wiederholungen unter einem Schädeldach darstellt, die menschliche Person nicht Ausdruck einer Seele, sondern lediglich die tätige Überwindung einer Zerfallswahrscheinlichkeit ist, ein funktionierendes System, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist. Man will alt werden, weiß aber nicht mehr, warum. Wird es einmal gelungen sein, dem Menschen jeden Schmerz zu ersparen, den körperlichen, den seelischen, den gesellschaftlichen und den aus der Sehnsucht entstandenen, dann ist es endlich geschafft, den Menschen aus dem Menschsein herauszuperfektionieren. Dann hätte der Mensch sein Menschsein überwunden und zerstört.




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