Über den Sündenbock
oder den Ritus vom verlorenen Paradies

von N.Werle


William Holman Hunt (1827 - 1910): Der Sündenbock

Aus dem Buch Leviticus, Kapitel 16, 1-34

Und der Herr redete mit Mose, nachdem die zwei Söhne Aarons gestorben waren, als sie vor dem Herrn opferten, und sprach: Sag deinem Bruder Aaron, er soll nicht zu jeder beliebigen Zeit das Heiligtum hinter dem Vorhang vor der Deckplatte der Lade betreten. Dann wird er nicht sterben, wenn ich über der Deckplatte in einer Wolke erscheine. Aaron darf nur so in das Heiligtum kommen: mit einem Jungstier für ein Sündopfer und einem Widder für ein Brandopfer. Ein geweihtes Leinengewand soll er anhaben, leinene Beinkleider tragen, sich mit einem Leinengürtel gürten und um den Kopf einen Leinenturban binden. Das sind heilige Gewänder; deshalb soll er seinen ganzen Körper in Wasser baden und sie erst dann anlegen. Von der Gemeinde der Israeliten soll er zwei Ziegenböcke für ein Sündopfer und einen Widder für ein Brandopfer erhalten. Hat er den Jungstier für seine eigene Sünde dargebracht und sich und sein Haus entsühnt, dann soll Aaron die beiden Ziegenböcke nehmen und sie vor dem Herrn am Eingang des Offenbarungszeltes aufstellen. Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los «für den Herrn» und ein Los «für Asasel». Aaron soll den Bock, für den das Los «für den Herrn» herauskommt, herbeiführen und ihn als Sündopfer darbringen. Der Bock, für den das Los «für Asasel» herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. Aaron soll den Jungstier für sein eigenes Sündopfer herbeibringen lassen, um sich und sein Haus zu entsühnen, und diesen Jungstier als Sündopfer für sich schlachten. Dann soll er eine Räucherpfanne voll glühender Kohlen vom Altar, der vor dem Herrn steht, und zwei Hand voll zerstoßenen duftenden Räucherwerks nehmen. Er soll alles hinter den Vorhang bringen und das Räucherwerk auf das Feuer vor dem Herrn tun; die Wolke des Räucherwerks soll die Deckplatte über der Lade einhüllen, damit er nicht sterben muss. Dann soll er vom Blut des Jungstiers nehmen und es mit seinem Finger gegen die Vorderseite der Deckplatte spritzen; auch vor die Deckplatte soll er mit seinem Finger siebenmal etwas Blut spritzen. Nachher soll er den Bock schlachten, der als Sündopfer für das Volk bestimmt ist, und sein Blut hinter den Vorhang tragen. Er soll es mit diesem Blut ebenso machen wie mit dem Blut des Jungstiers und es auf die Deckplatte und vor die Deckplatte spritzen. So soll er das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten, von all ihren Freveltaten und Sünden entsühnen und so soll er mit dem Offenbarungszelt verfahren, das bei ihnen inmitten ihrer Unreinheiten seinen Sitz hat. Kein Mensch darf im Offenbarungszelt sein, wenn er in das Heiligtum eintritt, um die Sühne zu vollziehen, bis er es wieder verlässt.

Hat er sich, sein Haus und die ganze Gemeinde Israels entsühnt, so soll er zum Altar vor dem Herrn hinausgehen und ihn entsühnen. Er soll etwas Blut des Jungstiers und des Bockes nehmen und es auf die Hörner rings um den Altar tun. Etwas von diesem Blut soll er mit seinem Finger siebenmal auf den Altar spritzen. So soll er ihn von den Unreinheiten der Israeliten reinigen und ihn heiligen. Hat er so die Entsühnung des Heiligtums, des Offenbarungszeltes und des Altars beendet, soll er den lebenden Bock herbringen lassen. Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. Hat er den Bock in die Wüste geschickt, dann soll Aaron wieder in das Offenbarungszelt gehen, die Leinengewänder, die er beim Betreten des Heiligtums angelegt hat, ablegen und sie dort verwahren. Er soll seinen Körper in Wasser an einem heiligen Ort baden, wieder seine Kleider anlegen und hinausgehen, um sein Brandopfer und das des Volkes darzubringen. Er soll sich und das Volk entsühnen und das Fett des Sündopfers auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Der Mann, der den Bock für Asasel hinausgeführt hat, muss seine Kleider waschen, seinen Körper in Wasser baden und darf danach wieder in das Lager kommen. Den Jungstier und den Bock, die man als Sündopfer dargebracht und deren Blut man in das Heiligtum zur Entsühnung gebracht hat, soll man aus dem Lager hinausschaffen und ihr Fell, ihr Fleisch und ihren Mageninhalt im Feuer verbrennen. Wer sie verbrannt hat, muss seine Kleider waschen, den Körper in Wasser baden und darf danach wieder ins Lager kommen. Folgendes soll euch als feste Regel gelten: Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollt ihr euch Enthaltung auferlegen und keinerlei Arbeit tun, der Einheimische und ebenso der Fremde, der in eurer Mitte lebt. Denn an diesem Tag entsühnt man euch, um euch zu reinigen. Vor dem Herrn werdet ihr von allen euren Sünden wieder rein. Dieser Tag ist für euch ein vollständiger Ruhetag, und ihr sollt euch Enthaltung auferlegen. Das gelte als feste Regel. Der Priester, den man gesalbt und an Stelle seines Vaters als Priester eingesetzt hat, soll die Sühne vollziehen. Er soll die Leinengewänder, die heiligen Gewänder, anlegen. Er soll das geweihte Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar entsühnen; dann soll er die Priester und das ganze Volk der Gemeinde entsühnen. Das soll für euch als feste Regel gelten: Einmal im Jahr sollen die Israeliten von allen ihren Sünden entsühnt werden. Und man tat, wie es der Herr dem Mose befohlen hatte.

  



Jahwe und Asasel

Dieses Ritual, welches im Buch Leviticus, das im 4. Jahrhundert vor Chr. seine jetzige Form erhalten hatte, geschildert wird, stellt einen Übergangsritus dar. Einen solchen Ritus hielt man immer dann für nötig, wenn ein Mitglied einer Gesellschaft eine soziale Grenze überschritten hatte. Hier wird aber nicht bloß ein individueller Übergang, sondern ein solcher eines ganzen Volkes geschildert - und zwar die Rückkehr in einen postulierten ursprünglich sündenlosen Zustand.

Interessant ist, dass die Beschreibung dieses Rituals nicht im Kontext der anderen Opfer- und Festgesetze des Pentateuch steht, sondern als Konsequenz des Todes zweier Söhne Aarons, des Bruders Moses und ersten Hohenpriesters, im Tempel eingeführt wird. Dass dieses Ritual jedes Jahr einmal wiederholt werden soll, wird erst ganz am Schluss formuliert.

Zuerst werden beide Böcke durch die Präsentation vor Jahwe und das Losverfahren ausgesondert, es wird somit eine Trennung vollzogen. Daraufhin geschieht die Übertragung der Sünden auf den lebendigen Bock und mit dem Fortschicken des Bocks werden die Sünden ausgemerzt. Nicht die Beteiligten selbst, sondern stellvertretend für das ganze Volk wird der lebendige Bock einem endgültigen Aussonderungsritus unterzogen. Er wird in die Wüste als einem von der menschlichen Kultur abgeschnittenen Ort, geschickt. Der Bock vollzieht damit eine Grenzüberschreitung, aus der es kein Zurück mehr gibt. Erst so kann gewährleistet werden, dass für das Volk anders als für den Bock die Möglichkeit der Wiedereingliederung gegeben ist.

Die beiden Böcke stehen für zwei einander entgegengesetzte Konzepte: Während der Bock „für Jahwe“ zur Reinigung der Kulträume und des Altars Reinheit und Heiligkeit repräsentiert, verkörpert der lebendige Bock „für Asasel“ zur Elimination der Sünden Unreinheit. Asasel erscheint als ein Vertreter einer Antiwelt. Asasel verkörpert das, was Jahwe nicht ist, nämlich Unreinheit und den Ort, der vom Kultus abgeschnitten ist, also die gegengöttliche Welt. Allerdings wird nicht mehr über Asasel gesagt, als dass der mit Sünden beladene Bock lebendig zu ihm geschickt wird.

Im ersten Teil des Rituals geht es um die Reinigung des Heiligtums, der Priesterschaft und der Gemeinschaft aller Israeliten. Da das Volk in der unmittelbaren Nähe des Heiligen lebt, seit Gott seine Wohnstatt im Offenbarungszelt genommen hatte, ist es in besonderer Weise verpflichtet, ebenfalls heilig zu sein, damit die lebensspendende Kraft der Gegenwart Gottes nicht ins Gegenteil umschlägt. Die Sammlung von Reinigungsvorschriften im Buch Leviticus zeigt aber, dass die Möglichkeit, dass Israel auch mit Unreinheit in Kontakt kommt, bewusst mit einbezogen wird. Solche Verunreinigungen können ohne Zutun des jeweiligen Menschen geschehen, wie bei Geburt und Menstruation, aber auch zum Beispiel durch die Aufnahme ungeeigneter Nahrung. Nur wenn alle diese verborgenen und offenkundigen Unreinheiten, die sich im Laufe des Jahres im Volk der Israeliten ansammeln, immer wieder gesühnt werden, ist nach der priesterlichen Theologie des Buches Leviticus ein Leben in der Nähe des Heiligen möglich. Zum Zweck dieser Sühne werden am Versöhnungstag ein Jungstier und ein Ziegenbock geschlachtet, deren Blut Aaron bis ins Allerheiligste trägt und dort verspritzt. Das Blut, als ein von Gott selbst gegebenes Sühnemittel, hat, wenn es auf den Altar und die Deckplatte, den Ort der Gegenwart Gottes gespritzt wird, eine sühnende Wirkung für die gesamte Gemeinschaft. Gleichzeitig wird mit diesem Blutritus der Tempel, der Ort der höchsten Reinheit, von allen störenden und gefährlichen Unreinheiten befreit. Die Ordnung wird wieder hergestellt, indem das, was nicht in den Tempel gehört, von dort entfernt wird. So soll mögliches Unheil von den Israeliten abgehalten und ein Zustand erreicht werden, in dem die Menschen gefahrlos in der Nähe Gottes leben können.

Der Name Asasel bezeichnet ursprünglich einen Wüstendämon, der im Gegensatz zu Jahwe das Chaos und den Tod repräsentiert. Die Sünde und die Unreinheit als Manifestationen des Chaos werden durch den Ziegenbock demnach wieder an ihren Ursprungsort zurückgetragen. Indem Asasel das, was zu ihm gehört, wieder bekommt, sollte die richtige Ordnung der Dinge wieder hergestellt werden.


Franz von Stuck, Luzifer, 1891

Ergebnis

Besonders im religiösen Bereich darf die Darstellung nicht mit dem Dargestellten verwechselt werden. Wie die Kunst auf Bildern, beruht die Religion auf Riten. Diese Riten beanspruchen mehr als eine Interpretation des Göttlichen, vielmehr bezeichnen sie den Umgang mit ihm.

Mag der Sündenbockritus auf den ersten Blick einen ethischen Charakter haben, da er das Versagen des Menschen artikuliert, so geht es doch vor allem um den rätselhaften Gegensatz Reinheit und Unreinheit. In der späteren im Umkreis der Bibel entstandenen Literatur ist Asasel ein Verderben bringender Dämon, der mit dem sündenbeladenen Bock fast identisch wird. In den apokryphen Schriften, z.B. im Buch Henoch, wird er ein Anführer der gefallenen Engel und gilt als Erfinder aller Kulturerzeugnisse, welche die Sintflut verschuldet haben: Metall, Waffen, Schmuck etc. Asasel wird so zu einer Ausprägung Satans, für den alle bestimmt sind, welche nicht zu Gott gehören, weil sie sich verführen ließen.

Kultur gehört zu den Schätzen Satans. Da es nicht mehr möglich ist, außerhalb dieser zu leben, bedarf es der andauernden Reinigung, um eine Nähe zum Göttlichen überhaupt möglich zu machen.

Damit gelangt man in das Innerste des alttestamentlichen Denkens: Das Sündebockritual ist Bestandteil jener alten im kultischen Brauch sich ausdrückenden Überzeugung, welche die Gewissheit des sündigen Lebens bündelt und für einen Augenblick, und die wenigen darauf folgenden, die Imagination gewährt, fernab jeder Kultur wieder in einem paradiesischen Zustand der Unschuld und der Gottesnähe zu sein.




Seite 1
 zurück
 Seitenanfang
 Seitenende