Das Wunder des Theismus

von Nikolaus Werle

Für und Wider

Die Frage, ob es Gott gibt, kann vernünftig erörtert werden. Sie ist auch zu wichtig, dass wir ihr rein zufällig oder bloß willkürlich begegnen. Weder die positive noch die negative Antwort versteht sich von selbst. Jeder Mensch, der seine Vernunft gebraucht, macht sich seine Gedanken und versucht auch eine Antwort zu finden.

Bedacht muss werden, was die Religionskritiker insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts vorgebracht haben. Wir befinden uns allerdings heute gegenüber ihren Zeitgenossen im Vorteil der die seither verflossene Geschichte betrachten Könnenden. Als Kritiker der klassischen Religionskritik von Feuerbach, Marx, Nietzsche und Freud werden wir zunächst feststellen, dass so manche ihrer Aussagen bittere Wahrheiten formuliert haben, die deshalb auch von vielen Theologen sehr ernst genommen wurden. Denn analysiert man das Persönlichkeitsprofil so mancher frommer „Gläubiger“ - und dies wahrhaftig nicht nur im Christentum -, so wird man es mit Ludwig Feuerbach nicht bestreiten können: Der Glaube an Gott kann den Menschen von sich selber entfremden und verkümmern lassen, weil der Mensch Gott mit den Schätzen seines eigenen Innern ausgestattet hat. Zu wenig menschlich sind diese Gottgläubigen, als dass Gottlose sich von ihrem Gottesglauben anstecken lassen könnten! Ja, man kann den Republikaner Feuerbach verstehen, dass er die Menschen von Kandidaten des Jenseits zu Gestaltern des Diesseits machen wollte, aus den religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie sollten freie und selbstbewusste Bürger werden.

Allerdings haben wir seit Feuerbach ein Doppeltes hinzugelernt:
1. Dass Gott nur das ins Jenseits hinausprojizierte Spiegelbild des Menschen sei, hinter dem in Wirklichkeit nichts stehe, wurde von Feuerbach nie bewiesen, immer nur behauptet. Heute gibt es viele Menschen, die sich als freie und selbstbewusste Bürger betrachten, gerade weil sie an Gott glauben als den Grund und die Garantie ihrer Freiheit und Mündigkeit.
2. Auch der Gott-lose Humanismus hatte allzu oft inhumane Folgen, und in den Schreckenserfahrungen des 20. Jahrhunderts - zwei Weltkriege, GULAG, Konzentrationslager, Atombombe - erwies sich der Weg von der Humanität ohne Divinität zur Bestialität oft als kurz.

Daher stellt sich das Problem: Gilt die Aussage von den freien, selbstbewussten Menschen, die an Gott glauben, nicht bestenfalls für westliche Wohlstandsgesellschaften, kaum aber für Kontinente wie Lateinamerika? Hat man dort zur Analyse der unmenschlichen Verhältnisse, an denen nicht zuletzt Religion und Kirche schuld sind, nicht zu Recht Einsichten von Karl Marx herangezogen? Marx wollte die Kritik des Himmels in die Kritik der Erde verwandeln, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik. Wer die oft unmenschlichen Verhältnisse etwa in Lateinamerika kennt, kann kaum bestreiten, dass der herrschende Gott der Christen vielfach der Gott der Herrschenden war: eine Jenseitsvertröstung, eine Deformation des Bewusstseins, ein Schmücken der Ketten mit Blumen, anstatt sie zu zerbrechen.

Inzwischen hat sich allerdings auch für die bisher Unbelehrbaren unwiderlegbar gezeigt, dass bei allen richtigen Analysen die Marxschen Lösungen - Abschaffung des Privateigentums und Sozialisierung von Industrie, Landwirtschaft, Erziehung und Kultur - zu einer beispiellosen Ausbeutung der Völker und einer Zerstörung von Moral und Natur geführt haben. Zu einem automatischen Absterben der Religion aber kam es, wie Marx annahm, global gesehen nicht. Statt der Religion war zwar eine Zeitlang die Revolution das Opium des Volkes - von der Elbe bis Wladiwostok, auch in Kuba, in Vietnam, Kambodscha und China. Aber jetzt hat sich von Osteuropa und der DDR über Südafrika bis nach Südamerika und den Philippinen gezeigt, dass Religion nicht nur Mittel der sozialen Beschwichtigung und Vertröstung sein kann, sondern auch - so schon in der nordamerikanischen Bürgerrechtsbewegung - Katalysator der sozialen Befreiung: und dies ohne jene revolutionäre Gewaltanwendung, die einen Teufelskreis von immer neuer Gewalt zur Folge hat, wie dies z.B. in der russischen Revolution von 1917 der Fall war.

„Gewiss“, sagt da so mancher Zeitgenosse, „Gottesglaube mag Katalysator der äußeren sozialen Befreiung sein. Aber wie steht es mit der noch dringlicheren inneren psychischen Befreiung von Angst, Unreife und Unfreiheit?“ Mit vollem Recht kritisierte Sigmund Freud Machtarroganz und Machtmissbrauch der Kirchen, kritisierte er die Fehlformen der Religion, Realitätsblindheit, Selbsttäuschungen, Fluchtversuche und Verdrängung der Sexualität, aber auch ganz direkt das traditionelle autoritäre Gottesbild. In der Tat wird hinter der Ambivalenz dieses Gottesbildes sehr oft das ins Metaphysische, ins Jenseits oder in die Zukunft projizierte eigene frühkindliche Vater- oder Mutterbild sichtbar. Und selbst heute noch wird manchmal in religiösen Familien der strafende Vater-Gott von Eltern als Erziehungsinstrument zur Disziplinierung der Kinder missbraucht, mit langfristigen negativen Folgen für die Religiosität der Heranwachsenden.

In der Zwischenzeit hat sich freilich erwiesen, dass nicht nur die Sexualität, sondern auch die Religiosität verdrängt werden kann, dass die ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit, die Sigmund Freud zufolge die Stärke der Religion ausmachen, besser nicht als reine Illusionen abqualifiziert werden sollten und dass in einer Zeit allgemeiner Orientierungs- und vielfacher Sinnlosigkeit gerade der Gottesglaube zu definitiver Sinnerfüllung im Leben und auch im Sterben verhelfen kann, aber auch zu unbedingten ethischen Maßstäben und zu einer geistigen Heimat. So kann denn der Gottesglaube nicht zuletzt im psychischen Bereich statt einer versklavenden eine befreiende, statt einer schädigenden eine heilende, statt einer labilisierenden eine stabilisierende Funktion haben.

Der Gottesglaube war und ist gewiss oft autoritär, tyrannisch und reaktionär. Er kann Angst, Unreife, Engstirnigkeit, Intoleranz, Ungerechtigkeit, Frustration und soziale Abstinenz produzieren, kann geradezu Unmoral, gesellschaftliche Missstände und Kriege in einem Volk oder zwischen Völkern legitimieren und inspirieren. Aber der Gottesglaube konnte sich gerade in den letzten Jahrzehnten wieder zunehmend als befreiend und menschenfreundlich erweisen: Gottesglaube kann Lebensvertrauen, Reife, Weitherzigkeit, Toleranz, Solidarität, kreatives und soziales Engagement verbreiten, kann geistige Erneuerung, gesellschaftliche Reformen und den Weltfrieden fördern.

Die entscheidenden Argumente für seinen persönlichen Atheismus hat Sigmund Freud von Feuerbach und dessen Nachfolgern übernommen: "Ich habe bloß - dies ist das einzig Neue an meiner Darstellung - der Kritik meiner großen Vorgänger etwas psychologische Begründung hinzugefügt", sagt Freud bescheiden und richtig zugleich. Schon bei Feuerbach findet sich eine psychologische Begründung des Atheismus: Wünsche, Phantasie oder Einbildungskraft sind für die Projektion des Gottesgedankens und der gesamten religiösen Schein- oder Traumwelt verantwortlich. Wie schon die Opiums-Theorie von Marx, so gründet auch die Illusions-Theorie Freuds in der Projektions-Theorie Feuerbachs. Neu ist nur Freuds psychoanalytische Vertiefung.

Dies bedeutet für die Kritik des Freudschen Atheismus: Die Gründe, die gegen Feuerbachs (und Marx) Atheismus, insbesondere gegen seine psychologischen und geschichtsphilosophischen Beweisgänge angeführt werden, treffen auch für den Atheismus Freuds zu. Und insofern sich der Atheismus Feuerbachs (und Marx') als eine letztlich nicht zwingend begründete Hypothese erwiesen hat, muss nun auch der Atheismus Freuds als eine letztlich nicht stringent begründete Hypothese erscheinen.

Dies sei im Hinblick auf Freuds zentrale religionskritische Aussage konkretisiert: "Die religiösen Vorstellungen sind Erfüllung der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit"? Dem kann auch der Gläubige zustimmen. Und zugleich wird er sagen: Gewiss kann Religion, wie Marx aufzeigte, Opium, ein Mittel sozialer Beschwichtigung und Vertröstung, sein. Aber sie muss es nicht. Gewiss kann Religion, wie Freud aufzeigt, Illusion, Ausdruck einer Neurose und psychischer Unreife sein. Aber sie muss es nicht. Gewiss enthält alles menschliche Glauben, Hoffen und Lieben - auf einen Menschen, eine Sache oder auf Gott bezogen - ein Moment der Projektion. Aber deshalb muss ihr Objekt nicht nur Projektion sein.

Der Glaube an Gott kann stark von der Einstellung des Kindes zum Vater beeinflusst sein. Aber deshalb kann Gott doch existieren. Nicht dass der Gottesglaube psychologisch erklärt werden kann, ist das Problem. Psychologie oder nicht Psychologie ist hier eine falsche Alternative. Psychologisch gesehen weist der Gottesglaube immer Strukturen und Gehalte einer Projektion auf oder kann als reine Projektion verdächtigt werden. Auch jeder Liebende projiziert notwendig sein eigenes Bild auf seine Geliebte. Aber heißt das, dass seine Geliebte nicht existiert oder nicht doch wesentlich so existiert, wie er sie sieht und sie sich denkt? Kann er sie mit seinen Projektionen nicht vielleicht sogar tiefer erfassen als der, der sie als neutraler Beobachter von außen zu beurteilen versucht? Das Faktum der Projektion also entscheidet nicht über Existenz oder Nicht-Existenz des Objekts, auf das sie sich bezieht.

Und hier hat auch der Freudsche Schluss vom Anormalen auf das Normale, vom Neurotischen auf das Religiöse bei aller Berechtigung seine entschiedenen Grenzen. Religion ist menschliches Wunschdenken? Und deshalb darf Gott nur ein menschliches Wunschgebilde, eine infantile Illusion oder gar nur eine neurotische Wahnidee sein? Dem Wunsch nach Gott, so schon das Argument gegen Feuerbach, kann durchaus ein wirklicher Gott entsprechen. Diese Möglichkeit hat auch Freud nicht ausgeschaltet. Und warum sollte man das Wunschdenken ganz allgemein disqualifizieren? Ist Wünschen nicht ganz und gar menschlich, Wünschen bezogen auf die Güter dieser Erde, die Mitmenschen, die Welt und vielleicht doch auch - Gott? Freilich steht es schlimm um einen religiösen Glauben, wenn er keine echten Gründe hat oder in einer psychoanalytischen Behandlung keine Gründe übrig bleiben. Das wäre, auch wenn er sich noch so fromm gebärdet, ein unreifer, infantiler, unter Umständen gar neurotischer Glaube. Aber ist ein Glaube schon darum schlecht und spricht es schon gegen seine Wahrheit, weil in ihm - wie doch auch in der Psychoanalyse - alle möglichen triebhaften Motive, libidinösen Neigungen, psychodynamischen Mechanismen, bewusste und unbewusste Wünsche mitspielen?

Ergebnis

Wenn wir über Gott sprechen, stellt sich sehr schnell heraus, dass es eine unsichtbare Grenze der Argumentation gibt. Die Überzeugungskraft eines Arguments hängt davon ab, wie jemand sich selbst verstehen und sein Leben führen will. Daher möchte ich abschließend nur drei Zitate anführen, die drei Perspektiven zum Thema Gott verdeutlichen, und uns selbst zu unserem eigenen Resümee anregen sollen…


Der Krebsnebel *

Im besonders empfehlenswerten Buch des französischen Nobelpreisträgers für Medizin, Jacques Monod (1910-1976), Zufall und Notwendigkeit, in dem er sich mit philosophischen Fragen der modernen Biologie beschäftigt, beschreibt er sein Lebensgefühl so:

“… muss der Mensch aus seinem tausendjährigem Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen…”
(Seite 151)

Und weiter:

“… der Mensch weiß endlich, dass er in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums allein ist, aus dem er zufällig hervortrat. Nicht nur sein Los, auch seine Pflicht steht nirgendwo geschrieben…”
(S. 157)

Diese Auffassung könnte man einen melancholischen Atheismus nennen.

Immanuel Kant schreibt in seiner Kritik der praktischen Vernunft (Suhrkamp, Seite 282), wenn Gott mit seiner “furchtbaren Majestät uns unablässig vor Augen liegen” würde, dann geschähe zwar der göttliche Wille, aber die freie Sittlichkeit des Menschen bliebe hohl, denn das Motiv des richtigen Handelns wäre bloß Furcht, nicht die eigene freie Entscheidung selbst.

“Also möchte es auch hier wohl damit seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des Menschen hinreichend lehrt, dass die unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren, nicht minder verehrungswürdig ist, in dem, was sie uns versagte, als in dem, was sie uns zuteil werden ließ.”

Dies ist eine nüchterne, wohl abgewogene, rationale, philosophische Haltung.

Der vorletzte Teil dieser Überlegungen sei einem mittelalterlichen Theologen, Hugo von St. Victor, überlassen, der meinte:

“Gott hat von Anfang an die Erkenntnis seiner so gemäßigt, dass niemand das, was er im Ganzen ist, zu begreifen vermochte, aber auch so, dass niemand dies, dass er ist, vollständig unbekannt bleiben kann.”
(De Sacramentis I, 3, 1)

Und dies nenne ich das Wunder des Theismus.

Und der letzte Teil? Was bedeutet Gott für Euch? Diese Frage muss jeder von Euch für sich selbst beantworten.














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Im Jahr 1054 haben chinesische Astronomen einen strahlend hellen Stern am Tageshimmel aufflammen sehen. Damals war ein extrem massereicher Stern als Supernova explodiert. Noch heute zeugt diese wegen ihrer Form Krebsnebel genannte Explosionswolke von dem dramatischen Geschehen. Gas und Staub werden ins All geschleudert. Der Krebsnebel dehnt sich weiter aus und wird in einigen zehntausend Jahren nicht mehr auffallen.















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