Jan Wagner *

grottenolm

I

kaum wirklicher als das einhorn
und selten wie sphinx oder drache,
für dessen brut man ihn hielt,
als er sich erstmals zeigte, medusenhaupt
im spiegel eines baches,
schneeweißer fisch mit vier beinen,
wie die bauern ihn nannten,
dem schrei eines menschen.
seine kunst: vergessen zu werden.
so wird er alt. so überlebt er
die nach ihm suchen.


II

in einem reich ohne licht
und ohne farben, ohne wind,
sitzt der olm, der keine feinde
außer der sonne hat, zarter als die arbeit
von glasbläsern ist, kaum schwerer als ein brief
und leichter als ein schluck wasser.
weiß er nichts von unserer welt
oder weiß er alles? mit einer haut,
so durchlässig, dass sie nichts verwehrt
und alles aufnähme an giften,
an reichtümern, beschränkt er sich
aufs wenige, verzichtet aufs essen,
sogar auf den eigenen schatten.






III

ich muss dir nahe-
gekommen sein, damals
hinter der grenze,
von der du nichts ahnst,
im karst, jener gegend,
in der noch immer
verschwinden kann,
wer spät in der nacht
zum rauchen hinausgeht
auf löchrigem grund,
hoch überm system
von grotten, wo rost
auf waffen lagert,
vielleicht gar soldaten
ergraut auf ein ende
des krieges warten,
jahrzehnte nach ende
des krieges, wo du,
geschmeidiges S,
durch leeren fliegst,
die dir sicher sind,
in päpstlichem weiß
durch höhlen, himmel,
kälterer bruder,
durch episches dunkel
mit nichts als der uhr
aus tropfendem wasser
und blind wie homer.