Rudolf Hagelstange

Venezianisches Credo

Denn was geschieht, ist maßlos. Und Entsetzen
wölkt wie Gewitter über jedem Nacken.
Es jagt der Tod mit flammenden Schabracken
durch Tag und Nacht, und seine Hufe fetzen,

was Werk und Leben heißt, zu tausend Stücken.
Sein Geißelhieb weiß jeden Leib zu finden.
Sein Atem lässt die Sehenden erblinden,
und Baum und Strauch verfällt vor seinen Blicken.

Bis in die Träume flackert sein Gelächter,
und in die Zukunft reiht er die Gebeine,
ein Mordbesessener und an Blut Bezechter.

Wer baut, wenn noch bei letzten Brandes Scheine
Ein Gott dem Würger in die Zügel fällt,
aus diesem Chaos eine neue Welt?


Rudolf Hagelstange lebte von 1912 bis 1984.
Dieses Gedicht wurde im Sommer 1944 an der italienischen Front geschrieben. Es war Ausdruck einer poetischen Gewissheit über das im Namen Deutschlands angerichtete Unheil. Seine Gedichte kursierten zunächst unter Hagelstanges Kriegskameraden. Sie wurden in Verona auch zu einem Band gebunden, bis die kurz nach der „Stunde Null“ im Insel Verlag erschienene Ausgabe einem größeren Publikum den Blick öffnete für den von Autoren wie Hagelstange im nationalsozialistischen Deutschen Reich geleisteten inneren Widerstand. Das öffentliche Ansehen, das Hagelstange genoss, war enorm.
Das in der Achtundsechziger-Generation verbreitete Gerücht, er sei bei der SS gewesen, beschädigte trotz aller Dementis seine Reputation. Heute ist dieser wichtige Repräsentant der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur fast vergessen.