Wilhelm Lehmann

Auf sommerlichem Friedhof (1944)
In memoriam Oskar Loerke

Der Fliegenschnäpper steinauf, steinab.
Der Rosenduft begräbt dein Grab.
Es könnte nirgend stiller sein.
Der darin liegt, erschein, erschein!

Der Eisenhut blitzt blaues Licht.
Komm, wisch den Schweiß mir vom Gesicht.
Der Tag ist süß und ladet ein,
Noch einmal säßen wir zu zwein.

Sirene heult, Geschützmaul bellt.
Sie morden sich: es ist die Welt.
Komm nicht! Komm nicht! Laß mich allein,
Der Erdentag lädt nicht mehr ein.
Ins Qualenlose flohest du,
O Grab, halt deine Tür fest zu!




Wilhelm Lehmann wurde 1882 in Venezuela als Sohn eines Lübecker Kaufmanns geboren
und starb 1968 in Schleswig-Holstein. Nach 1945 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung sowie des PEN-Clubs.

Das Gedicht ist auf den 25. Juli 1944 datiert.
Das Attentat auf Hitler war gescheitert,
das Ende des Krieges war unabsehbar.