Gemälde von Barbara Rosina de Gasc, 1767/68

Am 31. Dezember 1777 verfasste Lessing an seinen Freund
Johann Joachim Eschenburg (1743 bis 1820 ) einen Brief,
dem folgendes Zitat entnommen ist:

Mein lieber Eschenburg,
meine Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern,
diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! So viel Verstand!
– Glauben Sie nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft
mich schon zu so einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß,
was ich sage. – War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen
Zangen auf die Welt ziehen musste? Dass er so bald Unrat merkte?
– War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich
wieder davon zu machen? – Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf
auch die Mutter mit fort! – Denn noch ist wenig Hoffnung, dass ich
sie behalten werde. – Ich wollte es auch einmal so gut haben,
wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.

Am 22. Januar 1729 wurde Lessing als Sohn eines protestantischen Pfarrers
in Kamitz (Lausitz) geboren. 1771 verlobte er sich mit der Witwe Eva König.
1776 heiratete er Eva König, Im Dezember 1777 wird der einzige Sohn Traugott
geboren, welcher innerhalb von 24 Stunden stirbt. Am 10. Januar 1778 stirbt
Eva König. Lessing stirbt am 15. Februar 1781.

Gotthold Ephraim Lessing

Die drey Reiche der Natur

Drey Reiche sinds, die in der Welt
Uns die Natur vor Augen stellt.
Die Anzahl bleibt in allen Zeiten
Bey den Gelehrten ohne Streiten.
Doch wie man sie beschreiben muss,
Da irrt fast jeder Physikus.
Hört, ihr Gelehrten, hört Mich an,
Ob Ich sie recht beschreiben kann?

Die Thiere sind den Menschen gleich,
Und beyde sind das erste Reich.
Die Thiere leben, trinken, lieben;
Ein jegliches nach seinen Trieben.
Der Fürst, Stier, Adler, Floh und Hund
Empfindt die Lieb und netzt den Mund.
Was also trinkt und lieben kann,
Wird in das erste Reich gethan.

Die Pflanze macht das andre Reich
Dem ersten nicht an Güte gleich.
Sie liebet nicht, doch kann sie trinken,
Wenn Wolken treufelnd niedersinken.
So trinkt die Ceder und der Klee,
der Weinstock und die Aloe.
Drum was nicht liebt, doch trinken kann,
Wird in das andre Reich gethan:

Das Steinreich ist das dritte Reich
Und diess macht Sand und Demant gleich.
Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe;
Er wächset ohne Trunk und Liebe.
Drum was nicht liebt, noch trinken kann,
Wird in das letzte Reich gethan.
Denn ohne Lieb und ohne Wein,
Sprich, Mensch, was bleibst du noch? Ein Stein.

Das vierstrophige Gedicht Die drey Reiche der Natur
verfasste Lessing als Achtzehnjähriger im Sommer 1747.