Georg Trakl

Siebengesang des Todes

Bläulich dämmert der Frühling; unter saugenden Bäumen
Wandert ein Dunkles in Abend und Untergang,
Lauschend der sanften Klage der Amsel.
Schweigend erscheint die Nacht, ein blutendes Wild,
Das langsam hinsinkt am Hügel.

In feuchter Luft schwankt blühendes Apfelgezweig,
Löst silbern sich Verschlungenes,
Hinsterbend aus nächtigen Augen; fallende Sterne;
Sanfter Gesang der Kindheit.

Erscheinender stieg der Schläfer den schwarzen Wald hinab,
Und es rauschte ein blauer Quell im Grund,
Daß jener leise die bleichen Lider aufhob
Über sein schneeiges Antlitz;

Und es jagte der Mond ein rotes Tier
Aus seiner Höhle;
Und es starb in Seufzern die dunkle Klage der Frauen.

Strahlender hob die Hände zu seinem Stern
Der weiße Fremdling;
Schweigend verläßt ein Totes das verfallene Haus.

O des Menschen verweste Gestalt: gefügt aus kalten Metallen,
Nacht und Schrecken versunkener Wälder
Und der sengenden Wildnis des Tiers;
Windesstille der Seele.

Auf schwärzlichem Kahn fuhr jener schimmernde Ströme hinab,
Purpurner Sterne voll, und es sank
Friedlich das ergrünte Gezweig auf ihn,
Mohn aus silberner Wolke.

Georg Trakl wurde 1887 in Salzburg geboren. Während seiner Apothekerlehre gelangte er problemlos zu Drogen. Dieser Zugang weitete sich zu einer intensiven Drogenabhängigkeit aus. 1914 meldete er sich als freiwilliger Sanitäter. Angesichts des Grauens des Krieges erlitt er einen Zusammenbruch. Am 3. November 1918 um 21 h starb Georg Trakl in einem Garnisonsspital in Krakau. In seiner Krankenakte steht: Suicid durch Kokainintoxikation.
Die mit ihm befreundete Dichterin Else Laske-Schüler schrieb:
   Georg Trakl erlag im Krieg von eigner Hand gefällt.
   So einsam war es in der Welt.
   Ich hatt' ihn lieb.