Zur Methode dieses Kurses

Was ist Dialektik?

Eine bessere als die dialektische Methode kenne ich nicht, daher resultiert auch meine Abneigung gegen die vielen neuen Unterrichtsgestaltungen, die der Zeitgeist hervorbringt, um sich mit Kleidern zu schmücken, die jeder seine Vernunft gebrauchende Mensch wie in H. C. Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider als lächerliche Einbildung erkennt. Z. B. viele Befürworter der gepriesenen Methode EVA (Eigenverantwortliches Arbeiten) tun so, als ob die sich nicht mit dieser Bezeichnung schmückenden Lehrveranstaltungen einem nicht eigenverantwortlichen Lernen den Vorzug gäben. Die Spielchen der sog. modernen Pädagogik langweilen auch deshalb, weil sie meist klägliche Nachahmungen antiker Vorbilder sind, dies aber meistens nicht einmal wissen, sich dafür aber wichtigtuerisch in Szene setzen. In diesem Kurs orientieren wir uns an Platon, Aristoteles, Cicero und Petrarca und lassen die Torheiten des Zeitgeistes beiseite...

Der Begriff Dialektik wird abgeleitet vom griechischen Zeitwort διαλεγειν, welches überdenken, besprechen bedeutet. Statt einer langen Definition eine Geschichte dazu, deren Herkunft ich nicht ausfindig machen konnte:

Zu einem Pfarrer kamen einfache Bauern einer Kolchose: „Genosse Pfarrer, unser Parteisekretär spricht täglich von Dialektik. Was ist das?“ Der Pfarrer sagte: „Das ist nicht so einfach zu erklären. Ich erzähle euch ein Beispiel. Es kommen zwei Genossen, der eine ist rein, der andere schmutzig. Ich biete ihnen ein Bad an. Welcher von beiden wird das Bad annehmen?“ Die Bauern sagen: „Der Schmutzige“. Der Pfarrer sagt: „Nein, der Reine! Denn der Reine ist gewohnt zu baden, der Schmutzige legt keinen Wert darauf. Wer nimmt also das Bad?“ Nun sagen die Bauern: „Der Reine“. „Nein,“ sagt der Pfarrer, „der Schmutzige, denn er bedarf das Bades. Also, wer nimmt das Bad an?“ Jetzt sagen die Bauern verdutzt: „Der Schmutzige“. „Nein, alle beide; denn der Reine ist gewohnt zu baden, und der Schmutzige bedarf des Bades. Wer nimmt also das Bad an?“ Die Bauern sagen verwundert: „Alle beide“. „Nein, keiner, denn der Schmutzige ist nicht gewohnt zu baden, und der Reine bedarf des Bades nicht“. „Aber Genosse Pfarrer, was soll das heißen? Jedesmal sagst du etwas anderes, und jedesmal drehst du es so, wie es dir passt.“ „Ja“, sagt der Pfarrer, „das ist eben Dialektik“.

So wollen wir es natürlich nicht machen, aber jedes Für und Wider abzuwägen, kann kein Fehler sein.

Drei Prinzipien

Aristoteles definiert den Menschen nicht durch seine Triebe, sondern durch seine Vernunft. Viele Menschen klagen darüber, dass sie von der Natur benachteiligt wurden, sie seien zu dick oder zu dünn, zu groß oder zu klein, hässlich oder krank. Nie aber hört man jemanden klagen, dass er zu wenig Verstand habe. Daher trifft wohl René Descartes’ erster Satz seiner Abhandlung über die Methode, richtig zu denken... aus dem Jahre 1637 den Kern der Sache, wenn er schreibt: „Der gesunde Verstand ist das, was in der Welt am besten verteilt ist; denn jedermann meint damit so gut versehen zu sein, dass selbst Personen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, doch an Verstand nicht mehr, als sie haben, sich zu wünschen pflegen.“ Abgesehen vom Humorpotenzial dieser Aussage wollen wir die hier beschriebene menschliche Genügsamkeit so verstehen, dass keiner seine natürlichen Begabungen und Defizite verändern, wohl aber ihre Entfaltung und Beherrschung handhaben kann. Wir wollen auch weder Geschöpfe der Abhängigkeit vom Staat oder von irgendwelchen Menschen sein, sondern selbstständig unser Leben gestalten. Der wichtigste Schritt dazu ist, das Wagnis denkender Existenz auf sich zu nehmen. Dass hiefür in der Schule wichtige Voraussetzungen geschaffen werden, liegt auf der Hand. Dass vielen Schülern das Bewusstsein dafür fehlt, ist - eine traurige - Realität. Unbildung auf allen Ebenen erscheint ihnen nicht als etwas, das sofort zu ändern begonnen werden muss.

Dieser Kurs soll Platz und Gelegenheit für viele Anregungen und Überlegungen bieten, die zu dieser Selbstständigkeit führen sollen.

Die dialektische Methode will durch Rede und Gegenrede die Gedanken in die Wahrheit verstricken. Gemäß Platon und seinen Nachfolgern sind die drei wichtigsten Säulen eines ernsthaften und soliden Lernens folgende:

• Einsamkeit - wer sich Ideen und Sachverhalte aneignen will, muss imstande sein, darüber mit sich selbst ins Klare zu kommen, sonst besteht die Gefahr, dass alles nur an der Oberfläche bleibt und bald wieder vergessen wird.

• Freiheit - Denkverbote gibt es nicht, zumindest nicht in diesem Kurs.

• Wohlwollen - darunter verstehe ich eine gütige Haltung, die keineswegs in missverstandener Toleranz alles akzeptiert, sondern prüft und beurteilt. Aber dieses Prüfen und Urteilen soll von selbstbewusster Großmut getragen sein, die man füreinander empfindet.

Es werden euch jede Woche Texte vorgelegt, die von uns allen besprochen und beurteilt werden. Pro und contra sind fester Bestandteil dieses Kurses. Oder um es überspitzt und reißerisch zu formulieren: Wer das bessere Argument hat, hat gewonnen.

Was bedeutet dies nun?
Die drei vorher erwähnten Säulen werden von allen Teilnehmern, natürlich auch von mir, eingehalten, so gut es eben geht. Leichtsinniges Zuwiderhandeln wird nicht toleriert!

Bild, Bildung, Ausbildung

Nicht nur zum Schulbeginn palavern (Der Begriff Palaver bezeichnet ein langwieriges, meist sinnloses Gespräch.) Politikerinnen und ihre wichtigtuerischen Experten über die katastrophale Situation an unseren Bildungsanstalten und dass es nötig sei, grundlegende Reformen vorzunehmen. Fast keiner aber sagt, dass es Grenzen der Förderung gibt, denn letzten Endes muss immer die betreffende Person selbst lernen und selbst denken.



Lautréamonts 1874 in Paris erschienene Gesänge des Maldoror enthielten in einer Neuausgabe von 1890 obiges Frontispiz

Was ist ein Frontispiz? Damit bezeichnete man die Titelseite eines Buches, abgeleitet von den lat. Wörtern frons (= Stirn, Vorderseite) und specere (= schauen). Und warum ist hier diese merkwürdige Abbildung zu sehen? Ich habe sie deshalb ausgewählt, weil hier auch das wichtigste Element des Bildungsprozesses herausgelesen werden kann. Die sich häutende Gestalt wendet sich einer engelhaften Figur zu, die ihr als Hoffnung an einem düster bedrohlich wirkenden Ort erscheint. Der Mensch, welcher Bildung und Lernen als immerwährenden Prozess seines Lebens erkannt hat, wird fähig, sein altes Ego abzulegen und ein neuer Mensch zu werden. Der Begriff Bildung hat auch damit zu tun, dass man nach einem bestimmten Bild, einem Ideal geformt und erzogen wird. In den ersten Lebensjahren sind die treibenden Kräfte dieses Prozesses meist Eltern und Lehrer. Mit zunehmendem Alter muss jeder selbst zum Motor der eigenen Bildung werden. Wer dies versäumt, macht sich selber zum belanglosen Produkt des Mainstreams. Daher gilt es darauf zu achten, welchen Vorbildern man folgt, welchen Ideen man anhängt.

Dass Ausbildung im Sinne einer Berufstauglichkeit einen wichtigen Teil unserer praktischen Existenz darstellt, ist selbstverständlich. Bildung jedoch formt unseren Charakter, veredelt unsere Seele, stärkt unser Urteilungsvermögen und geht über eine Ausbildung weit hinaus.

Zum Inhalt dieses Kurses

Die klassischen Gottesbeweise und die atheistischen Positionen werden in diesem Kurs einer Prüfung unterzogen, um die alte Frage Existiert Gott? eigenständig zu stellen, wobei als dritter Schwerpunkt die Behandlung des Themas in der modernen Kunst (Musik und Malerei) eine besondere Berücksichtigung erfährt.

Der Sinn dieses Kurses besteht also nicht darin, eine Antwort auf eine unbeantwortbare Frage zu geben.

Dass Gott tot sei, ist vom elitären Geheimnis zur gemütlichen Binsenweisheit geworden. Viele Menschen sind davon überzeugt oder vielmehr ist sie ihnen völlig egal. Vor hundert Jahren wurde der Zweifel an Gott subtil begründet. Heute ist er banal.

Wenn in diesem Modul gefragt wird, wer Gott heute ist, dann entspringt dies nicht dem verbreiteten Empfinden für mehr innerweltlichen Sinn. Die Frage kommt vielmehr aus der Neugier, in welcher Weise diese geistige Urkategorie Gott, die kulturell und institutionell immer noch Gewicht hat, heute theoretisch begründbar ist.

Die Evidenz Gottes liegt nicht in seinem Faktum, sondern in uns selbst als Denkenden. Gott ist immer in Bezug auf den Menschen zu verstehen. Hierin ist sich der Atheist wohl mit dem gläubigen Theologen einig. Ob Gott allerdings nur eine psychische Realität ist, das bleibt der ungeöffnete Kern des Problems. Ein Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen ist das Erstaunen darüber, wie Theologie überhaupt noch in unserem radikal säkularen, ja entchristianisiert erscheinenden Europa möglich ist.

Wer ist Gott? Ich hoffe, niemand wird erwarten, hier die Antwort zu finden. Nach Gott zu fragen, sei es in der Weise der Theologie, sei es mit Blick auf das Religiöse in der heutigen Welt, ist ein Exerzitium. Mit leichter Drohung gesprochen: Wer es ausschlägt, nimmt Schaden - der Gläubige an seiner Seele, der Ungläubige zumindest an seinem Intellekt...

Nikolaus Werle


Félicien Rops (1833-1898), Sphinx
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