Homer

Büste des Homer, 5. Jahrhundert v.Chr., Vatikanische Museen

Das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes

von Nikolaus Werle

Die vielfältigen Vorstellungen des Göttlichen, die es in der Antike gegeben hat, können hier nicht besprochen werden. Aristoteles (384 - 322) sagte: „Da nun unter den existierenden Dingen eines besser ist als das andere, gibt es folglich auch etwas, welches das Vollkommenste ist, und dies ist das Göttliche.“ (Fragmentum 16). Ich habe mich hier für die griechische Religion entschieden, da ich etliche ihrer ehemaligen Kultstätten vor vielen Jahren aufgesucht habe, im Gymnasium sechs Jahre lang Altgriechisch gelernt habe und meine Bewunderung für diese Kultur seit der Lektüre der schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab in meiner Kindheit nie verschwunden ist.

Jede Religion und jede Weltanschauung soll nicht bloß nach ihren Breiten, wo sie verflacht, vergröbert und Mängel aufweisend allen anderen ähnlich ist, sondern nach den klaren und großen Konturen ihrer Höhen beurteilt werden. Nur dort ist sie, was sie ist und was die anderen nicht sind.

Am Beginn der Ilias verlangt Agamemnon von Achilleus die Herausgabe der Briseis, seiner geliebten Sklavin. Dies reizt Achilleus so sehr, dass er nach seinem Schwert greift und sich überlegt, ob er es gegen Agamemnon ziehen soll. Da erscheint ihm die Göttin Athene und ermahnt ihn, seinem Zorn nicht nachzugeben. Athene sagt, dass sie gekommen sei, seinen Zorn zu besänftigen, „wenn du mir folgen willst“. Hier kommt eine vornehme Liebenswürdigkeit zum Ausdruck, die dazu führt, dass Achilleus seine eigenen Ansprüche zügelt.

Überall bei Homer ist es so, dass die Gottheit den Menschen nicht in den Staub drückt, sondern im Gegenteil: Wenn die Gottheit einem Menschen begegnet, erhöht sie ihn und macht ihn frei, stark, mutig und sicher. Wo immer Großes und Entscheidendes vollbracht werden soll, tritt ein Gott auf und gibt seine Weisung, und der Mensch schreitet getrost vorwärts. Wo etwas vollbracht wird, das über das Gewöhnliche hinausgeht, liegt der Anfang im Göttlichen.

J.H. Füssli, Thetis beweint Achilleus

Johann Heinrich Füssli (1741-1825): Thetis beweint den toten Achilleus

Bei Homer sind nicht die Armen und Schwachen Gott am nächsten, sondern die Starken und Mächtigen. Das Gefühl, das der Mensch vor der Gottheit empfindet, ist nicht das Schaudern, nicht einmal Schrecken oder Ehrfurcht. Man tritt den Göttern auch nicht mit Demut oder Liebe entgegen. Homer schildert in einer Szene, wie Athene dem Achilleus erschien und ihm ins Haar griff. Dieser erkannte staunend die Göttin. Staunen, Wundern und Bewundern sind die Reaktionen der Menschen. Die Griechen waren für diese menschlichen Regungen besonders empfänglich. Bewunderung trägt man dem entgegen, das nicht radikal fremd ist, aber schöner und vollkommener ist als das Alltägliche.

Tod und Dunkelheit sind so weit wie möglich an den Rand dieser Welt geschoben. Der Tod ist ein Nichts oder wenig mehr als ein Nichts, in das die Menschen hinabsinken. Die Göttin Artemis kann nicht länger bei ihrem Liebling Hippolytos verweilen, weil er dem Tod nahe ist.

„Leb wohl! Ich muss es meiden, Sterbende zu sehn.
Mein Auge darf der Hauch des Todes nicht entweihn
und der verhasste Augenblick ist nicht mehr fern.“
(Euripides, Hippolytos 1437)

Auf alles Irdische fällt der Schatten, dass auch das Blühendste und Kräftigste sterben muss, und der Gedanke daran kann die Menschen zur tiefsten Melancholie verdüstern. Deshalb erfüllen sie getreulich ihre Pflichten gegen die Toten. Die Götter haben Ordnung, Recht und Schönheit zur Herrschaft gebracht. Die gestürzten Götter, die Titanen und Giganten, sind Symbole dafür geblieben, dass sich die griechische Welt gegen etwas Fremdes durchgesetzt hat, gegen das Barbarische, das Nur-Starke und Grausige.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) bemerkte in seiner Philosophie der Geschichte, dass die Religion der Ort ist, wo ein Volk sich die Definition dessen gibt, was es für das Wahre hält. Diese Welt, wie sie uns erscheint, ist schön, sinnvoll und vernünftig, da sie sich dem menschlichen Denken erschließt.

Venus von Milo

Am 8. April 1820 entdeckte ein Bauer auf der Kykladeninsel Milos
diese Statue der Aphrodite, deren Arme nie gefunden wurden.
Die Skulptur befindet sich heute im Louvre.

Die olympischen Götter sind verschwunden und an ihre Stelle ist die Philosophie getreten, aber sie haben weitergelebt in der Kunst. Sie sind eines der wichtigsten Themen geblieben, auch nachdem der selbstverständliche Glaube erstorben war. Das Sinnvolle und Natürliche der olympischen Götter lag nicht nur in ihrem Eingreifen in die menschliche Welt. Schon ihre Existenz gab ein sinnvolles und natürliches Bild dieser Welt. In den Göttern deutete sich den Griechen das Dasein. Dass dieses lebendige Staunen allmählich müde wurde und starb, zeigt den Verlust jener Weisheit, die vom Grauen vor dem Unheimlichen zur Bewunderung des Göttlichen geführt hatte.

Dem stoischen Weisen (Als Stoa, gr. στοά, bezeichnet man eine der wirkungsmächtigsten Philosophien in der abendländischen Geschichte. Der Name, στο ποικίλη – bemalte Vorhalle, geht auf eine Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, zurück, in der Zenon von Kition um 300 vChr seine Lehrtätigkeit aufnahm.) ist es das Höchste, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen, und Cicero und Horaz preisen das nil admirari (Nil admirari - nichts bewundern, lautete die angebliche Antwort des Pythagoras, als ihn jemand fragte, was er durch sein Nachdenken erringe.) als das, was im Leben zu erstreben sei, um glücklich zu werden. Allmählich aber geht das verloren, was Goethe am 18. II. 1829 zu Eckermann sagte: „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Staunen.“ Und dieses war die Grundlage der griechischen Religion.

Was sind nun die Ursachen für den Verlust dieses Staunens, das so gar nichts zu tun hat mit der modernen Gier nach dem Sensationellen? In der griechischen Religion stand das Geheimnisvolle nicht im Vordergrund, es ruhte still in der Tiefe und ließ jede Betrachtung im Unaussprechlichen enden. Daraus entstand ein Weltgefühl von beispielloser Kraft, das in die Naturerfahrung völlig eingebettet sein konnte. So entwickelte sich eine Religion aus Mythen und Bildern, die nie in Begriffe gefasst werden mussten. Hinter der Klarheit der Anschauung wussten die Griechen das undeutbare Geheimnis des Seins. Es erscheint so, dass diese Religion die einzige war, die nicht mit den Sorgen und Sehnsüchten der Menschen einherging, sondern ihren Blick auf den unauflösbaren Widerspruch des Lebens gerichtet hielt, der seinen Ausdruck im majestätischen Dunkel der Tragödie zeigte. (Bocksgesang - lautet die wörtliche Bedeutung von τραγωδια, die dem Gott Dionysos geweiht war.) Ein Trost für den Menschen erschien nicht notwendig und war daher auch nicht vorhanden. Des Trosts bedarf der, der für den Verlust Ersatz verlangt. In der griechischen Religion erscheint das einmal Verlorene ganz aufgegeben zu sein, weil die Menschen die Kraft hatten, in die Notwendigkeit zu blicken. Für die gestellte Frage habe ich keine Antwort gefunden.

Giorgio Vasari, Kronos entmannt Uranos

Giorgio Vasari, Kronos entmannt Uranos

Im Anfang war das Chaos. Aus diesem entstanden Gaia, Uranos, Tartaros, Erebos und Nyx.

Gaia zeugte mit Uranos das Göttergeschlecht der zwölf Titanen.

Von diesen zeugte Kronos mit seiner Schwester Rhea die olympischen Götter Hestia, Hades, Poseidon, Hera, Zeus und Demeter. Kronos stürzte den Uranos und wurde selbst von seinem Sohn Zeus gestürzt, mit dem die Herrschaft der olympischen Götter begann. Dazu zählen noch: Ares, Hephaistos, Artemis, Apollon, Hermes, Athene und Aphrodite.



Apollon am Westgiebel des Zeustempels von Olympia

Verwendete Literatur:

G. W. F. Hegel
Vorlesungen über die Philosophie der Religion
Suhrkamp 1969

Walter F. Otto
Die Götter Griechenlands
Vittorio Klostermann 1987

Gustav Schwab
Die schönsten Sagen des klassischen Altertums
Sigbert Mohn o. J.

Bruno Snell
Die Entdeckung des Geistes
Vandenhoeck & Ruprecht 1975


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