Über die Antiquiertheit
der Religionen und des Atheismus

von Nikolaus Werle

Der ursprüngliche Titel des heutigen Moduls lautete: Existiert Gott? Wie an der Überschrift zu erkennen ist, wurde er geändert. Nach allen Überlegungen, die während dieses Semesters zum Thema Gott angestellt wurden, kann eine rationale Formulierung dieser Frage, die nur ein Ja oder Nein zulässt, keine Antwort finden, wenn man sich von ideologischen und fundamentalistischen Absichten fern hält. Ist ein solcher skeptischer Standpunkt mit dem Glauben vereinbar? Ja, und dies aus gutem Grund. Wenn es Gott gibt, dann kann dieser wohl nur ganz anders sein als ein bloßes Ergebnis menschlicher Vorstellungskraft. Religionen und ihr Widerpart, der Atheismus, maßen sich meist in rechthaberischer Manier eine Deutungshoheit an, die mit ihrem Gegenstand nicht vereinbar ist. Dieser Falle entgingen nur Mystiker und Agnostiker, indem sie aufgrund ihrer persönlichen Begabungen in Dimensionen vordringen konnten, welche den meisten Menschen verwehrt sind, oder aus intellektueller Demut – eine Eigenschaft, die den meisten Menschen fremd ist – die Frage nach Gott offen ließen.

 1. In unzugänglichem Licht

Religion hat einen undurchsichtigen, vielleicht sogar undurchlässigen, im Kult - so nennt man die feierlichen religiösen Zeremonien und Übungen - verwurzelten Kern, der sich dem daherkommenden Optimismus der Welt, alles erklären zu können, entzieht. So sehr Religion oft nur das Spiegelbild religiöser Kleingeisterei ist, so sehr kann sie Ausdruck menschlicher Sehnsucht sein, diese Welt, diese Zeit, dieses Leben überschreiten zu wollen.

Religion hat eine widerständige Eigenart, die vom Zweifel erhellt wird. Religion träumt von jener Wirklichkeit, die mit der Vernunft allein nicht erfasst werden kann.

Die wichtigste religiöse Erkenntnis über Gottes Verborgenheit besagt, dass er nicht ein an sich dunkler ist, sondern dass der in sich lichte Gott den Menschen unzugänglich und verborgen ist. Es ist, wie die Bibel sagt, die Herrlichkeit Gottes, die ihn verbirgt. Im ersten Brief an Timotheus schreibt Paulus über Gott: „der allein die Unsterblichkeit besitzt, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch zu sehen vermag...“ (1 Tim 6, 16) und begründet diese Unsichtbarkeit als Ausdruck des Übermaßes an Licht, das Gott wesentlich ist. Gott ist nach paulinischem Verständnis für den Menschen deshalb verborgen, weil die Intensität seines Lichtes unerträglich ist.

Nicht nur für die Beschreibung dieses Mysteriums, sondern auch im Bereich naturwissenschaftlicher Erkenntnis gilt: Licht ist die Ermöglichung des Lebens. Der Gott, wie Paulus ihn in seinem Hymnus des Timotheusbriefes beschreibt, ist ohne Finsternis und bringt das Leben hervor. Der im Licht seines Seins verborgene Gott bewirkt die Schöpfung. Diese Auffassung ist mehr oder weniger Judentum, Christentum und Islam gemeinsam.

 2. Kult

Erkennbar ist dieser Gott als solcher nicht. Nur aufgrund seiner religiösen Disposition eröffnet sich dem Menschen diese Verborgenheit Gottes. Dass der Mensch eine religiöse Gestimmtheit hat, die neben vielen anderen Veranlagungen zu seinem Wesen gehört, mehr oder weniger ausgeprägt sein kann, zeigt sich in der Tatsache, dass es kein Volk in der Geschichte gab, welches areligiös war. Was die Theologie Offenbarung nennt, ist nicht Entschleierung eines bisher Verborgenen, sondern Erkenntnis, dass Gott im Lichte seines Seins verborgen ist.

Aus dieser Erkenntnis der unzugänglichen Herrlichkeit Gottes ergibt sich die allen Religionen gleiche Praxis, Gott zu verherrlichen. Es gibt keine Religion ohne Kult. Doch auch in den einfachen Äußerungen eines Menschen zeigt sich die Sehnsucht, sich mit den Gegebenheiten des Lebens nicht abzufinden. Hier liegen auch die Wurzeln des religiösen Kults. Indem der Mensch sein Schicksal beklagt, stellt er sich seiner Wahrheit, gegenüber der er versagt hat oder die ihm vorenthalten wird. Wahrhaftigkeit ist eine der ehrenvollsten menschlichen Äußerungen.

 3. Homo Abyssos

Das griechische Wort αβυσσος bedeutet grundlos, unermesslich, Abgrund. In der biblischen Mythologie wird damit die Unterwelt bezeichnet.

Der Abyssos erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes. Zunächst bezeichnet ihn das letzte Buch des NT als einen Ort, dessen Schlüssel ein Engel in seinen Händen hält, und aus dem am Ende der Tage Scharen von Heuschrecken steigen, um all jene Menschen zu quälen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn tragen. Weiters wird er im gleichen Buch als Herkunftsort des Tieres bezeichnet, das aus dem Abgrund aufsteigt und die Propheten tötet, schließlich ist er der Ort, in dem der Drache, der in der Offenbarung mit dem Teufel identifiziert wird, während des tausendjährigen Reiches mit einer Kette gebunden liegt, nachdem er von einem Engel überwunden wurde.

Bei Paulus ist der Abyssos ein Totenreich, ähnlich dem griechischen Hades.

Beim Evangelisten Lukas taucht der Begriff auf als Bezeichnung für den Ort der Gefangenschaft von Dämonen und in der Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus dient er der Bezeichnung des trennenden Abgrunds zwischen den Gerechten und den Ungerechten in der jenseitigen Welt.

Nicht in diesem Sinne, sondern mit einer Akzentversetzung wird dieser Begriff hier verwendet, die ein kurzer Text von Friedrich Schiller formuliert.

Freundlos war der große Weltenmeister,
Fühlte Mangel - darum schuf er Geister,
    Selge Spiegel seiner Seligkeit! -
Fand das höchste Wesen schon kein gleiches,
Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches
    Schäumt ihm - die Unendlichkeit.

F. Schiller: Die Freundschaft (Gedichte 1776-1788),
letzte Strophe

Georg Wilhelm Friedrich
Hegel (1770 – 1831) gelangte in seinem Werk Phänomenologie des Geistes aus dem Jahre 1807 zu der Aussage: „Es ist der Schmerz, der sich als das harte Wort ausspricht, dass Gott gestorben ist.“ Und weiter schreibt er: „dass nichts gewusst wird, was nicht in der Erfahrung ist oder, wie dasselbe auch ausgedrückt wird, was nicht als gefühlte Wahrheit, als innerlich geoffenbartes Ewiges, als geglaubtes Heiliges... vorhanden ist.“ Nach Hegel bildet die vom Menschen begriffene Geschichte sowohl die Erinnerung als auch die Schädelstätte des absoluten Geistes, ohne diese wäre Gott das leblose Einsame. Hegel schließt dieses Buch mit einem Zitat von Friedrich Schillers Die Freundschaft: Fand das höchste Wesen schon kein gleiches, aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches schäumt ihm - die Unendlichkeit.

Hegels Rede von der Einsamkeit Gottes löst zwar nicht die Gottesfrage, gibt ihr aber eine neue Richtung.

 4. Fern von Wohlfühlreligion und Hominisierung

Wer nach Gott fragt, der gerät an den absoluten Gott, vor dem man nur entsetzt und voller Grauen fliehen kann. Alles andere ist Verharmlosung und Behübschung.

Wie im Triptychon des Hieronymus Bosch, Das Jüngste Gericht und die sieben Todsünden, zu sehen ist, gibt es einen, allerdings entscheidenden, Zusammenhang zwischen Gott und dem Bösen. Noch vor der Erschaffung der Welt – so erzählt es dieser alte Mythos – wurde das Böse durch den Gott am nächsten Stehenden, Luzifer, hervorgebracht. so gelangte das Böse ins Paradies und in die Menschenwelt. Der Satz „Gott ist Liebe“ überstrahlt die dunkle Tatsache, dass Gott auch im Bösen am Werk ist. Der gerechte Hiob ist ein beredtes Beispiel dafür, denn er versuchte ein guter Mensch zu sein, doch Gott lässt es ausdrücklich zu, dass er von niederdrückenden Schicksalsschlägen getroffen wird. „Da tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte den Tag seiner Geburt.“ (Hiob 3, 1)

Wahre Religion steht nicht für Werte, sondern für dunkle Wahrheit. Dass sich aus der Wahrheit Werte ergeben, ist ebenso selbstverständlich wie sekundär.

Den Abschluss dieser kleinen Erwägung soll daher ein Vers aus dem Matthäusevangelium – 5, 48 – bilden: Ihr sollt also vollkommen sein, denn auch euer himmlischer Vater ist vollkommen. Für den Menschen, der sein Leben ernst nimmt, gibt es dazu keine Alternative. Die Gerechtigkeit wird zum bestimmenden Lebensfaktor. So hat der Gerechte Ruhe in seinem Tun und er sucht auch keinen Lohn. Das ethische Handeln des Gerechten hat seinen Wert in sich selbst. Diese christlichen Grundwahrheiten scheinen heute niemanden mehr zu beeindrucken. Dass Religion im gegenwärtigen Europa eine sehr geringe Rolle spielt, hat mehrere Ursachen. Zwei scheinen von besonderer Wichtigkeit zu sein:
° Religiöse Institutionen degenerieren und verkümmern (Das lateinische Verbum degenerare bedeutet ausarten.) vielfach zu Wohlfühleinrichtungen. Religion wird nicht mehr als unergründliche Andersartigkeit verstanden, sondern als Bestätigung dessen, was der Zeitgeist als Menschlichkeit definiert. So verliert Religion ihre jahrtausendelange Kompetenz, den Menschen existenziell zu beunruhigen, ihm einen Spiegel vorzuhalten, ihn dazu anzuleiten, das eigene Leben zu ändern und im Prinzipiellen Halt zu gewinnen.
° Religionen neigen dazu, in einen dogmatischen Trotz zu verfallen. Etwas, was man einmal für richtig hielt, wird als ewige Wahrheit durch die Jahrhunderte gezerrt. Dies ist einerseits in geistiger Trägheit begründet, andererseits erfährt dadurch das menschliche Bestreben, irgendwo einen Halt zu finden, seinen Ausdruck. Die meisten Menschen können und wollen mit einer grundlegenden Unsicherheit nicht leben und klammern sich an die unumstößlich erscheinenden Prinzipien der Religion. So kann es passieren, dass Religion zur Ideologie herabsinkt, die menschliches Wohlbefinden fördert oder mit Gewaltexzessen von sich reden macht. So wäre Religion im Menschsein, was immer das ist, aufgelöst.

 5. Statt eines Schlusses

Rainer Maria Rilke: Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig, 1904

„In dem Stück Venedig, von dem ich erzähle, sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man dort vernimmt, sind wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein wallender Qualm über den Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich viel scheues Gesindel dort herum, unzählige Kinder haben ihre Heimat auf den Plätzen und in den engen kalten Haustüren und spielen mit den Scherben und Abfällen von buntem Glasfluß, demselben, aus dem die Meister die ernsten Mosaiken von San Marco fügten.

Ein Adeliger kommt selten in das Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum Brunnen kommen, kann man manchmal eine Gestalt, schwarz, im Mantel und mit Maske bemerken. Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, dass diese Gestalt einen Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet, dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn des Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß, er wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn es einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech ein, dem reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von den Söhnen und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther, erwartet ihn, an den greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen, dunklen Gemach, in welchem vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt hängt sanft über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen Flammen zu stillen.

Hier sitzt Marcantonio auf einem silbergestickten Kissen, dem greisen Juden zu Füßen, und erzählt von Venedig, wie von einem Märchen, das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er erzählt von den Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres, von fremden Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter Catharina Minelli. Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene Ausdrücke für Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles fremd; denn die Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch der reiche Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er, als Goldschmied, und weil er allgemeine Achtung genoss, es hätte wagen dürfen. In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn alle wie einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft, aber er hatte auch immer wieder den Rückschlag erlebt. So oft ein Unheil über den Staat hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer selbst waren von viel zu verwandtem Geiste, als dass sie, wie andere Völker, die Juden für den Handel gebraucht hätten, sie quälten sie mit Abgaben, beraubten sie ihrer Güter, und beschränkten immer mehr das Gebiet des Ghetto, so dass die Familien, die sich mitten in aller Not fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines auf das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am Meere lag, wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, und um den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen Gebäude, wie die Wände irgend eines Riesenturms.

Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag gemacht. Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser, die sich in zahllosen Stockwerken über einander schoben, bewohnen. Man erfüllte ihm diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin nicht mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte Steine auf, dass der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So siedelte der Greis zwei bis dreimal im Jahre um und Esther, die ihn nicht verlassen wollte, immer mit ihm. Schließlich waren sie so hoch, dass, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache Dach traten, in der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann, von dessen Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es war jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über die Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen Hindernisse beschränkten jeden Verkehr.

Auch Marcantonio kam nicht mehr zu Besuch, und Esther vermisste ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden, da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und lange angeschaut, dass ihr schien, er wäre damals tief in ihre dunklen Augen gestürzt und gestorben, und jetzt begänne in ihr selbst sein neues, ewiges Leben, an das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem neuen Gefühl in ihrem jungen Leib, stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das Meer. Aber, so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den Giebel des Palazzo Foscari, irgend einen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine fernere Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken, Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.

Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine neue Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder über den Platz ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn und neigten sich über seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat in vielen Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe steigt, weil irgend eine Zeit sich erfüllt hat. Und so schien es auch. Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand sei, der Adel sei in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen und alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte antwortete nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel seine neue Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf.

Oben bekam Esther ein blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte, trug sie es auf den Armen hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal den ganzen goldenen Himmel in seine offenen Augen. Es war ein Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten fast ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich, wie auf große Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann über die goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner vom Ghetto aus je gesehen hatte, – ein stilles, silbernes Licht: das Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt hatten, bemerkte sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er erhob sich mit ausgebreiteten Armen und zwang seine matten Augen in den Tag zu schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme blieben hoch, seine Stirne trug einen strahlenden Gedanken; es war, als ob er opferte. Dann ließ er sich immer wieder vornüberfallen und preßte den alten Kopf an die schlechten kantigen Steine. Das Volk aber stand unten auf dem Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne Gebärden und Worte erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu dem einsam betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten wie in den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs Neue in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den Ewigen, in seiner Glorie?“

Diese Frage wird von Rainer M. Rilke nicht beantwortet. Daran anknüpfend soll auch die Hauptfrage dieses Kurses Exisitiert Gott? nicht beantwortet werden. Nicht zuletzt aus Hochachtung gegenüber allen Menschen, die zur Gottesfrage für sich selbst einen eigenen Weg gefunden haben...



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