Raffaello Sanzio (1483 – 1520): Die Schule von Athen, 1509, Vatikan

Averroes

Averroës (Abū l Walīd Muḥammad b. Aḥmad b. Muḥammad b. Rušd, arabisch: ‏أبو الوليد محمد بن أحمد بن محمد بن رشد‎) wurde 1126 in Cordoba geboren und starb am 10. Dezember 1198 in Marrakesch.

Averroes erfreute sich anfangs als Richter und als Leibarzt des Fürsten in Cordoba höchsten Ansehens, wurde aber wegen seiner Verehrung für Aristoteles nach Afrika verbannt. Er sah in Aristoteles den Gipfel menschlicher Vollkommenheit und den Vollender der Wissenschaft. Er wollte keine eigene Philosophie entwickeln, sondern den großen Aristoteles seinen Zeitgenossen bekannt machen. Er verfasste deshalb Erklärungen zu Aristoteles, die man in drei Gruppen einteilen kann:

° Kurze Anmerkungen
° Kleine Erläuterungen
° Umfangreiche Kommentare

Ibn Ruschd beantwortete die drei großen Fragen seiner Zeit gemäß seinem Verständnis des Aristoteles folgendermaßen:

° Die Welt ist ewig, da die Materie als reine Möglichkeit immer bestanden haben muss und Form nie ohne Materie existieren kann.

° Wunder sind unmöglich, da willkürliche Taten Gottes mit den auf Gott zurückgehenden Naturgesetzen nicht vereinbar sind.

° Die Seele des Menschen ist nicht unsterblich, da sie an das Gehirn gebunden ist und mit diesem auch zugrunde geht. Unsterblich ist nur die Vernunft, die alle Menschen zum Denken anregt. Alle Menschen haben zusammen nur eine Seele, daher kann von einer persönlichen Unsterblichkeit keine Rede sein.

Averroes wollte sowohl dem Aristoteles als auch dem Koran die Treue halten. Er suchte die Widersprüche so zu lösen, dass er im Koran einen doppelten Sinn postulierte, einen Wortsinn für die Ungebildeten und einen Bildsinn für die Gebildeten. Philosophie und Religion lehrten für ihn die gleiche Wahrheit, bloß auf verschiedenen Wegen, er glaubte an die Vereinbarkeit von Philosophie und Islam.

Die eine Wahrheit

Es existiert nur eine Wahrheit, und es obliegt dem Menschen, diese einzige Wahrheit zu bejahen. Da aber die individuellen Begabungen variieren, gibt es auch verschiedene Wege, die es den Menschen ermöglichen, ihre Zustimmung zur Wahrheit zu geben:

° Der rhetorische Weg wird durch die Religion erschlossen und steht allen offen.
° Der dialektische Weg steht jenen offen, die die Wahrheiten des göttlichen Gesetzes erforschen.
° Der philosophische Weg – der Weg des reinen Denkens – steht wenigen offen, nämlich denen, welche die Wahrheit in abstrakter und klarer Begrifflichkeit und nicht nur in gefühlsmäßig erfassbarer und symbolischer Ausdrucksform zu begreifen vermögen.


Averroes, Detail eines Freskos von Andrea Bonaiuti in der Kirche
Santa Maria Novella in Florenz, 1366 – 1367

Diese verschiedenen Wege stehen in keinem Widerspruch zueinander. Das philosophische Denken beweise im Grunde dasselbe, was die geoffenbarte Religion in ihrer Bildsprache dem einfachen Volk zu verstehen gibt. Die Gelehrten dürfen ihr Wissen nicht verbreiten und unter das Volk bringen. Im islamischen Staat ist es die Pflicht des Herrschers, darüber zu wachen, dass die Schriften der Philosophen nicht in die Hände des gewöhnliches Volkes gelangen. Das geoffenbarte Gesetz, das auch die Philosophen nicht ignorieren können, enthält Fingerzeige auf philosophische Wahrheiten, die nur von ihnen allein verstanden werden können.

Averroes verstand Wissen als das streng methodisch erzeugte Aufblitzen des Lichts des Allgemeinen und Ewigen in einem irdischen Prozess. Der Geist stellt den eigentlichen Menschen dar, die Individualität hängt vom Körper ab.

Averroes verstand Gott als reines Denken und dieses enthalte Vielheit. Daher sei jedes menschliche Verstehen-wollen Gottes nur ein klägliches Herantasten an das Unfassbare.


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1) Aristotle's 'Metaphysics' With The Commentary Of Averroes, And 'Ethics' 1275 (British Library)
2) Aristotelis opera cum Averrois commentariis. Volume 1 Junctas (Venitiis) 1562 (Bibl. Nationale de France)
3) Decimum volumen Averrois cordubensis colliget libri VII. Cantica item Avicennae cum eiusdem Averrois commentariis [s.n.] 1574 (Bibl. Nationale de France)
4) Averroes: Über den Intellekt. Auszüge aus seinen drei Kommentaren zu Aristoteles' De Anima, Freiburg:Herder 2008.

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