Caligula, Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen

Die Arroganz der Macht

Der römische Kaiser Caligula (37 – 41) war aus einem besonderen Grund gegen die Juden erbittert. Er hatte nämlich die Idee gefasst, sich als Gott in einer kolossalen Statue im Allerheiligsten des Tempels zu Jerusalem aufstellen zu lassen, da er vernommen, dass die jüdische Nation die einzige des Erdkreises sei, welche sich weigere, ihm göttliche Ehre zuzusprechen. Er gab Pretonius, dem Statthalter von Phönizien, den Befehl, seine Statue aufzustellen. Da zog, wie Josephus und Philo erzählen, ganz Judäa nach Phönizien, Greise, Männer, Weiber und Kinder; gleich einer Wolke bedeckten sie Phönizien, und so groß war ihr Wehgeheul, dass selbst, als es still geworden, das Echo noch die Luft durchtönte. Sie warfen sich vor Petronius auf die Knie und beschworen ihn, sie alle zu ermorden, waffenlos, wie sie seien; aber sie würden es nimmer dulden, dass man das Heiligtum Gottes schände. Diese Szene ist eine der großartigsten Volkstragödien, die je erlebt worden sind, und dieser moralische Widerstand gegen Caligula einer der staunenswürdigsten Züge in der Geschichte der jüdischen Nation, welcher sie mehr verherrlicht als die größten Taten Davids und Salomons. Petronius war erschüttert, er schrieb abmahnend an Caligula; und nun kam auch des Kaisers Jugendfreund, jener König Agrippa, nach Rom, der für sein Volk bittend eintrat. Philo erzählt, sein Entsetzen über die tempelschänderische Zumutung Caligulas sei so groß gewesen, dass er ohnmächtig fortgetragen ward und in eine lebensgefährliche Krankheit verfiel; er lässt ihn endlich einen meisterhaften Brief schreiben, infolgedessen dieser Herrscher, dem die ganze Welt Tempel, Altäre und Statuen weihte, von seinen Gelüsten abstand, sein Bild im Heiligtum zu Jerusalem aufzurichten.

Aus: Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, C. H. Beck, 1997 (erstveröffentlicht 1856)

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