Konstantin Grußmann: Meereshorizont, 2009

Konstantin Grußmann: Meereshorizont, 2009

Über den Horizont hinaus...

von Nikolaus Werle

Thema dieser Veranstaltung ist Gott. Jeder hat von Gott eine bestimmte Vorstellung, auch wenn er ein Atheist ist. Das griechische Wort Thema bedeutet „das Gesetzte“, also das, was den allgemeinen Vorstellungen entspricht. Mit allen Abweichungen und Besonderheiten gibt es etwas, was allen diesen Vorstellungen gemeinsam ist.

Hier geht es aber nicht um abgedroschene Themen, sondern um Ρημα (Dieses griechische Wort bedeutet Lehre Sache), also um die Sache selbst. Es interessiert uns also nicht, ob Gott in der Öffentlichkeit, die meist eine belanglose ist, Thema ist, sondern die Sache selbst, nicht das Geschwätz über ihn, sondern die Substanz der wichtigsten Lehren, die sich mit Gott befassen.

 Anmerkungen zur Geschichte des Horizontbegriffs

Das griechische Verbum οριζειν bedeutet begrenzen, bestimmen, definieren. Ορος nannte man die vermeintliche Grenzlinie zwischen Himmel und Erde. Aber man verwendete den Begriff auch, um das Menschsein tiefer zu erfassen. Den Menschen betrachtete man als Grenze der sterblichen und unsterblichen Natur, denn er habe an jeder der beiden seinen Anteil. Der Mensch sei zugleich sterblich und unsterblich geboren, sterblich dem Leibe nach, der Vernunft nach unsterblich. Die menschliche Seele habe zwar einen Anfang, aber kein Ende. Auf diesen Horizont der Sterblichkeit und Unsterblichkeit gestellt, hat der Mensch die Wahl zwischen Entfremdung und Vergöttlichung. Allem Anschein nach war Thomas von Aquin (1225 - 1274) derjenige, der dem Begriff eine grundsätzlich neue – modern formuliert: anthropologische – Bedeutung gab. Nicht mehr nur die menschliche Seele, sondern der Mensch als Ganzer wird jetzt als Horizont begriffen: Da der Mensch aus geistiger und körperlicher Natur besteht, hat er gewissermaßen die Grenze beider Naturen inne. Diese Auslegung des Menschen, die streng genommen seine Sonderstellung gegenüber allem anderen ausspricht, gegenüber der reinen Vernunft nicht weniger als gegenüber dem Tier, dient Thomas von Aquin als Ausgangspunkt für eine umfassende Sinndeutung des menschlichen Daseins – im Menschen kommt die Schöpfung zu sich, in ihm sind alle Vollkommenheiten quodammodo aggregata.

Transzendent und transzendental sind die Bezeichnungen für zwei verwandte, aber doch sehr verschiedene Begriffe. Beide kommen vom lateinischen Zeitwort transcendere, das "überschreiten" bedeutet. Das Transzendente ist dasjenige, was unsere Erfahrung überschreitet, man sucht also das Wesen der Dinge, die Dinge an sich zu erfassen, was uns immer nur hypothetisch möglich ist. Kant bezeichnete als transzendent daher dasjenige, von dem wir nicht einmal den Begriff hinreichend bestimmen können, weil ungewiss sei, ob ihm irgendein Gegenstand in der Welt entspreche. Dazu rechnet er Aussagen über das Wesen der Seele, der Welt, Gottes usf. Hierher würden also alle metaphysischen und spekulativen Lehren zu rechnen sein.

Ganz etwas anderes bedeutet transzendental. Kant bezeichnet als transzendental alle Erkenntnis a priori, die sich nicht mit den Dingen selbst, sondern mit der Erkenntnis derselben, sofern sie a priori möglich sein soll, beschäftigt.

In einem sehr weiten Sinn geht die Verwendung des Horizontbegriffs aus dem Ansatz Immanuel Kants (1724 - 1804) hervor. Er charakterisierte ihn als der transzendentalen Verfassung des menschlichen In-der-Welt-Seins zugehörig.

Martin Heidegger (1889 - 1976) wies darauf hin, dass das, was den Horizont das sein lässt, was er ist, noch keineswegs vom Menschen erfahren wird. Als denkende Wesen halten wir uns zwar im Horizont der Transzendenz auf, er ist aber bloß die unserem Vorstellen zugekehrte Seite.

So ahnen wir, dass in diesem Begriff des Horizonts so viel an menschlicher Erfahrung gesammelt ist, dass die Philosophie schlecht beraten wäre, ihn achtlos beiseite zu schieben. Seine Wirkungsgeschichte spricht dafür, dass der Mensch über Jahrhunderte hinweg sich in ihm wiederzuerkennen glaubte. Vielleicht spiegelte sich dabei zugleich in der Rätselhaftigkeit des Begriffs die Rätselhaftigkeit des menschlichen Daseins. Das durch die Entwicklungslehre und manche andere Faktoren veränderte Weltbild der Gegenwart setzt zwar entscheidende neue Akzente, lässt aber den Kern der ursprünglichen Bedeutung unberührt.

 Die Entdeckung des Göttlichen aus der Fragwürdigkeit des Daseins

Warum gab es kein Volk, das sich keine Gedanken über Gott, verstanden im weitesten Sinn dieses Begriffs, machte? In diesem Kurs wollen wir uns nicht mit den schnellen Antworten gewisser Welterklärer begnügen, die sich für modern halten und die das Göttliche bloß als Ausdruck einer sich selbst nicht bewussten, in der Natur versunkenen Menschheit betrachten, und meinen, dass der heutige Mensch diese Entwicklungsstufe längst überwunden habe und Religion so etwas wie eine geistige Krankheit darstelle...

Wir wissen nicht, was die Steinzeitmenschen bewegte. Warum sie vor siebzehntausend Jahren in den Höhlen von Altamira großartige Bilder hinterließen, auf denen Pferde, Hirschkühe, zum größten Teil aber Bisons, die in der Eiszeit in diesen Breiten gelebt haben, zu finden sind. Daneben gibt es abstrakte Zeichen, die zu deuten bis jetzt niemandem gelungen ist. Manche Darstellungen sind graviert, andere einfarbig in rotem Ocker oder in Schwarz gemalt. Die meisten Bisons jedoch wurden in meisterhaften Abstufungen von verschiedenen Ockertönen und Schwarz zu plastischer Wirkung modelliert.

Die Höhle befindet sich 30 km westlich von Santander und umfasst etwa 5500 m². Sie gehört zum UNESCO-Welterbe.

Wir wissen nicht, warum vor mehr als dreitausend Jahren in Griechenland jene Prozesse stattfanden, die ich als Entdeckung des Geistes bezeichnen möchte. Dies ist natürlich in einem anderen Sinn zu verstehen, als wenn wir sagen, Kolumbus habe Amerika entdeckt. Amerika existierte auch vor der Entdeckung durch Europäer, der europäische Geist aber ist erst geworden, indem er entdeckt wurde. Diese Entdeckung liegt uns in der Geschichte der griechischen Dichtung und Philosophie von Homer (wahrscheinlich zwischen 1000 und 800 vChr) an vor Augen. Die Dichtungen des Epos, der Lyrik, des Dramas, die Versuche, die Natur und das Wesen des Menschen rational zu begreifen, sind die Etappen auf diesem Weg. Wenn hier von Entdeckung gesprochen wird, ist dies natürlich metaphorisch gemeint, aber anders können wir von dem, was wir mit Geist bezeichnen, nicht reden.

Für Europa wurden zwei Kennzeichen des Religiösen maßgeblich. Einerseits die Heiligkeitserfahrung und das Erbeben der Seele durch das Göttliche, verbunden mit sittlichem Ernst, wie die biblischen Hauptfiguren, Moses und die Propheten, dies repräsentierten. Andrerseits aber tritt in der griechischen Religion ein Abstand zwischen dem Menschen und den Göttern auf, der zeigt, dass diese Götter weit davon entfernt sind, den Menschen zu erlösen und zu sich hinaufzuziehen. Beinahe grausam klingt es, wenn Homer die Musen beim himmlischen Götterfest zur Unterhaltung der Unsterblichen von der Herrlichkeit und den Leiden der Menschen singen lässt.

Wäre es nicht paradox, wenn in dieser griechischen Welt, in welcher der Geist eine so große Rolle zu spielen begann, die Vorstellung von den Göttern eine so einfache gewesen wäre? Dies wäre tatsächlich ein merkwürdiger Widerspruch. Daher ist es unsere Aufgabe, diesen scheinbaren zu erkennen und den reichen Schatz antiker Welt- und Selbsterfahrung zu ergründen.



Das Erechtheion auf der Akropolis in Athen ist ein Tempel im ionischen Baustil, der Ende des 5. Jahrhunderts vChr errichtet wurde.

 Die Lesbarkeit der Welt

In Anlehnung an ein Wort von Walter Benjamin (1892 - 1940) sei auf eine besondere Eigenschaft der Religion hingewiesen, die gleichzeitig ihre wichtigste Aufgabe ist, nämlich eine Nachfrage zu erzeugen, für deren Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.

Allen Religionen ist die Hoffnung gemeinsam, dass Gott nicht die Wünsche der Menschen, sondern seine Verheißungen erfüllt. Und sie hoffen auf Erlösung und erwarten nicht, dass sich das Leben im Dunkel weiterbewegt. Denn für sie gibt es eine Lesbarkeit der Welt, die auf das Göttliche selbst zurückgeht und darauf hinausläuft.

So kann man zusammenfassend sagen, dass die Religionen einerseits einen Horizont des menschlichen Lebens erkennen und deuten, aber andrerseits auch lehren, dass dasjenige, das diesen Horizont trägt, dem Menschen unerkennbar bleibt. Das Göttliche ist dem menschlichen Erforschungsstreben entzogen, denn wir wissen vernunftmäßig über es heute nicht mehr als die Griechen vor dreitausend Jahren.

Religionen sind einerseits Kritiker der Vernunft, andrerseits zugleich Täter und Opfer der Ideologien. Die zweite Variante wollen wir in diesem Kurs vermeiden und Überraschungen unserer Erkenntnisfähigkeit, die das scheinbar feste Gefüge der Vernunft durchbrechen, erfreut und vorsichtig aufnehmen.



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