Gottesbilder

von Nikolaus Werle


Das Dilemma

Der griechische Philosoph Xenophanes (ca 570 – 470) wies darauf hin, dass Gott pferdeähnlich aussähe, würde ein Pferd zeichnen können. Und hätte ein Löwe Hände wie ein Mensch, würde Gott einem Löwen gleichen.

„Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.“
(Ex 20, 4-6) Dies ist die Urfassung des zweiten der Zehn Gebote.


Heute sprechen auch einfache Gläubige davon, dass Gott immer anders ist, als sich ihn die Menschen vorstellen. Die Bilder sind untaugliche Hilfskonstrukte, sie sind teilweise so plump, dass jeder halbwegs intelligente und gebildete Mensch erkennt, dass Sehnsucht und Phantasie der Menschen das Gottesbild bestimmen.

Viele protestantische Kirchen haben dieses Dilemma erkannt und die Bilder aus den Kirchen verbannt, in der Hoffnung, sie auch aus den Köpfen der Gläubigen verbannen zu können. Doch das ist ein sinnloses Unterfangen, denn es missachtet die menschliche Natur.

Denn der Mensch ist gezwungen, sich Bilder zu machen. Ohne Bilder kann er nicht denken. Wir müssen in Bildern denken, um etwas zu begreifen und in unser Bewusstsein aufnehmen zu können. Analogien und Vergleiche sind die wichtigsten Instrumente unseres Lernens. Als Kinder können wir nur durch Beobachten und Vergleichen die Welt erfassen und ihre Ereignisse einordnen.

Somit geraten Gläubige in eine Falle, wenn sie versuchen, sich kein Gottesbild zu machen. Wer Gott denkt, macht sich ein Bild von ihm. Wem es gelingt, kein Bild von Gott zu machen, verdrängt ihn aus seinem Bewusstsein.

Gott ist für den Menschen unsichtbar. Also kann sich der Mensch kein Bild von ihm machen. Was für uns unsichtbar und unfassbar ist, entzieht sich unserer Vorstellung von der Wirklichkeit. Somit gibt es ähnlich viele Gottesbilder, wie es Gläubige gibt.







Die Arroganz der Macht




Auszug aus einem „Spiegel“-Gespräch mit Max Horkheimer über die Zukunft der Religion

William Blake: A Divine Image

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