Harmonien & Dissonanzen

von Nikolaus Werle

Dass die Musik mehr ist als ein Schallereignis, wissen Menschen spätestens seit Pythagoras (570 – 510). Johannes Kepler (1571 – 1630) meinte in der Musik die gleichen Gesetze zu erkennen wie im Aufbau des Universums, und interpretierte sie als Werk Gottes, des Schöpfers.

Musik zeigt sich aber nicht nur als Ausdruck einer letzten, auf Gott beruhenden Harmonie. Im Rhythmus eines Textes können sich nämlich auch eindrucksvoll jene Aussagen der Dichtkunst zeigen, welche das Gegenteil einer Harmonie als conditio humana enthüllen. Andreas Gryphius hämmert unerbittlich seine Sicht der Dinge dem Leser ins Ohr, denn der Rhythmus seines Textes verstärkt seine Aussage bis zum Verstummen etwaiger Widersprüche.

Bilder können ihre Aussagekraft durch eine musikalische Spiegelung vervielfachen. Daher gehört seit den Stummfilmzeiten Musik fast untrennbar zur Filmkunst. Kann man heute Also sprach Zarathustra von Richard Strauß eigentlich noch hören, ohne dabei an Stanley Kubricks Meisterwerk zu denken?

Dass der Nase rümpfende bürgerliche Ergriffenheitskulturbetrieb der Popmusik ablehnend gegenübersteht, zeigt nur die Beschränktheit des Erstarrten. Denn Popmusik hat mindestens zwei Gesichter: Das auf Schritt und Tritt ertönende Gedudel einer zur Hintergrundbeschallung degradierten Wohlfühlharmonie der Konsumwelt und die prägnanten Kreationen einer präzise analysierenden Gegenwartsbetrachtung.

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Johannes Kepler legte in seinem Buch Harmonices Mundi aus dem Jahre 1619 seine Gedanken über den Aufbau der Welt dar.

Er fasste es geradezu als Pflicht auf, „in behutsamer Weise nach den Zahlen, Maßen und Gewichten zu forschen, nach deren Norm Gott alles geschaffen hat“, also nach den „Harmonien“. Er bewegte sich dabei auf drei Gebieten, der Geometrie, der Astronomie und der Musik.

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Andreas Gryphius (1616 – 1664) beharrt vehement darauf, dass das Leben ein einziger großer Irrtum sei. Die starke Eingangsformel Ihr irrt, indem ihr lebt; wird im Gedicht unbarmherzig mit allen Tätigkeiten des Lebens verbunden – schlafen und wachen, trauern und lachen. Denn das Tun des Menschen beruht auf Trugschlüssen und falschen Einschätzungen. So errichtet Andreas Gryphius der Sterblichkeit einen Tempel, weil der Tod die große Erlösung ist:

Vberschrifft an dem Tempel der Sterbligkeit
aus A. Gryphii Meletomenus Ersten Buch

Ihr irrt, indem ihr lebt; die ganz verschränkte Bahn
Läßt keinen richtig gehn. Dies, was ihr wünscht zu finden,
Ist Irrtum; Irrtum ist’s, der euch den Sinn kann binden.
Was euer Herz ansteckt, ist nur ein falscher Wahn.

Schaut, Arme, was ihr sucht! Warum so viel getan?
Um dies, was Fleisch und Schweiß und Blut und Gut und Sünden
Und Fall und Weh nicht hält? Wie plötzlich muß verschwinden,
Was diesen, der es hat, setzt in des Todes Kahn.

Ihr irrt, indem ihr schlaft, ihr irrt, indem ihr wachet,
Ihr irrt, indem ihr traurt, ihr irrt, indem ihr lachet,
Indem ihr dies verhöhnt und das für köstlich acht’,

Indem ihr Freund als Feind und Feind als Freunde setzet,
Indem ihr Lust verwerft und Weh vor Wollust schätzet,
Bis der gefundne Tod euch frei vom Irren macht.

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Stanley Kubrick (1928 – 1999): 2001 Odyssee im Weltraum, 1968

Zum Inhalt des Films:
2001 Odyssee im Weltraum ist eine grandiose Menschheitsgeschichte vom Vorabend der Menschheit bis zu metaphysischen Welten „jenseits des Unendlichen“. Der Film interpretiert die Geschichte vom Sündenfall unter dem Baum der Erkenntnis, der zum Verstoß aus dem Paradies führt, bis zur Entdeckung von Werkzeugen, die sich als Fluch erweist, und einer verhängnisvollen Entwicklung in die Zukunft, die als einzige Lösung das Abschalten der Computer übrig lässt.

2001 Starchild
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