Zum Schluss Oberon

von Nikolaus Werle

Der originelle Philosoph meditiert über Realitäten, der Epigone über Begriffe. Die Erläuterung von Begriffen und Epochen war wohl das zentrale Betätigungsfeld dieses Moduls. Welche Schlüsse für die je eigene Realität zu ziehen sind, verbleibt aber bei der Originalität jedes Einzelnen.

Die wichtigsten Ergebnisse fasse ich so zusammen: Die Religion ist weder eine Schlussfolgerung aus Vernunftgründen, noch Erfordernis der Ethik, noch Stadium der Irrationalität, noch Instinkt, noch soziales Produkt. Die Religion ist wohl eines der merkwürdigsten menschlichen Phänomene. Sie ist des Menschen Beunruhigung, der Hafen seiner Trostlosigkeit, die Gefährdung seines Hochmuts und eine Begründung seiner Opferbereitschaft.

Die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Begriffen der Religionsphilosophie und nicht zuletzt auch mit den Biographien einiger Sucher Gottes und deren Antipoden sollte die Fähigkeit unterstützen, einen eigenen Standpunkt zu erreichen. Manchmal meint man, eine solide Grundlage seines Denkens geschaffen zu haben und fühlt sich glücklich und erhaben.

Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: schaut!
Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:
So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein.

So heißt es in Shakespeares Sommernachtstraum und diese Zeilen fassen auch das Ergebnis dieses Moduls zusammen: Wir haben zwar einiges gelernt, aber am Schluss wissen wir nichts.



Georg Baselitz (*1938): Oberon, 1963–1964, Städel Museum, Frankfurt am Main

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