Sündenkataloge als Spiegel menschlichen Versagens

von Nikolaus Werle

Was bedeutet Schuld?

(griech. μαρτία bzw. μάρτημα, φείλημα; lat. culpa, peccatum; engl. sin; frz. péché; ital. peccato)

Lucys Sicht des Problems ist nicht unzutreffend, bedarf aber einer Erweiterung. Die philosophische Problematik dieses Begriffs liegt in seiner Mehrdeutigkeit. Er kann einerseits das Geschuldete, das Gesollte bezeichnen, andrerseits das Verschuldete im Sinne von Verursachung und Verantwortung oder aber – und nur dieser Aspekt interessiert uns hier – im Sinne der Verfehlung eines als normativ begriffenen Handlungsziels.

Die früheste, in Homers Ilias fassbare, Bedeutung des Verbums μαρτάνειν ist das Ziel mit dem Speer verfehlen, nicht treffen. In der Odyssee finden wir daneben die Bedeutungen die rechten Worte verfehlen und etwas vergessen im Sinne intellektueller Fehlleistungen. Schließlich kann auch das Verfehlen, die Übertretung eines kultischen Gebots oder allgemein der von den Göttern geschützten Ordnung gemeint sein. Dann spricht man vom Frevel, wobei es jedoch nur auf die Übertretung ankommt, nicht auf die Absichtlichkeit oder Unabsichtlichkeit.

Der entscheidende Schritt von der faktizistischen zur voluntaristischen Auffassung von Schuld erfolgte mit der attischen Tragödie, wenn auch die ältere Sichtweise stets präsent blieb. Dies vollzog sich im fünften Jahrhundert vChr besonders deutlich sichtbar in den Dramen des Aischylos, des Sophokles und des Euripides. Den Höhepunkt dieser schuldlosen Schuld und gleichzeitig ihre Überwindung findet diese im Ödipusstoff.

Die sogenannte thebanische Trilogie des Sophokles (Antigone, König Ödipus, Ödipus auf Kolonos) schildert ein Orakel, das dem König Laios von Theben verkündet, wenn ihm ein Sohn geboren würde, werde dieser seinen Vater töten und seine eigene Mutter Iokaste heiraten. Bei der Geburt ihres Sohnes Ödipus beschließt Iokaste, dem vom Orakel vorausgesagten Schicksal dadurch zu entkommen, dass sie das Kind tötet. Sie übergibt Ödipus an einen Hirten, der es im Wald mit zusammengebundenen Füßen aussetzen soll, so dass es umkommen muss. Aber der Hirte hat Mitleid mit dem Kind und übergibt es einem Mann, der in den Diensten des Königs von Korinth steht und der es zu seinem Herrn bringt. Der König nimmt den Knaben wie sein eigenes Kind auf und der kleine Prinz wächst in Korinth heran, ohne zu wissen, dass er nicht der echte Sohn des Königs von Korinth ist. Das Orakel von Delphi verkündet ihm, es sei sein Schicksal, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Er beschließt, diesem Schicksal dadurch zu entgehen, dass er nie wieder zu seinen vermeintlichen Eltern zurückkehrt. Auf dem Rückweg von Delphi gerät er in einen heftigen Streit mit einem auf seinem Wagen fahrenden Mann. Ödipus verliert die Selbstbeherrschung und tötet diesen Mann, ohne zu wissen, dass er seinen Vater, den König von Theben, erschlagen hat. Auf seiner Wanderschaft gelangt er nach Theben. Dort verschlingt die Sphinx die jungen Männer und Jungfrauen der Stadt und will erst damit aufhören, wenn sich jemand findet, der die richtige Antwort auf ihr Rätsel weiß. Die Stadt Theben hat versprochen, den, der das Rätsel lösen und so die Stadt von der Sphinx befreien könne, zum König zu machen und ihm die Witwe des Königs zur Gemahlin zu geben. Ödipus unternimmt das Wagnis. Er findet die Antwort auf das Rätsel. Die Sphinx stürzt sich ins Meer, die Stadt ist von ihr befreit. Ödipus wird König und heiratet, ohne dies zu wissen, seine Mutter Iokaste. Nachdem Ödipus eine Zeit lang glücklich regiert hat, wird die Stadt von der Pest heimgesucht, der viele Bürger zum Opfer fallen. Der Seher Teiresias enthüllt, dass die Pest die Strafe für das von Ödipus begangene zweifache Verbrechen ist, den Vatermord und den Inzest. Ödipus versucht zunächst verzweifelt, die Wahrheit nicht zu sehen. Als er sich gezwungen sieht, sie zu erkennen, blendet er sich selbst und Iokaste begeht Selbstmord. Der Kern der Tragödie besteht darin, dass Ödipus die Strafe für ein Verbrechen erleidet, das er unwissentlich und trotz seiner bewussten Bemühungen es zu vermeiden, beging.

Die biblischen Interpretationen menschlicher Schuld gehen über das verhängnisvolle Schicksal weit hinaus, obwohl auch diese Elemente im AT deutlich erkennbar sind. Das NT lässt das Gesetz in der Liebe aufgehen. Das Gesetz wird im Liebesgebot aufgehoben. Auf diesem Hintergrund ist das Konzept der Todsünden zu sehen.

Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen durch einen schweren Verstoß gegen Gott. In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor. Die Todsünde zersetzt in uns das Lebensprinzip und die Liebe. So kann man sagen, dass die Todsünden durch Lieblosigkeiten zum Tod der Liebe führen.

Die wichtigsten Sündenkataloge

Als Sünde bezeichnet man eine religiöse Wertung sittlicher Verfehlungen. Diese Verfehlungen sind feststellbare Tatbestände, feststellbar von anderen Menschen, aber vor allem von uns selbst.

Die Herkunft des Wortes „Sünde“ kann nicht eindeutig geklärt werden. Die althochdeutschen Wörter „sunna“ bedeuten „rechtsgültiges Hindernis“ und „sunta“ bedeutet „Schande“. Entscheidend aber ist nicht die Wortherkunft, sondern der Sinn des Begriffs, der ihm gegeben wurde. Der christliche Glaube sieht in der Sünde die Verletzung jener Einstellung, die Jesus von den Menschen fordert: Gottes- und Nächstenliebe (Mt 22, 37-39).

Die Systematisierungen menschlicher Verfehlungen nannte man Sündenkataloge. Sie sind ein Versuch, nach der Schwere der Sünden eine Abstufung vorzunehmen und eine Darstellung von Fehlhaltungen zu geben. In der Interpretation der Sündenkataloge ist immer darauf hinzuweisen, dass die Versuche, Sünde zu objektivieren, letztlich nur von der Überzeugung getragen werden können, dass kein Mensch sich zum Richter über andere machen darf. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, sagt Jesus in der Bergpredigt (Mt 7, 1).

Widerstand gegen Gott, der aus einer bewusster Ablehnung hervorgeht, wird nach Mt 12, 32 als Sünde gegen den Heiligen Geist bezeichnet. Seit Petrus Lombardus (1095 – 1160) zählen dazu:
Vermessenheit, Verzweiflung, Ablehnung der erkannten Wahrheit, Neid über die Begnadung anderer Menschen, Verstocktheit und Unbußfertigkeit.

Durch schwere Störungen der sozialen Beziehungen sind die so genannten himmelschreienden Sünden gekennzeichnet:
Mord, Sodomie, Unterdrückung der Armen und Ausbeutung der Arbeitenden.

Seit Gregor dem Großen (6. Jahrh.) zählte man sieben Hauptsünden, aus denen die anderen Sünden hervorwachsen. Diese Haupt-, Tod- oder Wurzelsünden können auch zu Lastern heranwachsen. Laster ist der Gegenbegriff zur Tugend. Er bezeichnet eine schuldhafte Verfestigung im bösen Tun. Laster entstehen durch schlechte Entscheidungen, die schlechte Gewohnheiten zur Folge haben. Erfolgt keine Korrektur durch Reue und Umkehr, kommt es zur Verfestigung dieser Gewohnheiten, die oft einen Automatismus erzeugt. All dem liegt eine ungeordnete Selbstliebe zu Grunde, die sich im Genuss-, Macht- oder Besitzstreben zeigt. Die Hauptsünden, welche die Quelle aller Fehlhaltungen und Sünden darstellen, sind – in ihren Ansätzen bereits durch die griechische Philosophie, genauer gesagt die Stoa, formuliert:

STOLZ im Sinne von Hochmut, Eitelkeit, äußerem Aufwand, der die anderen Menschen zu Statisten der eigenen Selbstdarstellung degradiert.
NEID ist ein charakteristischer Zug der griechischen Religion, man fürchtete den Neid der Götter. Nach Platon aber gehört die Neidlosigkeit zum Wesen der Götter. Die Stoiker verurteilten den Neid wie alle Leidenschaften als der Vernunft widersprechende Unzulänglichkeiten. Letztlich entspringt der Neid zugleich einer subjektiv falschen Eigenliebe und der objektiv ungleichen Verteilung von Gütern.
ZORN wird zur Todsünde als Wut im Sinne von Rache und Vergeltung oder sogar von Vernichtungswillen, nicht aber als berechtigte Empörung. Denn diese kennt die Bibel im Terminus des „heiligen Zorns“.
GEIZ wird im Buch Jesus Sirach 14, 3f folgendermaßen beschrieben „Keiner ist schlimmer dran als der, der sich selbst nichts gönnt“, Habsucht, die Gier nach Besitz, stellt die irdischen Güter über alles. Die Stoa nennt die Habgier auch als Ursache der Kriege.
UNKEUSCHHEIT als Begriff geht auf das mittelhochdeutsche Wort „kiusche“ zurück, das zart, fein, besonnen bedeutet. Angewendet auf die Sexualität bedeutet Unkeuschheit die Trennung von Liebe und Eros. Belastet ist der Begriff mit der Herabwürdigung der Sexualität, die jahrhundertelang das Christentum beherrschte.
UNMÄSSIGKEIT bezieht sich nicht nur auf Essen und Trinken. Zucht und Maß sind noch keine Verwirklichung des Guten, aber sie schaffen dafür die unerlässliche Voraussetzung. Auch Unbeherrschtheit, Neugier etc. sind Auswirkungen der Unmäßigkeit.
TRÄGHEIT bezeichnet geistige Lustlosigkeit, die Lähmung des Aufschwungs aus der Dumpfheit des Alltags. Sie ist die Gewohnheit, sich vor jeder Anstrengung auszuruhen.

Durch die Sünde - dies ist allen Religionen gemeinsam - kommt es zu einer Unterbrechung der Verbindung zu Gott. Im Christentum wird diese Entfremdung von Gott nur durch eine Umkehr des Menschen aufgehoben.



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