Zum Schluss der Acker

von Nikolaus Werle

Unser Wort Glück dürfte auf eine alte Bezeichnung für die Art, wie sich etwas schließt und zu Ende geht zurückgehen. Dass dieser Kurs nun zu Ende ist, scheint die etymologische Herleitung zu bestätigen. Denn die Beteiligten haben Glück gehabt. Die Unausschöpflichkeit der Thematik erfuhr eine zeitliche Begrenzung, die Aneignung des gebotenen Wissens konnte die Fähigkeit fördern, Fehlentwicklungen des Charakters zu erkennen und zu vermeiden. Denn schließlich empfiehlt sich Moral auch durch die Lebensvorzüge, welche mit der Einhaltung ihrer Regeln verbunden sind.

Zum ersten Male ist jetzt von Moral die Rede. Um auch gleich zu begründen, warum in diesem Modul kein Platz für sie war.

Der Glaube an die Zukunft fängt mit dem Zweifel an allen bisherigen Wahrheiten an. Dieser Zweifel kulminiert in der Behauptung, dass es keine moralischen Phänomene gibt, sondern nur moralische Erklärungen für Phänomene. Nietzsche nannte die Moralisten Bauern des Geistes, die Moral anbauten und immer wieder versuchten, danach zu ernten. Doch genauso wie die Erde lässt auch die Kraft der Moral nach, und schließlich kann sie den Menschen keine neue Saat mehr bringen. Dann müssen neue Gedanken, Nietzsche nennt sie Pflug des Bösen, kommen und die Moral erneuern, damit wieder etwas gedeihen kann.

Nietzsche betrachtete die Moral als Hindernis auf dem Wege des Menschen. Warum wandte sich Nietzsche mit seiner ganzen philosophischen und rhetorischen Kraft gegen die Rolle der Moral in seiner Zeit? Sie war ein eng anliegendes Korsett satter Bürgerlichkeit und beschränkter Kleinbürgerlichkeit geworden. Für die einen der Nährboden täglicher Heuchelei, für die anderen der Misthaufen ihrer Vulgarität. Doch auch die modernen Überwinder der Moral, welche unter dem Deckmantel der Freiheit die Träume ihrer Mittelmäßigkeit bedienen, sind weit davon entfernt, dem Grundübel, dem menschlichen Egoismus, Einhalt zu gebieten.

Die Lust besteht bekanntlich eher in den ihr vorausgehenden Sehnsüchten als in ihr selbst. Analog dazu verhält es sich mit der Moral: Das Gute, das wir erstreben, erreichen wir selten, und wenn wir es erreichen, wird es fade.

Welche neuen Gedanken sind es nun, welche den Acker des Menschseins pflügen? Sicher kein neues Moralsystem, sicher keine Ideologie wie der jetzt waltende entmündigende Staatssozialismus mit seinem narkotisierenden Konsumwahn. Diese herrschende Staats- und Gesellschaftsdoktrin drängt den Menschen, der ihr in die Quere kommt, an den Rand. Doch dort kann er weise bleiben, wenn er sich von seiner Selbstverantwortung nicht entbindet, nie und nirgendwo.



Georg Baselitz (*1938): Acker, 1962, Städel Museum, Frankfurt am Main

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