Habgier und Geiz

von Nikolaus Werle



Der Mythos von König Midas

Einst schweifte der mächtige Weingott Dionysos mit seinen Bakchantinnen und Satyrn hinüber nach Kleinasien. Dort lustwandelte er an den rebenumrankten Höhen des Tmolosgebirges, von seinem Gefolge begleitet. Nur Silenos, der greise Zecher, ward vermisst. Dieser war, vom Weinrausch überwältigt, eingeschlafen und so zurückgeblieben. Den schlummernden Alten fanden phrygische Bauern. Sie fesselten ihn mit Blumenkränzen und führten ihn zu ihrem Könige Midas. Ehrfürchtig begrüßte derselbe den Freund des heiligen Gottes, nahm ihn wohl auf und bewirtete ihn mit fröhlichen Gelagen zehn Tage und Nächte lang. Am elften Morgen aber brachte der König seinen Gast auf die lydischen Gefilde, wo er ihn dem Bakchos übergab. Erfreut, seinen alten Genossen wiederzuhaben, forderte der Gott den König auf, sich eine Gabe von ihm zu erbitten. Da sprach Midas: „Darf ich wählen, großer Bakchos, so schaffe, dass alles, was mein Leib berührt, sich in glänzendes Gold verwandle.“ Der Gott bedauerte, dass jener keine bessere Wahl getroffen, doch winkte er dem Wunsche Erfüllung. Des schlimmen Geschenkes froh, eilte Midas hinweg und versuchte sogleich, ob die Verheißung sich auch bewähre; und siehe, der grünende Zweig, den er von einer Eiche brach, verwandelte sich in Gold. Rasch erhob er einen Stein vom Boden, der Stein ward zum funkelnden Goldklumpen. Er brach die reifen Ähren vom Halm und erntete Gold; das Obst, das er vom Baume pflückte, strahlte wie die Äpfel der Hesperiden. Ganz entzückt lief er hinein in seinen Palast. Kaum berührte sein Finger die Pfosten der Tür, so leuchteten die Pfosten wie Feuer; ja selbst das Wasser, in das er seine Hände tauchte, verwandelte sich in Gold. Außer sich vor Freude, befahl er den Dienern, ihm ein leckeres Mahl zu richten. Bald stand der Tisch bereit, mit köstlichem Braten und weißem Brote belastet. Jetzt griff er nach dem Brote, - die heilige Gabe der Demeter ward zu steinhartem Metall; er steckte das Fleisch in den Mund, schimmerndes Gold klirrte ihm zwischen den Zähnen; er nahm den Pokal, den duftenden Wein zu schlürfen, - flüssiges Gold schien die Kehle hinabzugleiten.

Midas

Nun ward es ihm doch klar, welch ein schreckliches Gut er sich erbeten hatte; so reich und doch so arm, verwünschte er seine Torheit; denn nicht einmal Hunger und Durst konnte er stillen, ein entsetzlicher Tod war ihm gewiss. Verzweifelnd schlug er die Stirn mit der Faust, - o Schrecken, auch sein Antlitz strahlte und funkelte wie Gold. Da erhob er angstvoll die Hände zum Himmel empor und flehte: „O Gnade, Gnade, Vater Dionysos! Verzeih mir schwachsinnigem Sünder und nimm das gleißende Übel von mir!“ Bakchos, der freundliche Gott, erhörte die Bitte des reuigen Toren, er löste den Zauber und sprach: „Gehe hin zum Fluss Paktolos, bis du seine Quelle im Gebirge findest. Dort, wo das schäumende Wasser dem Felsen entsprudelt, dort tauche das Haupt in die kühle Flut, dass dich der glänzende Firnis verlasse. So spüle zugleich mit dem Golde die Schuld ab.“ Midas gehorchte dem göttlichen Befehl, und siehe, zur selbigen Stunde wich der Zauber von ihm; aber die goldschaffende Kraft ging auf den Strom über, welcher seitdem das kostbare Metall in reichem Maße mit sich führt.

Seit dieser Zeit hasste Midas allen Reichtum, verließ seinen prächtigen Palast und erging sich gern in Fluren und Wäldern, den ländlichen Gott Pan verehrend, dessen Lieblingsaufenthalt schattige Felsengrotten sind. Aber das Herz des Königs blieb töricht wie vorher...



Von der Torheit zur Todsünde

Habgier wurde in der Antike nicht als Verstoß gegen die soziale Gerechtigkeit, sondern als eine persönliche Narretei angesehen. Das Verfehlen des guten Lebens war Strafe genug und bedurfte keiner weiteren Sanktion. Dem Gierigen drohte keine üble Nachrede und er verstieß auch nicht gegen die Gesetze der Gleichheit. Nur von Torheit war er geschlagen, denn er verkannte den Wert der Dinge, welche sich nicht in Geld verwandeln und in Schatztruhen horten lassen.

Heute sieht man die Gier anders. Das Verlangen, immer mehr zu bekommen, gilt als Sünde an der menschlichen Gesellschaft. Sie widerspricht der Ideologie der Gleichheit. Wer mehr hat als der Durchschnitt gerät rasch in den Verdacht persönlicher Habsucht. Der Gewinn des einen bedeutet, so denken viele, Verluste für alle anderen. Reichtum ist anrüchig, Besitz verdächtig. Die Verteilung der Güter hat den Rang einer moralpolitischen Grundsatzfrage. Der weit verbreitete Antikapitalismus der Gegenwart vermag für die Unbilden der Wirtschaft nur persönliche Niedertracht verantwortlich zu machen. Viele sind unfähig (und unwillig), die lange Kette unbeabsichtigter Handlungsfolgen zu überschauen und die Eigendynamik systemischer Zwänge auch nur wahrzunehmen. Die moralische Empörung über den Kapitalismus ist innig und weit verbreitet. Sie verleiht auch dem Dümmsten noch ein gewisses Maß an Würde.

Doch es wird fast nie über die Raffgier der größten Institution, welche die Geschichte hervorgebracht hat, nämlich den modernen Steuerstaat, gesprochen. Das schier grenzenlose Wachstum seiner vermeintlichen Aufgaben schraubt seine Schulden und seine Erfindung neuer Steuern immer höher.

Die als volkstümlich daherkommende Politik missbraucht Moral als Instrument einer sogenannten sozialen Wärme. Durch immer neue Vergünstigungen und Wohltaten versuchen die politischen Parteien bei ihren Wählern zu punkten. Dabei geht es nicht um ernsthafte Verantwortung, sondern man schielt auf den nächsten Wahltermin.

Versuch einer Beschreibung

Habsucht ist weit weniger verbreitet, als viele Menschen glauben. Als Laster eigener Art verwandelt sie alles in Objekte unersättlicher Begierde. Die Gegenstände dienen nicht länger dem Gebrauch oder Verbrauch. Nicht ihr Nutz- oder Tauschwert zählt, sondern einzig ihr Erwerbswert. Habgier jagt den Dingen nach, will sie erstreiten und sich aneignen, aber nicht aufzehren. Da die Gier nichts verbraucht, versinkt sie im Egoismus des von ihr Befallenen.

Manchmal treibt Angst den Gierigen an, es könne ihm etwas entgehen. Die Ungewissheiten der Zukunft schüren die Versorgungsgier. Um nicht in Not zu geraten, türmt er Vorräte auf Vorräte. Um dem eingebildeten Elend zu entkommen, hetzt er sich zu Tode. Nie und nimmer käme er auf den Gedanken, seine Reichtümer Dritten anzuvertrauen. Er will seine Schätze selbst im Auge behalten. Regelmäßig prüft er die Bilanz, zieht sich in die Geheimkammer zurück, öffnet die Truhen und lässt seine Schätze durch die Finger gleiten. Für unendlich hält er die Zahl möglicher Widrigkeiten und Gefahren. Besitz beruhigt nicht. Über der Sorge um die Möglichkeiten vergisst er das Leben in der Wirklichkeit, das häufig gar nichts kostet.



1. Transparent schimmernd: „Fume“, Viskose-, Baumwollgemisch, Jab Anstoetz, ca. 109 Euro/Meter
2. JAB ANSTOETZ, String, Mat.Nr.: 9-7054-183
3. AMY BUTLER, Solids, Quilting Solids- ab 45- Green
4. Jadeton: „Decorator Solids“, Baumwolle, Amy Butler, ca. 22 Euro/Meter
5. – 9. Sanfte Töne: „Emporio“, Baumwollsatin, verschiedene Farben, Nya Nordiska, ca. 72 Euro/Meter
10. Samtig genoppt: „Nabucco/Fuchsia“, Viskose- Baumwollgemisch, Designers Guild Limited, 158 Euro
11. Samtig: „Varese/Ocean“, Baumwolle, Designers Guild, ca. 83 Euro/Meter
12. Limone: „Chinon/Citrus“, reine Seide, verschiedene Farben, Designers Guild, ca. 66 Euro
13. Wollweiß: „Chinon/Ecru“, reine Seide, verschiedene Farben, Designers Guild, ca. 66 Euro

Habgier zielt auf Exklusivität. Der Gierige will nicht nur möglichst viel zusammenraffen, er will mehr haben als die anderen, und er will haben, was andere nicht haben. Eine Gesellschaft der Gier ist geprägt von Furcht, Rivalität und Aggression.

Im Gegensatz zum Gierigen setzt der Geizige andere Akzente. Niemals gibt er etwas aus der Hand. Wachsam hockt er auf seinen Schätzen und wird von Tag zu Tag älter und dürrer. Er wohnt schlecht, kleidet sich dürftig, nährt sich mit Magerkost. Er entbehrt jeder Annehmlichkeit, weil er Genuss mit Verschwendung verwechselt. Die meiste Zeit ist er allein. Er gönnt sich keine Freude, keine Bequemlichkeit.

Angesichts der Hässlichkeit aller Todsünden, sticht der Geiz aber besonders hervor. Er macht den Menschen klein und bitter. Anders als der Habsüchtige will der Geizige nicht wachsen und nichts zusammenraffen.

Ist das Objekt der Begierde erbeutet, verschwindet die Gier keineswegs. Der Stolz auf den Erfolg verfliegt rasch. Besitz allein verschafft nur kurzzeitig Befriedigung. Nicht selten wissen Gierige mit ihrem Reichtum nichts anzufangen. Schnell versiegt die Freude am lang Ersehnten, nun aber bereits Erworbenen. Die Gier regt sich erneut, sie will nicht nur haben, sie will vermehren. Habgier ist unersättlich. Sie ist nichts anderes als Völlerei mittels unverdaulicher Mittel. Einmal im Besitz, haben die Dinge ihren Wert eingebüßt. Daher rührt die Vorliebe für Geld, diesem wertlosen Medium ohne Eigenschaften, für das man alles haben kann.

Habgier ist eine Sünde des Nehmens, Verschwendung eine Sünde des Gebens, Geiz ist eine Sünde des Habens. Die Leidenschaft eines Abenteurers ist dem Geizigen ebenso fremd wie der Sinn für Gerechtigkeit. Der Geizige behält für sich, was andere bedürfen, auch wenn er dessen selbst nicht bedarf. Verzicht, Verbot, Entsagung sind seine Devise, weil er zum Sklaven seiner Besitztümer wurde, die seine Existenz bestimmen. Seine sauertöpfische Miene ist der mimische Ausdruck für die Verarmung seines Gemüts. Weil er jede Freude unterbindet, lässt er seine Lebenskräfte verdorren. Daher versündigt sich der Geizige zunächst einmal an sich selbst.



Wie der Habgierige missachtet der Geizhals den Gebrauchswert der Dinge. Er führt nicht Buch, um Ankäufe zu dokumentieren, sondern um Ausgaben zu vermeiden. So wartet er auf das befürchtete Übel und wird am Ende vom sicheren Tod überrascht. Was er sich selbst verboten hat, das nützt immerhin seinen Nachkommen. In kurzer Zeit können sie verschleudern, was er jahrelang sorgsam bewacht hat.

Zur Freundschaft taugt der Geizige kaum. Ihm fehlt die Großzügigkeit des Verzeihens und der Anteilnahme des Verstehens. Mit der Verengung des sozialen Kreises, der ihn umgibt, steigt das Misstrauen. Je mehr er sich selbst zurückzieht, desto argwöhnischer beäugt er die anderen.

Das Gegenteil des Geizes ist die seltene Tugend der Großherzigkeit. Freigebig sein bedeutet, frei von sich selbst zu sein, frei von seinen kleinen Feigheiten und Eifersüchteleien, frei auch von dem Drang, alles sogleich gegenzurechnen. Der Großherzige schielt nicht nach Erwiderung oder Vergeltung seiner Gaben. Anstatt zu fordern, zu nehmen und weiter zu klagen, erfreut er sich an der Geste des Schenkens. Der Geizhals dagegen wittert nur die Verpflichtung und verweigert die Gabe, weil er sofort die Kosten der Gegengabe überschlägt. Er gönnt sich nicht einmal das Geschenk, das ihn zu nichts verpflichtet. Schon für die Geste des Dankes ist er zu geizig.

Bestünde die Gesellschaft nur aus solchen Zeitgenossen, käme die Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit zum Erliegen. Doch eine solche ist bloß Gedankenspiel.

Kostenminimierung, Rationalisierung, Rentabilität

Von weit größerer Bedeutung ist jedoch die Institutionalisierung des Geizes im Zentrum der Wirtschaft. Kostenersparnis durch Rationalisierung, Buchhaltung und Rechnungswesen sind Maßnahmen organisierter Sparsamkeit. Von Erfolg gekrönt sind wirtschaftliche Aktivitäten, wenn der Erlös die Kosten übertrifft.

Das Resultat

In Dante Alighieri’s viertem Kreis der Hölle sind alle versammelt, die schlecht sparten, und jene, die schlecht gaben. Riesige Felsblöcke rollen sie gegeneinander. Unscheinbar, gesichtslos sind diese Gestalten. Sie tragen keine Namen und finden keine Beachtung. Wie sie als Lebende keinen Unterschied zwischen den Dingen kannten, so sind sie im Tod als Personen nicht mehr wiederzuerkennen.

Ein Text aus dem NT

Lukas 12, 15 - 21

Dann sagte Jesus zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Und er erzählte ihnen folgende Geschichte: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her. Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen. Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen. Dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!

Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?

So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

Conclusio

So ergibt sich am Ende dieser Überlegungen, dass der Umgang mit Besitz einfach und schwierig zugleich ist. Einfach deshalb, weil er nicht das Zentrum unseres Lebens darstellen darf, da ansonsten die Gefahr groß ist, dass wir zu Sklaven der Dinge und nicht mehr zu ihren Gestaltern werden. Schwierig aber deshalb, weil wir täglich entscheiden müssen, welchen Stellenwert wir den Dingen, unserem Besitz und dem Geld zuweisen. Die beiden Extreme des verfehlten Umgangs mit den materiellen Gütern und dem Geld haben wir nun kennen gelernt. Es sind Habgier und Geiz. Es liegt an uns, welche Schlussfolgerungen für unser Leben wir daraus ziehen...




Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.

Mahatma Gandhi (1869 - 1948)



Seite 1, Homepage
 zurück
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF

Midas