Gula

Unmäßigkeit

von Nikolaus Werle

Das lateinische Wort gula bedeutet zunächst die Kehle, es bezeichnet aber vor allem die fünfte Todsünde der Unmäßigkeit im Sinne von Gefräßigkeit, Schlemmerei, Genusssucht.

Der Maßlose hat keine Vorlieben. Er ist unbeherrscht, ungebildet und unkultiviert. Nur wenig kann er sich an den Dingen erfreuen, denn je mehr er davon hat, desto rascher ist er ihrer überdrüssig.

Den Hauptgrund, warum Unmäßigkeit zu den Hauptsünden zählt, sah man darin, dass sie den Menschen zu einem körperlichen statt einem geistigen Wesen werden lässt.

Doch die Ausprägungen der Unmäßigkeit sind vielfältiger. Waren ursprünglich Gefräßigkeit und Genusssucht, eher körperliche Exzesse, gemeint, so ist ein erweiterter Blick angebracht, der auch jene Formen der Maßlosigkeit berücksichtigt, die mit dem täglichen Narzissmus einhergehen. Angesichts des Facettenreichtums der Maßlosigkeit musste eine Auswahl getroffen werden, die sich nun auf folgende drei Schwerpunkte beschränkt:

I'm lovin it

1. Genusssucht
2. Vulgarität
3. Beliebigkeit

Seneca

„Des Körpers Bedürfnisse sind gering; Kälte will er abgewehrt wissen, Hunger und Durst durch Nahrungsmittel stillen; was man außerdem begehrt, wirkt den Lastern, nicht dem Bedürfnis in die Hände. Es ist unnötig, jede Tiefe der Erde zu durchsuchen, durch eine Niederlage unter den Tieren den Magen zu überladen und Muscheln des entlegensten Meeres aus unbekannten Küsten herauszuscharren. Mögen Götter und Göttinnen diejenigen verderben, deren Genusssucht über die Grenzen eines so beneidenswerten Reiches hinaus greift... Von überall her bringt man zusammen, was nur immer der verwöhnte Gaumen kennt. Was der durch Leckereien zerrüttete Magen kaum vertragen kann, wird vom entferntesten Ozean herbeigeschafft. Man erbricht sich, um essen zu können, und isst, um sich zu erbrechen, und würdigt die Mahlzeiten, die man aus der ganzen Welt zusammensucht, nicht einmal der Verdauung...“, so schrieb vor etwa zweitausend Jahren der stoische Philosoph und Schriftsteller Seneca (1 - 65) an seine Mutter Helvia.

Seneca ist überzeugt, dass die Völlerei einen Verlust der Urteilskraft und mangelnde Selbstbeherrschung zur Folge hat. Viel besser sei es, sich auf die Entwicklung des Geistes zu konzentrieren als den körperlichen Genüssen zu verfallen.

Das Narrenparadies

Spätestens seit der Erfindung der Kreditkarte wird von vielen Menschen das Prinzip des Verbrauchs zu einer Selbstverständlichkeit. Von einer Todsünde wurde die Maßlosigkeit zu einer populären Unsitte verharmlost. Man rümpft zwar die Nase über die Fettsucht im Volk, die Besäufnisse vieler Jugendlicher oder die Angebereien der Neureichen, aber bloß deshalb, um sich selbst als besser hinzustellen.

Doch anstatt tatsächliche Bedürfnisse zu stillen, gaukelt der Markt eine falsche Freiheit vor und erzeugt immer mehr lächerliche Wünsche. Viele sind hingerissen von der Glitzerwelt der Markennamen und degradieren sich zu rastlosen Konsumenten, weil sie dadurch ihr hohles Ego aufrichten.

Aber nicht diese niederen Instinkte sind das Problem, sondern der Verlust der Freiheit. Der Maßlose wird zum Sklaven seiner Wünsche. Während der Habgierige so lange auf ein einzelnes Objekt starrt, bis er es endlich in Händen hält, taumelt der Maßlose blindlings umher. Er will nicht besser und intensiver, sondern mehr genießen. Meist hat der Maßlose keine Vorlieben. Er ist unbeherrscht, ungebildet und unkultiviert. Oft spürt er die Genüsse, denen er nachjagt, gar nicht mehr, weil er sich auf der Jagd nach der Lust längst selbst preisgegeben hat.

Maßlosigkeit hat ihre eigene Zeit. Sie ist nicht die gelassene Zeit des Genusses, die man bis zuletzt auskosten will. Unbewusst ahnt der Maßlose, dass Lust niemals ewig währt. Der Habgierige schätzt an den Dingen ihren Erwerbswert, der Maßlose schielt nach ihrem Prestige. Nichts ist bei ihm verlässlich, nichts überdauert den Augenblick, nichts gewinnt stabile, handfeste Wirklichkeit. Die Welt zerrinnt dem Maßlosen zwischen den Fingern. Sein Traum von Glück, Rausch und Überfluss ist nichts als ein Narrenparadies.

H.Bosch: Narrenschiff

Hieronymus Bosch: Das Narrenschiff (Ausschnitt), 1490, Louvre

Eine Gruppe von Menschen befindet sich auf und bei einem Boot und labt sich an Speisen und Wein. Das Boot dümpelt dahin, sein Mast trägt keine Segel, es ist ein Laubbaum, aus dessen Krone ein dämonisches Gesicht blickt. An der Stelle eines Steuerruders lässt ein Bootsinsasse einen Kochlöffel achtlos ins Wasser hängen. Der Effekt wird sein, dass das Schiff sich im Kreis bewegt.

Ein Narr sitzt rechts über dem Geschehen und wendet dem Treiben seinen Rücken zu. Er scheint unbeeindruckt. Meist ist ein Narr weniger närrisch als die anderen Menschen, die sich im Boot lasterhaft und gotteslästernd die Zeit vertreiben. Zwei Personen machen sich einen Spaß daraus, nach einer aufgehängten Palatschinke mit dem Mund zu schnappen, ohne die Hände zu benutzen. Die Ähnlichkeit dieser mit einer übergroßen Hostie ist unverkennbar. Ein paar Nackte halten sich im Wasser auf, in das einer sich vom Boot aus übergibt. Ziellosigkeit und Sinnlosigkeit dieses Treibens sind offensichtlich...

Verteidigung des Genusses

Der Körper ist nicht unersättlich. Sinnliche Begierden sind weniger ausschweifend als die Gedanken. Die sogenannten Sünden des Fleisches sind solche der Einbildungskraft. Nicht dem Körper entspringen die uferlosen Wünsche, sondern der Phantasie. Genügsamkeit bedeutet daher Klugheit im Umgang mit dem Vergnügen.

So ruinös Maßlosigkeit für das Individuum ist, so karg und freudlos wäre das Leben ohne Rausch - damit sind nicht Besäufnisse gemeint - und Genuss. Nur ein finsterer Aberglaube will den Menschen verbieten, sich des Lebens zu erfreuen und sich mitunter selbst zu vergessen.

Vulgarität

Von ganz eigener Art ist der vulgäre Charakter, der ungehemmt Abscheu, Erstaunen, Frohsinn oder Schadenfreude seine Umgebung spüren lässt. Seine Regungen entstehen nicht aus seiner autonomen Persönlichkeit. Doch nicht aus Unkenntnis, Gedankenlosigkeit oder Protest missachtet der Rüpel, diese Bezeichnung ist hier geschlechtsneutral zu verstehen, Manieren und Umgangsformen, sondern aus innerer Unfreiheit. Da er keinen Abstand zu sich hat, ist er jeder Stimmungsschwankung ausgeliefert.

Vulgär sind nicht bloß das Dahintreibenlassen des Körpers, das Gähnen und Grölen, Schmatzen und Schlürfen, Rülpsen und Furzen, das öffentliche Gestammel, die Entblößung nackter Tatsachen oder die Enthüllung intimer Geheimnisse in den zahlreichen TV-Shows der Hemmungslosigkeit. Vulgarität will tendenziell verhindern, dass jemand ein höheres Niveau erreicht. Dies geschieht unter der Flagge der Gleichheit.

Ein Auswuchs davon ist wilde Reformierungssucht. Sprache und Bildung werden so lange reformiert, bis keiner mehr Fehler macht, da ohnehin alles erlaubt ist. Überlieferungen werden so vergröbert und simplifiziert, dass auch der Mindestbemittelte aufgrund vermeintlich eigener Erkenntnis dagegen ist.

Der antike Historiker Polybios (200 - 120) definierte verkommene Formen der Demokratie als Ochlokratie, als Pöbelherrschaft. In ihr gilt nicht mehr die Verantwortung für alle, sondern Eigennutz und Habgier einiger.

Heutzutage weiß man nicht mehr, was Ochlokratie ist. Und wenn, dann wäre es auch egal, denn ein großer Mythos der Gegenwart besagt, dass wir alle Bürger sind mit den gleichen Forderungen an den Staat, egal was man für die Allgemeinheit beiträgt oder ob man nichts tut. Der Pöbel denkt zwar nicht, aber dafür tut er auch sonst nichts....

Rüpel sind unanständig, unhöflich und taktlos. Nur zu gerne rechtfertigen sich die Verteidiger des Ordinären mit Hinweisen auf ihre Wahrhaftigkeit. Sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, stellen sie als Inbegriff persönlicher Geradlinigkeit dar. Doch sie vergessen, dass der, welcher sich so gibt, wie er ist, große Vorzüge besitzen muss, um für andere erträglich zu sein.

Höflichkeit erspart allzu freundliche Gefühle, die wir tatsächlich nicht jedem Menschen gegenüber aufbringen. So erlaubt sie soziale Kontakte ohne Menschenliebe. Der andere, den man ablehnt oder verachtet, wird mit einer gewissen Höflichkeit auf Distanz gehalten. Manieren halten den Menschen im Zaum und bringen ihm die Sichtweise des anderen nahe. Der selbstsichere Mensch benötigt keine Aufmerksamkeit.

Vulgarität zerstört dieses Fundament des Sozialen. Der vulgäre Mensch vermag nur den eigenen Impulsen zu folgen, er kennt keine Selbstkritik und verbleibt in seiner Plumpheit.

Die Gefolgsleute eines Rüpels sind ähnlich ordinär wie er selbst. Johlend schlagen sie sich auf die Schenkel, wenn sie einen Witz wiedererkennen und geraten bei jeder vertrauten Blödelei in taumelnde Begeisterung. Nicht wenige Duckmäuser feiern das vulgäre Idol, denn ihr Star ist so, wie sie gerne wären.

Groß ist das Vergnügen des Vulgären, wenn er andere bloßstellen und der Lächerlichkeit preisgeben kann. Anzügliche Bemerkungen, Klatsch und halblaute Indiskretionen sind seine Spezialität. In Talkshows glaubt sich der unbekannte Gast auf dem Höhepunkt seines dürftigen Lebens, und die Zuschauer stellen befriedigt fest, dass die anderen auch nicht besser sind als sie selbst.

Trotz des Beifalls lebt der Rüpel in einer armseligen Welt. Tiefes Misstrauen durchdringt ihn. Überall wittert er Hinterlist, Intrigen, Neid. Hinter jeder fremden Leistung vermutet er einen schäbigen Trick, hinter jeder Erkenntnis doch nur eine miese Methode. Großzügigkeit gilt ihm als Dummheit.

Wer von niederen Instinkten getrieben ist, kann auch bei anderen nur niedere Beweggründe entdecken.

Das narzisstische Individuum

Jahrhundertelang galt als selbstverständlicher Grundsatz für eine öffentliche Diskussion, eine Behauptung durch Vernunft zu bekräftigen oder zu widerlegen. Heute steht etwas anderes im Vordergrund und hat dieses alte Prinzip verdrängt. Das Meinen von allem, was man wolle, wird als Meinungsfreiheit in den Rang unantastbarer Rechte erhoben. So dauerte es nicht lange, bis Beliebigkeit der Freiheit den Rang ablief. War früher das Ideal der Freiheit mit den konkreten Inhalten der Bildung, der Kultur, der Gerechtigkeit und der Frömmigkeit verbunden, begnügt man sich heute mit Phrasen, Events, dem Anspruchsdenken und aufgesetztem Dauerlächeln.

Weil die Beliebigkeit es ablehnt, sich ernsthaft mit etwas auseinanderzusetzen, ist sie versessen auf eine merkwürdige Doppelerscheinung. Einerseits rennt man jeder Mode nach, seien es politische Phrasen oder Blockbuster der Filmindustrie, andrerseits fühlt man sich durch Kleinigkeiten gekränkt, weil man vom eigenen Ego so sehr fasziniert ist und erwartet, dass alle anderen diese Faszination teilen.

Plotin (205 - 270), einer der wichtigsten Vertreter des Neuplatonismus, fasst die Nichtigkeit des Oberflächlichen durch eine Anspielung des Narkissos-Mythos so zusammen:

„Denn wenn man Schönheit an Leibern erblickt, so darf man sich ihr ja nicht nähern, man muss erkennen, dass sie nur Abbild, Abdruck, Schatten ist, und fliehen zu jenem, von dem sie das Abbild ist. Denn wenn einer zu ihr eilen wollte und sie ergreifen, als sei sie ein Wirkliches, so geht es ihm wie jenem, - irgendeine Sage, dünkt mich, deutet es geheimnisvoll an - der wollte ein schönes Abbild, das auf dem Wasser schwebte, greifen, stürzte aber in die Tiefe der Flut und ward nicht mehr gesehen. Ebenso wird euch, der sich an die schönen Leiber hält und nicht von ihnen lässt, hinabsinken. Nicht leiblich, aber mit der Seele in dunkle Tiefen, die dem Geiste zuwider sind...“ Enneade I.6(1).8,6-15 (Mit dem griechischen Wort εννεας = Neunhheit bezeichnet man die von seinem Schüler Porphyrios herausgegebenen Werke des Plotin.)

Schlussfolgerung

Viele Menschen neigen dazu, extrem selbstzentriert, narzisstisch und vom eigenen Selbstbild besessen zu sein. Hier in der Mitte Europas leben wir in einem Luxus, von dem selbst Könige in der Vergangenheit nur träumen konnten. Doch wir nehmen das alles als selbstverständlich hin. Obwohl wir die wohlhabendsten und privilegiertesten Menschen sind, die je gelebt haben, obwohl wir mehr Freiheit haben - Gedankenfreiheit, Wahlfreiheit, Bewegungsfreiheit - als sie je eine Gruppe von Menschen in der Geschichte genossen hat, sind viele unzufrieden. Viele von uns empfinden die menschliche Existenz als große Last. Die privilegiertesten Menschen in der Geschichte unserer Erde, diese unsere Generation also, sind so zwanghaft von den Ängsten und Wünschen des Egos besessen, dass sie sich mehr oder weniger als untauglich betrachten. Man genießt hemmungslos und langweilt sich unendlich.

Wenn wir über die Tatsache nachdenken, dass es etwa vierzehn Milliarden Jahre (geschätztes Alter des Universums) der Evolution bedurfte, um unsere Kapazität für Bewusstsein zu ermöglichen, kann uns dies vielleicht helfen, aus dem Wahn narzisstischer Selbstbeschäftigung aufzuwachen. (Alter der Erde: etwa 4,5 Mia. Jahre)

So kann man den Menschen als ein Lebewesen mit Bewusstsein betrachten, das für seine Entstehung Milliarden von Jahren brauchte. Wofür benutzen wir diese einzigartige Entwicklung? Die meisten von uns verflüchtigen sich in persönliche Dramen, die letztendlich nichts anderes als ein Albtraum im Wachzustand sind. Denn zumeist wird unsere Bewusstseinsfähigkeit mit zwanghafter Selbstsorge verschwendet. Denn viele Menschen leben in einem Zustand, der grundlegend von Angst und Verlangen, von konditioniertem Denken und biologischen Impulsen gesteuert ist. Unsere enormen Fähigkeiten bleiben so unausgeschöpft. Wir schwimmen in einem Strudel konditionierter Subjektivität und leben oberflächliche, kleinliche und ängstliche Leben. Die meisten Menschen genießen nicht einmal die Freiheit, über diese philosophischen und spirituellen Themen nachzudenken, weil sie all ihre Zeit und Energie darauf verwenden müssen, zu überleben. Diese kleine Minderheit, der wir angehören, der die Zeit zur Selbstbetrachtung gegeben ist, könnte sich in einer glücklicheren Lage befinden. Aber wir weigern uns, das zu tun. Warum? Weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, uns um uns selbst zu sorgen. Es ist die tragische Ironie unserer Zeit, dass so viele der am höchsten entwickelten und am meisten privilegierten Menschen sich in einer sehr einfachen Beziehung zum Leben verlieren, die letztlich in einem Sumpf von Narzissmus und Selbstbesorgnis endet.

Ein Individuum, das grundlegend vom eigenen Selbst besessen ist, kann es nicht zuwegebringen, sich auf einen größeren Kontext einzulassen. Selbst jene unter uns, die sich für Spiritualität (Geistliche Orientierung eines Menschen als Auswirkung seiner persönlichen Metaphysik) zu interessieren beginnen, drücken allzu häufig den gleichen Narzissmus aus, weil sie ihre eigene Erleuchtung oder Erfahrung höherer Bewusstseinszustände außerhalb jeder größeren moralischen, ethischen oder philosophischen Perspektive suchen. Die metaphysische Sehnsucht des Menschen wird so meistens durch persönliche Erfahrungen mehr oder weniger obskurer Art befriedigt, statt dass sie als unauslotbare Dimension wahrgenommen wird. Heute hat die subjektive Erfahrung des Individuums eine unumstößliche Bedeutung erhalten. Es scheint, als hätten wir jegliche Bindung an höhere oder tiefgründigere Prinzipien, die über unsere eigene direkte Erfahrung hinausgehen, verloren...

Beim Überfliegen des Mondes...
Aufnahme eines Satelliten der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa



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