Hochmut

HOCHMUT

von Nikolaus Werle

Versuch einer Beschreibung

Verächtlich schaut er von oben herab. Er bewegt sich langsam, ja geradezu lässig, als müsse er sich zum Handeln erst noch herablassen. Nichts reicht an ihn heran. Die Welt unter ihm ist klein, nahezu bedeutungslos. Geringschätzig mustert er die Menschen ringsum. Es sind lächerliche Figuren, emsig bemüht um Lohn und Zuspruch, armselig im Geiste und ahnungslos in den höheren Dingen. Sie sind kaum der Beachtung wert. Seine leidenschaftslose Unberührtheit von allen Dingen, die dem gemeinen Menschenleben wichtig erscheinen, scheint ihm auf die Stirn geschrieben zu sein. Ein wenig zu hoch trägt er die Nase, schwer lasten die Lider auf den Augen, müde betrachtet er, was vor sich geht, ein kurzes Aufblitzen, ein spöttisches Lächeln in den Mundwinkeln, dann wieder der Blick der Langeweile, der längst alles gesehen hat.

Hochmut gilt als Ursprung alles Bösen. Während die anderen Laster sich vom Guten lediglich abwandten, stellte die Hybris (gr.: Übermut, Hochmut, Frevel) sich ihm direkt entgegen. Der Hochmütige hasste die Gleichheit unter den Kreaturen. An Gottes Stelle wollte er die Herrschaft über die Menschen erlangen. Doch damit verlor er die Erkenntnis der Wahrheit. Wer sich in Überlegenheit sonnt, hat einen Widerwillen gegen den Vorrang der Tatsachen. Der Fall war tief. Prometheus wurde für seine Vermessenheit an den kaukasischen Felsen geschmiedet. Satan in die Hölle gestürzt, Adam aus dem Paradies verjagt. Selbstüberschätzung ist dem Menschen eigentümlich.

Vom römischen Kaiser Konstantin ist überliefert, er habe es in der Öffentlichkeit stets vermieden, jemandem direkt ins Gesicht zu blicken. Starr hielt er den Kopf nach vorne, ohne ihn jemals hier- oder dorthin zu wenden, und sei es nur, um die grüßenden Untertanen eines Blickes zu würdigen. Sein Körper blieb unbeweglich und folgte nicht einmal den schwingenden Bewegungen der Kutsche. Ungerührt bewegte er sich durch die Menge. Sein Hochmut verbot ihm jeden Blickwechsel...

Der Mythos der Niobe

Niobe, die Königin von Theben, war die Tochter des Tantalos. Reiches Glück, das sie aber nicht zu würdigen wusste, hatte ihr das Schicksal geschenkt: Schönheit und königliche Macht, dazu einen Gatten, der so herrlich die Leier zu schlagen wusste, dass die Steine der Stadtmauer von Theben unter ihrem Klang sich von selbst zusammengefügt hatten.

Durch die Fülle dieses Glücks hatte Niobe sich zu hochmütiger Verblendung verführen lassen. Auf nichts von allem, was sie besaß, war sie so stolz wie auf die stattliche Schar ihrer Nachkommen. Vierzehn blühenden Kindern, sieben Söhnen und sieben Töchtern, hatte die Königin das Leben geschenkt. Mit Recht hätte man Niobe die glücklichste aller Mütter nennen dürfen. Aber sie verdiente diesen Ehrennamen nicht, weil sie selber ihn für sich verlangte. Im Bewusstsein ihres Glückes wagte sie es, sich mit den Unsterblichen zu messen und göttliche Ehren für sich zu fordern.

Eines Tages gab es in Thebens Straßen einen Auflauf. Manto, die Tochter des Wahrsagers Teiresias, die in der Stadt als Priesterin der Leto lebte, fühlte sich plötzlich von frommer Regung getrieben und eilte durch die Straßen, die Thebanerinnen zur Verehrung der Leto aufzufordern. „Kommt in Scharen!“ rief sie, „und erweist unserer Göttin Leto und ihren Kindern Apollon und Artemis die Ehren, die wir ihnen schuldig sind!“ Willig folgten die Frauen ihrem Ruf und begannen, die Opfer vorzubereiten. Plötzlich hielten sie inne. Vor ihnen stand Niobe an der Spitze ihres Gefolges. Verächtlich ließ die Königin den Blick über die versammelten Frauen hingleiten. Dann herrschte sie die Verschüchterten an: „Seid ihr denn wahnsinnig, Götter zu verehren, die ihr nie mit euren Augen gesehen habt - während ihr vergesst, den Wesen Weihrauch und Opfer zu spenden, die mitten unter euch leben?'"

Dann zählte Niobe in ihrer Vermessenheit auf, was sie Gründe für die ihr gebührende Verehrung nannte: dass ihr Vater Tantalos einst am Tische der Götter gespeist habe, dass ihre Mutter Merope, die Schwester der Pleiaden, als glänzendes Gestirn am Himmel leuchtet, dass der gewaltige Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt, einer ihrer Ahnen und Zeus gar ihr Großvater sei. Sie vergaß auch nicht, die Kunstfertigkeit ihres Gatten und ihre eigene königliche Macht zu erwähnen.

„Vor mir wollt ihr Leto, der unbekannten Göttin, den Vorzug geben, die nur zwei Kinder ihr eigen nennt? Das ist der siebente Teil meiner Mutterschaft! Und raubte mir die Schicksalsgöttin auch einige Kinder, niemals würde ich auf Letos armselige Zahl hinabsinken!“

Mit herrischer Gebärde jagte die vermessene Königin die Frauen nach Hause. Nur im Stillen wagten diese, die beleidigte Gottheit zu verehren.

Tief gekränkt aber rief Leto ihre beiden Kinder zu sich und berichtete ihnen von dem Geschehenen. „Soll ich mir solchen Schimpf gefallen lassen?“ rief sie voller Unwillen. Apollon und Artemis zögerten nicht, die Mutter zu rächen. In Wolken gehüllt, schwangen sie sich durch die Lüfte und ließen sich auf der Burg von Theben nieder. Gnadenlos ereilte nun das göttliche Strafgericht die Söhne, deren Niobe sich so sehr gerühmt hatte. Während sie sich vor den Stadtmauern im fröhlichen Spiel tummelten, traf sie nacheinander des Gottes Pfeil, den einen auf hohem Pferderücken, andere beim Ringkampf, wieder einen, als er in fassungslosem Schmerz die sterbenden Brüder in seinen Armen zu beleben versuchte.

Die Kunde von dem furchtbaren Unglück rief Niobe aufs Feld hinaus. Sie vermochte das Schreckliche lange nicht zu fassen. Ihre sieben Söhne lagen tot vor ihr. Zugleich erhielt sie die Botschaft, dass Amphion, ihr Gatte, sich voller Verzweiflung den Tod gegeben hatte.

In wilder Klage hob sie die Arme zum Himmel: „Freue dich jetzt nur an meinem Schmerz, du grausame Leto genieße den Triumph deines Sieges!“

Doch als ihre Töchter sich in Trauerkleidern um sie und die Toten scharten, bäumte sich Niobes Stolz von neuem auf: „Nein, du bist nicht Siegerin! Auch vor den Leichen meiner Söhne bin ich mehr als du!“

Abraham Bloemaert: Niobe

Abraham Bloemaert (1566 - 1651): Apollon und Artemis schießen Pestpfeile auf die Kinder der Niobe

Sie sollte ihre Vermessenheit grausam büßen. Denn nun übernahm Artemis die Vollendung des Strafgerichts. Unter ihren Pfeilen sanken Niobes Töchter, eine nach der anderen, in den Staub. Schon waren sechs gefallen, und in ratloser Angst flüchtete sich die letzte in den Schoß der Mutter, um dort Schutz zu suchen. „Schone diese eine!“ schrie Niobe in ihrer Verzweiflung, „nur die jüngste von so vielen!“ Aber ihre Bitte, die erste, die sie an die Göttin richtete, fand kein Gehör, und während Niobe noch flehte, stürzte das Mädchen tot zu ihren Füßen nieder.

Einsam, vom Schmerz gebrochen, saß Niobe inmitten der Leichen ihrer Kinder. Da erstarrte sie vor Gram, aus den Wangen wich alles Blut, unbewegt standen ihre Augen - es regte sich kein Leben mehr in ihr. Niobe war erstarrt und zu Stein geworden. Nur ihre Tränen rannen über das leblose Antlitz. Dann erhob sich ein gewaltiger Wirbelwind, fasste den mächtigen Stein und führte ihn durch die Lüfte nach Lydien, in die Heimat der Königin. Im öden Gebirge unter den Steinklippen setzte er ihn nieder.

Noch heute steht Niobes Gestalt als Felsen im Gebirge und aus den steinernen Augen fließen die Tränen unaufhörlich in das Gebirgstal hinab.



Nachbemerkung zur Geschichte des Begriffs der Todsünden

Nachträglich noch ein paar Anmerkungen zu den Begriffen Sünde und Todsünde. Für das Verständnis dieser sind folgende Stellen aus dem Neuen Testament erwähnenswert:

1 Joh 5, 16: „Wer sieht, dass sein Bruder eine Sünde begeht, die nicht zum Tod führt, soll für ihn bitten. Und Gott wird ihm Leben geben, auch allen, deren Sünde nicht zum Tod führt. Denn es gibt Sünde, die zum Tod führt. Von ihr spreche ich nicht, wenn ich sage, dass er bitten soll. Jedes Unrecht ist Sünde, aber es gibt Sünde, die nicht zum Tod führt.“

1 Joh 2, 15.16: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zu Gott nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht von Gott, sondern von der Welt.“

Gal 5, 19.21: „Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung...“

Evagrius von Pontus, ein griechischer Theologe (346 - 399) stellte erstmals einen Katalog von acht Todsünden und bösen Leidenschaften zusammen: Völlerei, Wolllust, Habgier, Traurigkeit, Zorn, geistige Faulheit, Ruhmsucht und Stolz. Die Reihung erfolgt aufsteigend - nach der Ichbezogenheit. Stolz ist damit die schwerste Sünde.

Eine Zusammenfassung auf sieben Todsünden geht auf Papst Gregor I. (590 - 604) zurück. Er fasste Ruhmsucht und Stolz, sowie Traurigkeit und Faulheit zusammen und fügte den Neid hinzu. Ergebnis seiner neuen Reihung war ein jahrhundertelang gültiger Katalog der Todsünden: Stolz, Neid, Zorn, Traurigkeit, Habgier, Völlerei, Wollust.

Seit dem siebten Jahrhundert wurde die Traurigkeit durch die Trägheit ersetzt.

Nach christlicher Auffassung liegt die Wurzel aller Sünden im Herzen des Menschen. Die Todsünde zerstört in uns den göttlichen Funken der Liebe, ohne den es keine ewige Seligkeit geben kann. Es sterben damit die Beziehungen zur eigenen Mitte, zu den Mitmenschen und zu Gott.

Tödlicher Stolz

Beim Stolz geht es, wie bereits ausgeführt, um die Versuchung, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Schon Augustinus (354 - 430) betonte, wie sehr die stolze Selbstliebe auf den „Ruhm von Menschen“ angewiesen ist und zur Selbstvergötterung führt, in der die Stolzen manchmal der Menge voraus gehen, bald ihr aber auch nachlaufen müssen (De Civitate Dei XIV, 28).

Sehr schnell kann alles Streben nach Autonomie in der Selbstversklavung enden. Je individualistischer wir uns gebärden, umso mehr sind wir dazu verurteilt, uns von unserem Nächsten zu entfernen. Manchmal denken wir, dass es sehr angenehm wäre, ein Egoist zu sein. Das würde Ruhe bedeuten. Doch es reicht uns letztlich nicht, wenn wir uns einen Rest an Sensibilität erhalten, uns mit uns selbst als Ziel zu begnügen. Dies ist ein bemerkenswerter Hinweis, der aus unserem Innersten kommt und uns zeigt, dass unser Ziel nicht in irdischer Vergänglichkeit, sondern im Transzendenten ruht.




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NIOBE
Lieblosigkeit