Was ist der Mensch?

von Nikolaus Werle

Diese Frage kann deshalb nicht eindeutig beantwortet werden, weil es viele Ansichten über den Menschen gibt. Menschenbilder sind allgemeine Vorstellungen vom Sinn des menschlichen Daseins, seinem Wert und von bestimmten Eigenschaften des Menschen.

Menschenbilder

Vier Auffassungen vom Menschen, welche in unserer Gegenwart wirksam sind, seien etwas näher erläutert:

1. Das biblische Menschenbild

Dieses beruht auf den in der Bibel überlieferten Aussagen. Der Mensch ist von Gott als sein Ebenbild als eigenständiges Wesen zur Freiheit und auch zur Verantwortlichkeit bestimmt. Aber der Mensch ist ein gefallenes Geschöpf, das sich seiner Unvollkommenheit bewusst ist. Der Vollkommenheit kommt er näher, wenn er seine höchste Bestimmung verwirklicht, Gott von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Die Bibel betont zwar die Sündhaftigkeit des Menschen, jedoch ist seine Gottebenbildlichkeit durch den Sündenfall nicht zerstört. In jedem Menschen ist diese Gottebenbildlichkeit verborgen, wenn auch bei nicht wenigen verschüttet...

2. Das humanistische Menschenbild

Es umfasst folgende Annahmen: Der Mensch ist im Grunde gut. Er ist fähig und bestrebt, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben. Der griechische Philosoph Protagoras (485 – 410) machte die folgenreiche Feststellung: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge!“. Er wurde so zu einem Initiator des humanistischen Menschenbildes.

3. Das existentialistische Menschenbild

Es wurde vor allem durch die beiden französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre und Albert Camus repräsentiert. Die Frage, wie soll der Mensch handeln, wenn er weder an Gott noch an die Macht der Vernunft glaubt, wird so beantwortet: Die Situation des Menschen ist absurd, weil die Welt an sich keinen Sinn hat und dem Menschen immer fremd bleibt.

4. Das an den modernen Naturwissenschaften orientierte Menschenbild

Wir denken mit dem Kopf. Darüber gibt es keinen Zweifel, werden viele sagen, womit denn auch sonst. Doch wohl nicht ernsthaft mit dem Fuß. Es ist klar, dass der Fuß gegen den Kopf keine guten Chancen hat, wenn man sich zwischen beiden in dieser Hinsicht entscheiden muss. Das Knie oder der Ellenbogen genauso wenig. Setzte man diesen Vorgang der Subtraktion schrittweise fort, wäre zum Schluss der gesamte Körper verschwunden, bis eben auf den Kopf.

Weil das eine sehr merkwürdige Konstruktion ist – ein Kopf ohne alles – könnte man gleich einen Schritt weitergehen und aus dem Kopf das Gehirn herauslösen. Man müsse nur das Gehirn untersuchen, will man sehen, wie Wahrnehmung, Gedanken und Bewusstsein sich bilden – eben im Kopf. So gelangen wir zu einem isolierten Gehirn, an dem sich ablesen lassen soll, wie wir zu unserer Welt und ihrer bewussten Wahrnehmung gelangen. Was uns ausmacht, könnte man vielleicht formulieren, steckt nach dieser Vorstellung letztlich im Gehirn, weshalb es zu einer Art Stellvertreter unserer selbst aufrücken kann – nach Wegfall aller körperlichen Anhängsel.

In dieser Konzeption entwirft das Gehirn seinem Besitzer die Welt wie in einem Illusionstheater. Dann sind wir selbst eigentlich immer schon solche Gehirne, oder genauer gesagt Produkte dieser Gehirne, die uns samt unseren Welten erzeugen.

Seit den Matrix-Filmen streiten sich Informatiker und Laien, ob alle unsere Erlebnisse und Eindrücke der Welt vollständig auf Computersimulation beruhen könnten.

Doch bevor wir uns ganz in Science fiction verrennen, halten wir fest, dass Bewusstsein, Denken und Wahrnehmung weder im Gehirn noch an irgendeinem anderen Ort lokalisierbar sind, sondern in unserem Kopf lediglich eine unumgängliche Verarbeitungsstation für diese Prozesse zu finden ist. Für Prozesse, welche leer liefen, wären wir nicht körperliche Lebewesen im beständigen dynamischen Austausch mit der Welt und mit den anderen. Das Gehirn kommt nicht irgendwie „vor“ dem Körper. Es ist keine Instanz unseres Weltzugangs, der Kopf allein ist eben nicht die Welt, an deren Bewältigung sich unsere Fähigkeiten messen.

Der Mensch, fähig zum Guten und zum Bösen

Diese vier Auffassungen haben alle einen wahren Kern. Sie schlagen einen weiten Bogen von den frühen Mythen der Menschheit bis zu den Theorien der heutigen Naturwissenschaften, die als Grundlagen für das Bild vom Menschen herangezogen werden. Welche Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen?

1. Der Mensch ist zum Guten fähig.

Dies erkennen wir an den zahlreichen, kleinen und heldenhaften, Verwirklichungen der Güte, der Großherzigkeit, der Nächstenliebe und der Aufopferung für die Wahrheit. Es gab immer wieder Menschen, denen Gerechtigkeit und Liebe wichtiger waren als das eigene Leben.

2. Der Mensch ist zum Bösen fähig.

Wir nennen jenen Menschen böse, der böse handelt, weil er das Böse verwirklichen will. Dies ist in voller Ausprägung nicht sehr oft der Fall, aber die Vorstufen dazu, welche wir alle kennen, begegnen uns täglich, bei uns selbst und bei den anderen. Das Böse floriert, wenn unser Verlangen nach persönlichen Vorteilen sich mit unserem Verleugnungspotential zusammentut und wir uns daran machen, allen, die uns im Weg stehen, Schaden zuzufügen und sie zu erniedrigen und auszuschalten.

Worin bestehen die großen Verirrungen der heutigen Zeit, die noch dazu deshalb besonders schmerzlich sind, da sie von vielen nicht erkannt oder sogar als Fortschritt betrachtet werden:
Reichtum ohne Arbeit
Genuss ohne Gewissen
Wissen ohne Charakter
Gesellschaft ohne Moral
Wissenschaft ohne Menschlichkeit
Religion ohne Opfer
Politik ohne Grundsätze
Toleranz ohne Prinzipien

Doch es geht auch anders

Laut einem Bericht in der Zeitung Frankfurter Allgemeine vom 3. Juli 2010 sollte dem Mathematiker Grigori Perelman der mit einer Million Dollar dotierte Millennium-Preis verliehen werden. Er hatte ihn für die Lösung der sog. Poincaré-Vermutung, eines der schwierigsten Rätsel der Mathematik, zugesprochen bekommen.

Jules Henri Poincaré, ein französischer Mathematiker, der von 1854 bis 1912 lebte, äußerte 1904 die Vermutung, dass unter allen dreidimensionalen Räumen nur die Sphäre einfach-zusammenhängend ist. Diese Vermutung wurde nach ihm benannt.

Wenn ein dreidimensionaler geschlossener Raum einfach-zusammenhängend ist, dann ist dieser Raum topologisch identisch mit der dreidimensionalen Sphäre. Dreidimensional bedeutet, dass sich der betrachtete Raum in jeder kleinen Umgebung durch drei Koordinaten beschreiben lässt. Geschlossen heißt endlich und randlos. Einfach-zusammenhängend bedeutet, dass sich jede geschlossene Kurve kontinuierlich zu einem Punkt zusammenziehen lässt. Die dreidimensionale Sphäre erfüllt offenbar alle diese Bedingungen, und Poincaré vermutete, dass sie allein durch diese Eigenschaften charakterisiert wird.

Anders als für Flächen in zwei Dimensionen hat sich diese Vermutung bezüglich drei Dimensionen als überaus schwierig erwiesen. Dreidimensionale Räume sind eine große Herausforderung an die Vorstellungskraft, und auch an den Erfindungsreichtum der Mathematiker. Zahlreiche Lösungsversuche sind im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlicht worden, darunter viele von hervorragenden Mathematikern. Kein Beweisversuch hielt der genauen Prüfung stand. Erst hundert Jahre nach Poincaré konnte Perelman einen hieb- und stichfesten Beweis vorlegen, dass Poincaré mit seiner Vermutung richtig lag.

Da ich schon Schwierigkeiten hatte, die Poincaré-Vermutung hier darzustellen und große Zweifel hege, ob dies auch gelungen ist, liegt es mir völlig fern, die Lösung Grigori Perelmans darzustellen. Daher verweise ich die Interessierten unter euch an unseren verehrten Professor Helmut Schmitz, der mir alles erläutern wollte, aber an meiner mathematischen Beschränktheit gescheitert ist...

Grigori Perelman wurde 1966 in Leningrad, heute wieder St. Petersburg, geboren. Er lebt heute am Rande seiner Geburtsstadt bei seiner Mutter, spielt Geige und gilt als ausgezeichneter Tischtennisspieler. Perelman ist arbeitslos, da er seine Anstellung an diversen Institutionen löste, weil er den Wissenschaftsbetrieb kritisiert.

Er habe lange Für und Wider der Auszeichnung des den Preis verleihenden Clay-Instituts abgewogen und halte die Entscheidung zu seinen Gunsten für ungerecht. Der Beitrag des Amerikaners Richard Hamilton zur Klärung der Poincaré-Vermutung sei „um kein bisschen geringer zu bewerten als meiner“, sagte der als wortkarg beschriebene Mathematiker.

So können wir abschließend feststellen, dass wir zwar nicht die Welt ändern können, wohl aber uns selbst, nämlich durch die Weigerung, mit der Masse zu heulen und das eigene Ich im Trubel des Wohlstands zu verlieren.



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