Neid

von Nikolaus Werle
Giotto: Invidia

Giotto (1266 - 1337): Invidia, Scrovegni-Kapelle in Padua

Giotto und Aristoteles

Die Fresken von Giotto in der Arena-Kapelle in Padua, die etwa um 1300 entstanden sind, stellen den Neid als verhärmte Frau dar. An ihr züngeln Flammen empor und sie ist jeder Attraktivität weiblicher Attribute beraubt. Aus dem Mund ragt an Stelle der Zunge eine Schlange, die sich gegen die Augen windet und ihr den Blick verstellt. Invidia bedeutet Un-Blick, Verneinung des Sehens.

Neid ist ein komplexes Geschehen, er ist ein negatives Gefühl, das zersetzt. Aber er ist mehr als ein Gefühl. Denn er ist gegen eine andere Person gerichtet und zieht den Neider selbst in Mitleidenschaft. Neid will schädigen. Nid bedeutete im Mittelhochdeutschen Anstrengung, Eifer, und bezog sich vornehmlich auf kämpferische Auseinandersetzungen, galt eher als Tugend, nicht als destruktive Kraft.

Erhellende Unterscheidungen findet man bereits bei Aristoteles. Er unterscheidet drei Unlustempfindungen: Neid, Nemesis und Eifer. Nemesis, der gerechte Unwillen, ein begründetes Gefühl von Kränkung, von Herabsetzung des Selbstwertgefühls, stellt sich gegenüber demjenigen ein, der über Güter oder Vorzüge verfügt, die ihm nicht zustehen oder deren er nicht würdig ist. Neid wird hingegen wachgerufen, weil eine andere Person im Besitz von bestimmten Gütern oder Vorzügen ist, die ihr nicht gegönnt werden.

Versuch einer Beschreibung

Unbemerkt beobachten seine blinzelnden Wieselaugen die Umgebung. Er weiß genau, was ihm fehlt. Seine Leidenschaft glüht im Verborgenen. Er braucht für sie keine Bühne. Derart überladen ist er mit Willenskraft, dass ihm nur der Rückzug in sich selbst bleibt. So bemerkt niemand, was gerade seinen Unmut erregt. Eine tiefe Abneigung hat ihn schon immer beherrscht. Aber plötzlich versetzt ihn der bloße Anblick des anderen in kalte Wallung. Der Anlass kann nichtig, der Gegenstand winzig sein, unversehens sieht er sich in den Schatten gestellt. Unerträglich ist ihm das Wohlergehen des anderen. Fremdes Glück ist sein Unglück. Er wünscht ihm alles Übel auf Erden. Dafür verachtet er sich, und diese Verachtung zerfrisst seine Seele.

Um sich nichts anmerken zu lassen, beißt der Neider die Zähne zusammen und schaut schräg nach unten. Nur notdürftig verbirgt der scheelsüchtige Blick seine Begierde. Neid spannt den Körper an und steigert die Aufmerksamkeit. Immer neue Indizien sucht er, und sind keine zu finden, so erfindet er sie einfach. Neid schlägt das Denken in seinen Bann, lenkt Wahrnehmung und Fantasie. Wie ein innerer Zwingherr regiert er Körper, Gefühl und Verstand.

Der Neid folgt dem Vergleich mit sich selbst. Der Neider missgönnt dem anderen seinen Besitz, seinen Rang, seinen Erfolg, seine Kraft oder seine Schönheit. Worin er das Glück des anderen vermutet, darum beneidet er ihn. Sein eigenes Dasein erscheint dem Neider ärmlich, wertlos, hässlich. Je weniger einer von sich selbst eingenommen ist, desto größer sein Neid.

Im sozialen Vergleich findet das unglückliche Bewusstsein zu sich selbst. Wäre es allein in der Welt, hätte es nur sich als Maß. Der Schmerz über das eigene Ungenügen, über Mangel, Armut, Unfreiheit bliebe ihm erspart. Es sind die anderen, die den Menschen auf sich selbst zurückwerfen und das Gefühl auslösen, dümmer, ungeschickter, weniger begehrenswert zu sein. Der Vergleich ruiniert die Selbstachtung und erregt Gier und Missgunst. Unerträglich ist der Schmerz angesichts fremden Wohlergehens.

Der Neider möchte besitzen, was der andere besitzt, und wenn es nicht zu erlangen ist, so soll jener doch zumindest verlieren, was er hat. Zugrunde gehen soll er in seinem Wohlstand, ersticken soll er in seinem Geld, verrückt werden soll er mit seiner Klugheit, verbrennen soll er in Lob und Ansehen. Nur fremdes Leid vertreibt kurzzeitig die eigene Trübsal. Aber indem er sich am Schmerz des anderen erwärmt, degradiert der Mensch sich selbst. Plötzlich muss er niedere Instinkte entdecken, die er nie und nimmer in sich vermutet hätte. Der Vergleich hetzt die Menschen gegeneinander, und der Neid ruiniert ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein.

Neid ist ein einsames Laster. Er kann es nicht ertragen, wenn ein anderer bevorzugt wird. Es genügt der Verdacht, jemandem gehe es gut, um auf den irrigen Gedanken zu verfallen, er selber sei wieder einmal zu kurz gekommen. Immerzu nagen Zweifel am Gefühl eigenen Werts, unentwegt sinnt er darüber nach, wie er zurückgesetzt wurde. So verfinstert sich Neid zu tiefem Groll.

Weil er etwas nicht haben kann, soll alle Welt nichts haben. Aber wie soll er es anstellen, dieses Ansinnen in die Tat umzusetzen, durch Lüge und Tücke, durch eine offene Attacke? Wie kann er sich Genugtuung verschaffen, ohne Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren?

Es ist weniger der moralische Frevel, der ihn aus der Gesellschaft ausschließt, es ist die Selbstsucht des Neides, die ihn von den anderen entfernt. Diese Verstimmung trennt ihn sogar von seinen besten Freunden. Obwohl er sie schätzt, beschleicht ihn heimliche Befriedigung, sobald ihnen ein Missgeschick widerfährt. Vom Schicksal Verwöhnte erregen selten freundliche Gefühle. Die meisten Freunde verdankt der Mensch dem Umstand, dass sie ihm keinen Grund für Neid geben.

Weil Neid in der Öffentlichkeit wenig Ansehen genießt, tarnt er sich häufig mit der Rhetorik der Kritik und Gerechtigkeit. Der missgünstige Moralist verweist stets auf fehlende Verdienste, wenn er dem anderen Gut und Glück abzusprechen sucht. Unverdient sei ihm alles zugefallen, mit unlauteren Mitteln habe er alles zusammengerafft, nur ein günstiges Los habe ihm zum Erfolg verholfen. Unwürdig sei er des Vorteils, dieses Schoßkind des Schicksals, dieser Günstling der Macht und Favorit der Willkür.

Der Neidhammel ist niemals glücklich



Mit Vergnügen ergeht er sich in Schmähungen, stellt die Fehler des anderen heraus und wertet dessen Leistungen ab. Anders als der Arglistige verhält sich der Neider jedoch wenig zielstrebig. Er labt sich am Schaden des anderen, aber ihm fehlt die Rationalität der Hinterlist. Die Verschlagenheit des Intriganten und die Heimtücke des Verräters fehlen ihm. Der Neidische reagiert von Fall zu Fall, er nutzt die Gelegenheit, aber stellt sie nicht her. Hört er zufällig vom Missgeschick seines Widersachers, will er sofort alle Einzelheiten wissen.



Es ist der Ehrgeiz, der Menschen dazu anhält, Vorbildern zu folgen und sich fremdes Glück zum Maßstab zu nehmen. Neid kennt keine positiven Idole. Der Andere ist vielmehr schuld am eigenen Nachteil. Er wird nicht bewundert oder imitiert, sondern herabgewürdigt und zerstört.

Wettbewerb hat diverse Antriebe: Geltungssucht, Maßlosigkeit, Ehrgeiz, Sportsgeist. Anders als der Neid sucht der Eifer eine Lösung im eigenen Vermögen, in der eigenen Leistung. Der Schüler, der seinen Meister anbetet, müht sich mit Fleiß und Talent, so zu werden wie er. Ihn treibt nicht der Neid, sondern der Wille zum Erfolg, zur Anerkennung, zum Ruhm. Neid indes kennt keine Bewegung nach oben. Er will den Anderen am Boden sehen. Neid ist eine ganz und gar negative Kraft, die nichts als Ruin und Verderben zur Folge hat.

Der modernen Gesellschaft hat man nachgesagt, der höhere Lebensstandard habe den Neid gemildert. Je mehr jeder habe, desto geringer das Begehren nach des anderen Glück. Und je weniger man begehre, desto geringer der Wunsch nach des anderen Unglück. Aber Wohlstand hebt die Moral nicht. Die Wünsche der Menschen sind ebenso unerschöpflich wie ihre Fantasien. Je offener die Gesellschaft und je transparenter die Märkte und Milieus, desto größer das Wissen davon, was man entbehrt und was man besitzen könnte. Wenn jeder ein Auto, einen Kühlschrank und ein Fernsehgerät besitzt, dann beneidet man den anderen eben um sein Aussehen oder seine Gesundheit, um sein Ansehen oder sein Charisma.

Materielle Knappheit ist für Neid weder notwendig noch hinreichend. Habenichtse zeigen oft weniger Missgunst als Begüterte. Forderungen und Ansprüche steigen mit dem Lebensstandard. Wie Revolten nicht von den Ärmsten der Armen, sondern von denjenigen getragen werden, die etwas zu verlieren haben, so sind Neid, Groll und Ressentiment besonders unter jenen verbreitet, die glauben, auf dem Weg nach oben zu kurz gekommen zu sein. Wer nichts hat, will meist nur wenig. Wer etwas hat, will immer mehr. Und wer alles hat, der will etwas anderes.

„Stolz, Luxus und Betrügerei
muss sein damit ein Volk gedeih..“

Alles Notwendige zu diesem Thema hat eigentlich schon der niederländische Arzt für Nerven- und Magenleiden, Bernard de Mandeville, gesagt. Vor dreihundert Jahren veröffentlichte er, in London wohnend, anonym die „Bienenfabel“. Am Beispiel eines Bienenstaates, als Metapher für England, beschrieb Mandeville in Versform eine reiche, aber lasterhafte Gesellschaft. Die Reichen huldigen dem Luxus, die Armen schuften, um zu überleben. Advokaten verdrehen das Recht, Ärzte sehen Kranke als zahlende Kunden und nicht als Hilfsbedürftige. Politiker streichen als „Nebengelder“ ein, was ihnen in ihren Ämtern plötzlich zufällt. Allerorten blüht Verschwendung und Luxus, Neid und Eitelkeit, Modesucht und Gier.

Diese so abstoßend scheinende Gesellschaft entdeckt die Tugenden der Rechtschaffenheit, der Sparsamkeit und der Anspruchslosigkeit - und sie verarmt. Dem Handel ist seine Schubkraft entzogen. Reiche und Arbeiter wandern aus. Stolz, Luxus und Betrügerei muss sein, damit ein Volk gedeih, reimte Mandeville als die Moral seiner Geschichte.

Intuitiv und durch Beobachtung der Menschen verstand der Arzt Mandeville, dass der Drang des Menschen nach Mehr die entscheidende Antriebskraft für die Wirtschaft ist. Sein Lob des Luxus und der dadurch entstehenden Nachfrage fand noch 1936 die Zustimmung von John Maynard Keynes (1883-1946), dem bedeutenden Ökonomen.

Wohlstand entsteht, wenn der Staat ein Regelwerk sicherer Eigentumsrechte setzt und den Rest der spontanen Marktordnung überlässt. Moralisch aufgeladene Kapitalismusschelte hilft nicht weiter, wie schon Mandeville wusste:

„Mit Tugend bloß kommt man nicht weit.
Wer wünscht, dass eine goldene Zeit
Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
Man musste damals Eicheln essen."

Phrasen & Redensarten

Neid ist die Eifersucht darüber, dass sich Gott auch mit anderen Menschen außer uns beschäftigt.
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Die geschickteste Art, einen Konkurrenten zu besiegen, ist, ihn in dem zu bewundern, worin er besser ist.
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Neid: der Ärger über den Mangel an Gelegenheit zur Schadenfreude.
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Hätte ich keine Feinde und keine Neider, dann wäre ich eigentlich schlecht.
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Erfolg ist so ziemlich das letzte, was einem vergeben wird.
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Eine Ehe ist wie ein Restaurantbesuch - man denkt immer, man hat das Beste gewählt, bis man sieht, was der Nachbar bekommt.
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Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.
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Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.
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Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.
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Erfolg ist nur halb so schön, wenn es niemanden gibt, der einen beneidet.



Schlussfolgerung

Der Neid ist in der Reihe der sieben Todsünden die unangenehmste und heimlichste. Namenlose Bosheit, kaltblütige, aber heimliche Feindseligkeit, ohnmächtiges Begehren, verborgener Groll und Gehässigkeit, all das gehört zu diesem Laster. Der Neider ist kleingeistig und weiß darum. Unerträglich scheint ihm des Anderen Wohl, Ruhm und Besitz. Er sähe ihn gern am Boden zerstört und ist nur zur Schadenfreude fähig...



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