EIN PROPHET

Regie: Jacques Audiard
Buch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain
Darsteller: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Hichem Yacoubi et al.
Produktion: Chic Films, F/I 2009
Länge: 155 Minuten
FSK: ab 16

Für Malik El Djebena, die Titelfigur dieses Films, ist der Antritt seiner sechsjährigen Haftstrafe wie eine Geburt. Als er seine Habseligkeiten abgeben muss, legt er in den Karton eine zerdrückte Zigarette und einen ganz klein gefalteten 50-Franc-Schein, den er zuvor vergeblich versuchte, vor den Wachen in seinem Schuh zu verstecken. Malik hat keine Welt, die zusammenbrechen könnte. Er kann Französisch und Arabisch sprechen, aber nicht lesen oder schreiben. Er hat keine Schulbildung, keinen Job, keine Familie. Seine Existenz ist so nackt und bloß wie er selbst, als er sich der demütigenden oralen und analen Durchsuchung durch die Wärter unterziehen muss: Zunge rausstrecken, vorbeugen, husten.

Dieser Film ist ein Gefängnisdrama, es gibt Machtkämpfe, verkommene Knastgenossen und ihre Abwehr, das brutale Ausrauben und Rempeln auf dem Gefängnishof - und natürlich die Initiationsriten. Malik lernt schnell, wer in seinem Gefängnis das Sagen hat: Ein kleiner, mächtiger Clan um den korsischen Mafiaboss César Luciani, der auch die meisten Wärter unter seiner Kontrolle hat. Die Korsenclique kann im Knast schalten und walten, wie sie will. Und sie ist bereit, Malik vor Übergriffen zu schützen. Er muss dafür nur einen Mord begehen – den ersten seines Lebens.

Die Szene, in der Malik den Araber Reyeb in dessen Zelle umbringen muss, ist dafür beispielhaft. Zunächst muss Malik unter Schmerzen lernen, wie er eine Rasierklinge in seinem Mund verbergen kann, ohne sich selbst zu verletzen. Beim Vortäuschen sexueller Handlungen soll er die Klinge in die Halsschlagader Reyebs jagen, ein schneller, gründlicher Schnitt. Tagelang übt er den Kniff vor dem Spiegel, während das Blut aus seinem zerschnittenen Mund ins Waschbecken tropft.

Als es schließlich so weit ist, geht nichts nach Plan. Es kommt zum Handgemenge, und was als elegantes Mordmanöver gedacht war, wird zum Gemetzel. Am Ende dieser Szene, die aus einer grausam distanzierten Kameraperspektive gefilmt wird, steht Malik zitternd und blutüberströmt über dem im Todeskampf zuckenden Körper Reyebs. Das Grauen dieser Szene entsteht nicht so sehr durch den im Kino schon tausendfach gezeigten Akt der Brutalität, es entsteht durch den erschreckend blanken Ausdruck auf Maliks Gesicht: Während seine Nerven noch vibrieren, hat ihn ein Teil seiner Menschlichkeit schon verlassen. Töten zu können ist in der Welt Maliks eine Notwendigkeit.

Malik wird nun zum Dienstboten der Korsen, er kocht ihnen Kaffee, bringt ihnen das morgendliche Weißbrot. Er genießt den Schutz der Mafiosi, aber er, der Araber, gehört nicht dazu, das lassen sie ihn spüren. Einzig Luciano, der eiskalt-pragmatischer Pate, wird für Malik zur Vaterfigur. César Luciano sieht Potential in dem linkischen Jungen, dessen vergeblicher Versuch, sich einen Schnurrbart stehen zu lassen, ihn noch verletzlicher wirken lässt. Und Malik begreift, dass es Geschäftssinn und Skrupellosigkeit braucht, um eine Machtposition einzunehmen. Er beginnt, César genau zu beobachten. Aber es ist sein kurz vor der Entlassung stehender arabischer Mitinsasse Ryad, der Malik nicht nur anspornt, Lesen und Schreiben zu lernen, sondern auch vorschlägt, ein eigenes Distributionsnetz für Rauschgift im Gefängnis aufzubauen.

So lernt Malik bei den Korsen das Handwerk und baut nebenbei mit muslimischen Freunden Ryads seine eigene Organisation auf – bis es zum unvermeidlichen Abnabelungsprozess vom Lehrmeister Luciano kommen muss. Als das, Jahre später, passiert, ist es wieder ein Mordbefehl, den Malik für César ausführen soll, doch der inzwischen gut geschulte Verbrechensautodidakt spielt längst sein eigenes Spiel. Zum Blutbad – in der an die Gefängniszelle erinnernden Enge eines Auto-Innenraums – kommt es trotzdem. Und wieder läuft nicht alles nach Plan, wieder wird es ein chaotisches Gemetzel.

Doch diesmal, als er schießend und unter sterbenden Männern begraben im Fußraum des Wagens gefangen ist – huscht ein zufriedenes Lächeln über Maliks Gesicht. Es ist eine der wenigen Gemütsregungen des jungen Mannes. Welche Konflikte sich auch immer hinter den wissenshungrigen, wachsamen, aber letztlich undurchdringlichen Augen Maliks verbergen mögen, man kann sie nur erahnen.

„Ein Prophet“, und hier kommt eine religiöse Komponente ins Spiel, heißt dieses ungewöhnliche Gangster-Epos deshalb, weil Malik seit seinem ersten Mord von Reyebs Geist heimgesucht wird, dem ermordeten Muslim-Bruder, den er opfern musste, um seine Karriere zu beginnen. Reyebs Wunde klafft noch immer an seinem Hals, doch er scheint seinem Mörder freundlich gesonnen zu sein und schickt ihm manchmal Visionen der nahen Zukunft. Das verleiht dem Film eine surreale, poetische Ebene – und stilisiert Malik zu einer geheimnisvollen Figur. Die alte, traditionell auf Profit ausgerichtete Cosa Nostra, verkörpert von Luciano, wird abgelöst von einer kraftstrotzenden, zusätzlich vom Frust sozialer Ausgrenzung getriebenen Mafia junger Muslime. Nach sechs Jahren Ausbildung ist der Niemand aus dem namenlosen Vorort ihr mächtiger Pate.

„Ein Prophet“ ist weit mehr als ein Gefängnisfilm. Dem Regisseur Jacques Audiard gelingt es, aus der problematischen Gefängnissituation eine Karriere und Bildungsbiographie zu entwickeln, in der die Hauptfigur ihre niedersten Instinkte entwickelt. Der Film erzählt eine komplexe Geschichte von Rache und Herrschaft, von der Suche nach einem Vater und von dessen Vernichtung. Der wortkarge Malik beginnt, das Töten zu trainieren.

Dieser Film lässt uns zusehen, wie Macht entsteht und wieder zerfällt, wie sie für neue Opfer, Täter und Dulder sorgt.

N. Werle