Starrsinn, Geltungssucht, Unterwürfigkeit und Hinterlist

von Nikolaus Werle



Diese vier Charakterlosigkeiten, die sich aus Vernunft- oder Moralschwäche ergeben, gehören nicht zum Katalog der Todsünden, aber sie spielen im menschlichen Leben keine kleine Rolle. Denn wir selbst unterliegen ihnen oder begegnen ihnen bei anderen.

Starrsinnigkeit:

Die Starrsinnige denkt mit präziser Monotonie und misstraut Ungewöhnlichem, Unabhängigem und Außerordentlichem. Ihr Herz ist eng, ihr Blick ist wachsam, ihre Haltung angespannt. Im Gespräch beharrt sie auf ihrem Standpunkt, bei Streitigkeiten gibt sie keinen Zentimeter nach. Entschuldigungen sind ihr ein Gräuel, denn sie hat immer Recht. Da sie schon alles weiß, wird sie mit der Zeit auch nicht klüger. Sie gehört zu den Starrköpfen und Pedanten, zu den Prinzipienreitern und Pflichtmenschen, die ihre Zeitgenossen drangsalieren.

Der Starrsinn ist eine Unart des Verstandes. Das eigene Wissen für umfassend zu halten, ist dabei das Grundproblem. Mit vorgefasster Einschätzung wird die lästige Erfahrung vermieden, nicht alles zu wissen. Die Wirklichkeit wird in einfache Formen gepresst, wodurch Gewissheit entsteht. Die Schemata der Vergangenheit werden über die Gegenwart gestülpt.

Halsstarrigkeit schützt vor Kritik. Für viele Menschen ergibt sich die Attraktivität eines Weltbildes nicht aus seinem Inhalt, sondern aus seiner Gewissheit. Absurdes, Triviales oder Erhabenes eignet sich gleichermaßen als Dogma, wenn es als die einzige Wahrheit angesehen wird. Absolut gewiss ist vielen nur, was nicht verstanden wird. Müsste es mit Argumenten begründet werden, wäre es für Widerspruch anfechtbar.

Dem Prinzipienreiter sind doppelsinnige Reden, Ironie und Satire verhasst. Zwischentöne überhört er, Kompromisse verachtet er. Der Gegensatz von Freund und Feind ist ihm wohlvertraut. Er ist außerstande, die Welt versuchsweise mit den Augen des anderen zu sehen.

Eine solide Stütze des Starrsinns ist die Ängstlichkeit. Das Gefühl der Bedrohung verstärkt den Wunsch nach Gewissheit. Gefährlich ist alles, was unbekannt ist. Daraus ergibt sich, dass Starrsinn auf Abwehr ausgerichtet ist.

So unbeweglich das Denken der Starrsinnigen ist, so unnachsichtig verhält sich die Prinzipienreiterin in Fragen der Moral. Auch Tugenden zweiten Ranges wie Pünktlichkeit und Sauberkeit erlangen große Bedeutung. Schon die geringste Übertretung wird zum Problem. Je mehr Vorschriften, desto geringer der Bedarf nach Selbstständigkeit. Wer keine Fehler zu machen wagt, hält sich sklavisch an die Anweisungen und Befehle. So werden die Regeln mit der Zeit zum Selbstzweck. Rechthaber drangsalieren ihre Zeitgenossen mit bösartiger Unduldsamkeit. Sie trinken keinen Alkohol, sie rauchen nicht, geben sich keinen Abenteuern hin, werfen keinen Abfall weg, hinterlassen keinen Hundekot im Park. Sie spielen sich als Hüter von Ordnung und Anstand auf.

Starrsinnige versteinern in ihrer Hingabe an die Tradition oder gewisse Gewohnheiten, die ihnen die Mühen des eigenständigen Denkens ersparen.



Geltungssucht

In diesen Zeiten des vermeintlichen Individualismus ist Geltungssucht weit verbreitet. Fremder Zuneigung kann sich der einzelne kaum sicher sein. Kein sozialer Kreis garantiert das Gefühl, für jemanden auf Dauer wichtig zu sein. Je mehr das Individuum durch die Gesellschaft irrt, desto zerbrechlicher wird sein Selbstwertgefühl und desto gieriger ist es nach Bestätigung. So gieren viele Menschen danach, zumindest bekannt oder prominent zu werden, sei es durch lautes Geschwätz oder penetrante Präsenz.

Der Geltungsgierige schielt immer nach oben. Er nährt sich vom Beifall und scheint nur durch fremde Anerkennung zu existieren. Insgeheim ahnt er, dass er nicht so vollkommen ist, wie er gerne gesehen werden möchte. Daher die innere Unruhe, die ängstliche Erregung am Abgrund des Nichts. Immer will er beachtet werden, gelobt, bewundert, geliebt. Jede Gelegenheit nutzt er, seine Verdienste herauszustreichen.

Geltungssucht unterhöhlt die Wechselseitigkeit sozialer Anerkennung. Wer geachtet werden will, muss unter Menschen leben, die er selbst achtet. Die Geltungsgierigen degradieren die anderen zu Zuschauern. Sie sind bloß der Resonanzboden. Die Trägheit der Zuschauer nimmt das Geltungsstreben meist unkommentiert hin. Schließlich sorgt es ja für Unterhaltung.



Unterwürfigkeit

Das Selbstbewusstsein des aufrechten Gangs ist den Unterwürfigen unbekannt. Dem direkten Blick weichen sie aus, einige ziehen sich in sich selbst zurück, als wollten sie sich verkleinern. Unterwürfigkeit ist keineswegs ein Relikt vormoderner Gesellschaften. Auch in Zeiten der Gleichheit ist der Ungeist des Domestiken anzutreffen. Überall findet man Kriecher, Duckmäuser und Speichellecker. Untergebene kuschen vor ihren Vorgesetzten. Denn Gehorsam zeigt der Unterwürfige nicht gegenüber dem Gesetz, sondern gegenüber einer Person.

Im Bösen wie im Guten ist es die Willkür der Person, welche den Duckmäuser beeindruckt, die Unberechenbarkeit eines höheren Willens, der sich sein eigenes Gesetz zu geben scheint. Wer Regeln eigenwillig nutzt oder ganz in den Wind schlägt, zieht durch seine Souveränität den Unterwürfigen in seinen Bann. So sehr ist er den Launen seines Herrn ausgeliefert, dass er sich mit ihm identifizieren muss, um selbst überhaupt jemand zu sein.

Herrschaft beruht häufig auf nichts anderem als auf dem Bedürfnis nach Zuneigung. Viele Herren haben nichts in der Hand als den Glauben devoter Knechte. Der Herr allein verleiht ihrem Leben Richtung und Sinn. Knechtschaft ist nicht nur das Unrecht der Herren, welche Menschen zu Sklaven machen, sondern auch das Unrecht der Unterjochten an sich selbst. Feigheit, Trägheit und Torheit locken sie in die freiwillige Knechtschaft. Sie gebären die Macht, die sie beherrscht, und halten sie am Leben. In ihrer Unterwürfigkeit fühlen sie sich endlich geborgen.

Der Untertan lächelt freundlich, um sich keine Blöße zu geben, er pflichtet sofort jeder Meinung bei, er geht sorgfältig jedem Streit aus dem Weg. Nicht zu verwechseln ist Kriecherei mit Demut. Demut ist das Bewusstsein eigener Grenzen. Demut widersteht der Geltungsgier, denn sie weiß, dass man sich mit sich selbst nicht zufrieden geben soll. Demut glaubt nicht an sich, aber ebenso wenig an andere.

Der Unterwürfige verschleudert seine Freiheit und missachtet sich selbst. Er pflegt seine hündische Existenz. Unterwürfigkeit ist die Fortsetzung des Kampfs um Anerkennung mit den Mitteln der Selbstabwertung. Mit heimlichem Groll sieht er die Welt und wundert sich, dass niemand ihn schätzt. Der Wurm krümmt sich, um sich klein zu machen. Aber wer sich freiwillig zum Wurm macht, kann nicht darüber klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.



Hinterlist

Die Geschichte der Menschheit begann, laut biblischem Mythos, mit einer List. Die Schlange log nicht und sprach nicht die Wahrheit, als sie Eva verführte. Klüger als alle Tiere des Feldes umgarnte sie ihr argloses Opfer, bis es von selbst tat, wie die Schlange es wollte. Mit Halbwahrheiten, winzigen Verdrehungen und Doppelsinnigkeiten setzte sie die große Verlockung in das Herz des Menschen. Eigenmächtig kann der Mensch nun entscheiden, was ihm heilsam und hinderlich ist. Die Grenzen, welche ihm das Paradies gesetzt hatte, sind durchbrochen. Sein Gesetz kann er sich nun selbst geben. Genesis 3:

1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und Gott sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. 20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Kaum entdecken die Kinder das Böse, erkennen manche auch schon die Vorteile der Arglist. Heimtücke erspart handgreifliche Übergriffe. In einer Welt der Hinterlist wächst das Misstrauen. So greift schließlich der Verdacht um sich, dass ein jeder, auch der Nächste, insgeheim ein Feind sein könnte.



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